Politik

Situation in Athen dramatisch: Kein Geld, kein Sprit, erste Hamsterkäufe

Die Börsen in Europa reagieren mit einem Kurssturz auf die Ereignisse in Griechenland. In Berlin stellen sich Kanzlerin Merkel und Wirtschaftsminister Gabriel der Presse. In Griechenland selbst sind die Menschen höchst verunsichert. Die Lage sieht dramatisch aus.

Nach dem Scheitern der Schuldengespräche schwankt die Stimmung in Griechenland zwischen Abwarten und Angst. "Einigen Banken ist bereits das Geld ausgegangen", berichtet unser Redakteur Jan Gänger aus der griechischen Hauptstadt. So würden die Menschen über Stunden vertröstet, um wieder an Bargeld zu kommen. Ohnehin darf jeder Grieche nur 60 Euro pro Tag abheben. Zudem gibt es an vielen Tankstellen kein Benzin, an anderen bilden sich lange Schlangen. Auch kommt es zu ersten Hamsterkäufen in den Supermärkten. Vor allem Hygieneartikel werden massenhaft gekauft.

In einer ersten Reaktion erlaubte die Regierung die kostenfreie Nutzung der öffentlichen Verkehrsmittel in Athen und Umgebung - und zwar bis zum 7. Juli, wenn die Banken wiedereröffnet werden sollen.

Derweil bittet Griechenlands Ministerpräsident Alexis Tsipras die Staats- und Regierungschefs der Eurozone in einem Brief, das Hilfsprogramm um einen Monat zu verlängern. "Ich ersuche Sie, dass Ihre Regierung in der Frage die eigene Position noch einmal überdenkt", schreibt Tsipras an seine Amtskollegen. In dem Schreiben verteidigte er gleichzeitig das Referendum als demokratisches Recht des griechischen Volkes.

Die Euro-Finanzminister hatten sich mit den Griechen nicht über eine Verlängerung gegen weitere Kürzungen einigen können. Daher kann das taumelnde Euro-Mitglied nicht mehr mit den verbliebenen 7,2 Milliarden Euro rechnen, die seine Staatskasse so dringend benötigt. "Sie sind die einzigen, die so schnell wie möglich, möglicherweise sogar noch heute Abend, die Entscheidung der Eurogruppe revidieren können", hatte Tsipras am Sonntagabend in einer Rede seine Bitte auf den Punkt gebracht. Bislang haben die Euro-Länder noch nicht reagiert.

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Von einer dramatischen Situation berichtet auch die EZB. "Wenn die Banken und auch die Börse eine Woche geschlossen werden, ist das sehr dramatisch für Griechenland", sagte EZB-Ratsmitglied Ewald Nowotny. "Man kann nur hoffen, dass es nach der Volksabstimmung zu einer vernünftigen Lösung kommt." Sollten die Griechen dabei mit "Nein" stimmen, dann seien die Möglichkeiten für weitere konstruktive Wege sehr gering.

Österreichs Finanzminister Hans Jörg Schelling sagte, die Euro-Finanzminister seien weiter verhandlungsbereit - "jeden Tag und jede Stunde". "Wir sind für jede Lösung zu haben, wir wollen Griechenland im Euro und in der EU halten." Das Mittelmeerland habe jedoch von sich aus den Verhandlungstisch verlassen.

Programmhinweis

Zur Griechenland-Krise zeigt n-tv um 15.00 Uhr ein News Spezial mit dem Titel "Showdown um Griechen-Drama".

Kanzlerin Angela Merkel und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel wollen sich ab etwa 14.30 Uhr in Berlin zur Griechenland-Krise äußern. Dann würden sie die Presse gemeinsam unterrichten, erklärt das Bundeskanzleramt.

Athen: "Grexit" kommt nicht infrage

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Die griechische Regierung machte am Morgen noch einmal deutlich, dass für sie ein "Grexit" nicht infrage kommt. Der Syriza-Politiker Giorgos Chondros sagte: "Ein Ausstieg aus der Eurozone war für die griechische Regierung nie eine Option und ist auch jetzt keine Option." Chondros ist Mitglied im Zentralkomitee der Partei.

Chondros verteidigte die Entscheidung, über die Reformmaßnahmen ein Referendum abzuhalten. Die griechische Bevölkerung habe das demokratische Recht, "über ihre eigene Zukunft selbst zu entscheiden." Unabhängig vom Ausgang des Referendums komme es nicht zu einem "Grexit".

Für Deutschland stehen 80 Milliarden auf dem Spiel

Käme es zu einem Ausscheiden Griechenlands aus der Eurozone, würde dies nach Einschätzung des stellvertretenden SPD-Fraktionschefs Carsten Schneider Deutschland teuer zu stehen kommen. "Dass das was kostet, ist vollkommen klar", sagte Schneider mit Blick auf die nach Expertenschätzung gut 80 Milliarden Euro Forderungen an Griechenland, für die Deutschland in der Haftung steht. "Ganz weg ist es nicht", sagte Schneider zu dieser Summe. Aber er sei sicher, dass Griechenland diese Gesamtsumme nicht zurückzahlen könne, wenn das Land den Währungsraum verlassen sollte.

Auf die Frage, wie diese deutschen Haftungen finanziert werden sollten, sagte Schneider: "Ich meine, das müssten dann auch gerade diejenigen, die die stärkeren Schultern haben, auch bezahlen".

Damit, dass die griechischen Banken nach dem angekündigten Referendum am kommenden Sonntag wieder öffnen können, rechnet Schneider nicht. "Davon würde ich nicht ausgehen", sagte er. Im Übrigen werde die griechische Regierung weiterhin mit Vertrauensproblemen ihrer Gläubiger zu tun haben. "Wenn das Volk dem Euro zustimmen würde, müsste die griechische Regierung zurücktreten", sagte er. Denn ein solches Votum könnte sie nicht umsetzen, weil das ihren eigenen Vorstellungen letztlich widerspreche.

Europas Börsen belastet

Die Börsen in Europa haben mit einem Kurssturz auf die jüngsten Entwicklungen in der griechischen Schuldenkrise reagiert. Am Morgen brach der Deutsche Aktienindex (Dax) in Frankfurt am Main zum Handelsstart um über vier Prozent ein. Ebenfalls um mehr als vier Prozent bergab ging es an den Börsen in Paris, Amsterdam und Madrid - in Lissabon sogar um über fünf Prozent. Die Börse in Athen bleibt vorerst geschlossen.

Quelle: n-tv.de

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