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Treffen im Kreml: Putin (links) spricht mit Kadyrow.
Treffen im Kreml: Putin (links) spricht mit Kadyrow.(Foto: dpa)

Luxusleben und Privatarmee: Kadyrow - Putins Mann fürs Grobe

Von Gudula Hörr

Vor einem Jahr wurde mitten in Moskau der Oppositionspolitiker Nemzow ermordet. Ein Weggenosse ist sich sicher: Hinter der Tat steckt Tschetscheniens Herrscher Kadyrow, gedeckt von Russlands Präsident. Putin spielt mit dem Feuer.

Fast ein Jahr liegen die Schüsse auf den russischen Oppositionspolitiker Boris Nemzow zurück, die diesen im Herzen Moskaus niederstreckten. Jetzt hat Ilja Jaschin, ein enger Freund Nemzows und Vizechef der liberalen Partei Parnas, erklärt, wen er für den Drahtzieher der Tat hält: Ramsan Kadyrow, das Oberhaupt Tschetscheniens und ergebener Diener des russischen Präsidenten Wladimir Putin. "Ich habe keinen Zweifel, dass Kadyrow hinter dem Mord an Nemzow steckt", sagte Jaschin der britischen Zeitung "Guardian".

Am Dienstag stellte Jaschin in Moskau einen Bericht zu Kadyrow vor. Der Titel: "Bedrohung für die nationale Sicherheit". In der 65-seitigen Untersuchung, für die sich Jaschin heimlich in der tschetschenischen Hauptstadt Grosny mit Informanten traf, kommt er zu einem eindeutigen Fazit: "Tschetschenien ist ein Staat im Staate, in dem die Gesetze Russlands nicht gelten."

Kadyrow verfügt über eine Privatarmee mit Zehntausenden Kämpfern.
Kadyrow verfügt über eine Privatarmee mit Zehntausenden Kämpfern.(Foto: AP)

Als Beleg führt er unter anderem die Privatarmee des 39-jährigen Kadyrow an. Bei vielen dieser rund 30.000 Kämpfer soll es sich um ehemalige Rebellen handeln, die Kadyrow treu ergeben sind. Sie sollen von einem russischen Geheimdienstmann trainiert worden sein und effizienter als russische Truppen kämpfen. Im Krieg in der Ostukraine waren offenbar schon einige von ihnen auf Seiten der prorussischen Rebellen im Einsatz. Auch in Syrien kämpfen sie an der Seite des syrischen Regimes, wie es erst vor wenigen Wochen Russlands Staatsfernsehen unter Berufung auf Kadyrow berichtete. "Tschetscheniens beste Kämpfer sind dort", hieß es unter anderem.

Neben der Privatarmee prangert Jaschin in seinem Bericht außerdem den Personenkult, Vetternwirtschaft und Korruption in der tschetschenischen Republik an. Auch das Luxusleben Kadyrows mit einer Uhrensammlung und mehr als 100 Pferden kritisiert er, das dieser sich angeblich von einem Wohltätigkeitsfonds finanzieren lässt. In den Fonds müssten alle Unternehmen und Beamte einzahlen.

Trotz offensichtlicher Korruption schreitet Moskau in Tschetschenien - im Gegensatz zu anderen russischen Regionen - nicht ein. Kreml-Kritiker mutmaßen schon seit langem, dass Putin Kadyrow weitgehend freie Hand gibt. Im Gegenzug für eine Selbstständigkeit und Alimentierung aus Russland erledigt Kadyrow die Schmutzarbeit und verfolgt unerbittlich Separatisten und Islamisten.

"Putin hat ein Problem erschaffen"

Bei der Vorstellung seines Berichts wird Jaschin mit falschen Dollarscheinen beworfen und beschimpft.
Bei der Vorstellung seines Berichts wird Jaschin mit falschen Dollarscheinen beworfen und beschimpft.(Foto: dpa)

Allerdings ist es ein Spiel mit dem Feuer, das Putin betreibt. Im vergangenen Jahr befahl Kadyrow etwa tschetschenischen Sicherheitskräften, auf Polizisten aus anderen russischen Regionen zu schießen, sollten diese sich in Tschetschenien aufhalten. "Putin hat ein Problem erschaffen, von dem er nicht weiß, wie er es lösen soll", meint Jaschin, der bei der Vorstellung seines Berichts von zwei Provokateuren beschimpft und mit Dollarscheinen beworfen wird - bevor die Veranstaltung wegen einer angeblichen Bombendrohung ganz aufgelöst wird. "Tschetschenien ist heute ein quasi-islamischer Staat innerhalb der Russischen Föderation, der nicht russischen Regeln gehorcht und dessen einzige Verbindung zu den föderalen Behörden darin besteht, systematisch Geld von ihnen zu beziehen. Die russische Gesellschaft schweigt, weil die Menschen vor Kadyrow Angst haben."

Dass diese Angst berechtigt ist, glauben auch Menschenrechtler wie der russische Anwalt Pawel Tschikow. Alle Morde in den vergangenen Jahren hätten entweder eine rechtsextremistische oder eine tschetschenische Spur, sagte er n-tv.de. Im Falle Nemzow führten die offiziellen Ermittlungen schnell nach Tschetschenien. In einem Interview mit der "Welt" erklärte Jaschin, dass die mutmaßlichen Mörder, unter ihnen der stellvertretende Kommandeur von Kadyrows Leibgarde, zwar in Haft säßen. Doch zweifele er daran, "dass Kadyrows Offiziere so ein Verbrechen ohne eine direkte Anweisung oder Zustimmung des tschetschenischen Präsidenten begehen konnten".

Jaschin ist sich sicher: Putin deckt Kadyrow. Ob der russische Präsident allerdings auch der Auftraggeber ist, weiß er nicht. "Wenn Putin tatsächlich darin verwickelt ist, ist die Lage in Russland viel schlimmer, als wir alle glauben."

Schon jetzt ist sie zweifelsohne schlimm für russische Oppositionspolitiker. Seit dem Mord an Nemzow hat sich der Druck auf die Opposition noch einmal verstärkt - auch befeuert durch Kadyrow: "Wir werden Russland retten, indem wir seine Feinde nicht verschonen", verkündete er im Januar. Zugleich bot er an, die "Psychosen" der Kreml-Gegner in tschetschenischen Heimen mit "Injektionen" zu behandeln. In einem Video auf seiner Instagram-Seite zeigte er Anfang Februar ein Video mit führenden russischen Oppositionspolitikern im Fadenkreuz eines Gewehrs. "Wer es noch nicht gekriegt hat, kriegt es jetzt", heißt es darunter in einem Text.

Der Vizechef von Parnas, Wladimir Kara-Mursa, sprach gegenüber der Nachrichtenagentur AFP von einem "direkten Aufruf zum Mord". Das Video sei die "Folge der Straflosigkeit, die seit der Ermordung von Boris Nemzow herrscht". Der ehemalige Regierungschef Michail Kasjanow, der wie Kara-Mursa auf dem Video zu sehen ist, wurde nur wenige Tage später in einem Moskauer Restaurant angegriffen - vermutlich von Anhängern Kadyrows.

Quelle: n-tv.de

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