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Lettas letzte Ausfahrt. Der Pragmatiker wurde regelrecht aus dem Amt geputscht.
Lettas letzte Ausfahrt. Der Pragmatiker wurde regelrecht aus dem Amt geputscht.(Foto: dpa)

Eigene Partei putscht gegen Regierungschef Letta: "Klein-Berlusconi" fast am Ziel seiner Träume

Der italienische Regierungschef Letta tritt offiziell von seinem Amt zurück. Jetzt soll ein junger Aufsteiger aus Florenz das Land aus der Krise führen: Matteo Renzi, Chef der Demokratischen Partei Lettas.

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Italiens Regierungschef Enrico Letta ist nach knapp zehn Monaten im Amt zurückgetreten. Wie angekündigt reichte er bei Präsident Giorgio Napolitano seine "unwiderrufliche" Demission ein, wie der Präsidentenpalast in Rom mitteilte. Napolitano werde nun Beratungen führen, um einen Nachfolger zu nominieren, hieß es in der Erklärung.

Am Donnerstag hatte Letta einen Machtkampf in seiner Partei PD gegen Parteichef Matteo Renzi verloren. Renzi hatte Letta Unentschlossenheit im Kampf gegen die Wirtschaftskrise vorgeworfen. Beobachter rechnen fest damit, dass er den Auftrag erhält, eine neue Regierung zu bilden. Einen entsprechenden Entschluss könnte Napolitano bereits an diesem Sonntag fällen. Nach seiner Nominierung müsste sich Renzi im Parlament mit seinem Kabinett einem Vertrauensvotum stellen.

Renzi mangelt es nicht an Selbstbewusstsein

In Rom rätseln derweil viele über die Motive für den Putsch in den eigen Reihen: Entweder ist Renzis Selbstvertrauen so groß, dass er sich zutraut, die italienische Wirtschaft mit tiefgreifenden Reformen wiederzubeleben und so das Vertrauen der Bürger zu gewinnen. Oder der Parteichef wollte sein Schicksal einfach selbst in die Hand nehmen und nicht darauf warten, bis ihm der 47-jährige Letta Platz macht.

Mit Matteo Renzi sollen die Italiener wieder einen Politiker bekommen, der dem Typus Berlusconi stark ähnelt.
Mit Matteo Renzi sollen die Italiener wieder einen Politiker bekommen, der dem Typus Berlusconi stark ähnelt.(Foto: AP)

"Sich selbst in die Schusslinie zu wagen, ist immer riskant. Aber ein Politiker muss manchmal Risiken eingehen", sagte Renzi unlängst. Anschließend forderte er seine Partei auf, Letta fallenzulassen.

Die Rivalen konnten ihre gegenseitige Verachtung kaum verbergen. Obwohl beide aus dem zentristisch-katholischen Flügel der PD kommen, könnten sie kaum unterschiedlicher sein. Letta hat das Image eines zuverlässigen, aber etwas spröden Politikers. Der hemdsärmelige Renzi dagegen kommt zu Terminen auch gerne mal mit dem Rad. Statt wie andere Politiker in Hinterzimmern römischer Restaurants zu speisen, bevorzugt der Vater von drei Kindern Pizza und Cola und trägt Freizeitkleidung. Sein Redestil wird oft als ungestüm und übermütig beschrieben. Begeisterung ruft er bei seinen Anhängern hervor, wenn er den bekanntesten Komiker des Landes nachmacht und griffige Phrasen drischt.

Auch sein politischer Werdegang unterscheidet ihn von anderen Politikern: Er wurde nie ins Parlament gewählt und wäre der erste Ministerpräsident ohne Mandat seit 1993. Mit seinen 39 Jahren wird er bei EU-Treffen der jüngste Regierungschef sein.

Einladung an Beppe Brillo

Eigentlich war in Rom erwartet worden, dass Renzi zunächst eine Wahlreform abwartet, um dann aus einem Urnengang im kommenden Jahr mit einer großen Mehrheit gestärkt hervorzugehen. Die Gründe für sein Vorpreschen sind nicht bekannt: Entweder traut er sich zu, mit der bisherigen Koalition erfolgreicher zu sein. Oder er will ein neues Bündnis mit Parteien bilden, die im Moment in der Opposition sind. Er hat bereits Abgeordnete der Fünf-Sterne-Bewegung von Komiker Beppe Grillo aufgefordert, ihre Fundamentalopposition aufzugeben.

Renzi wurde als "Rottamatore" bekannt und beliebt - also als "Verschrotter", der eine ganze Generation von Politikern absägen wollte, die nach seiner Ansicht an ihren Stühlen kleben. Von Kritikern wird er gern als Populist und "Klein-Berlusconi" bezeichnet - in Anspielung an den einstigen Regierungschef und Medien-Milliardär Silvio Berlusconi. Er verkehrt mit Stylisten, Fernseh-Entertainern und war auch schon auf dem Titelblatt der "Vanity Fair" zu sehen. Im Fernsehen hatte er seinen ersten Auftritt mit 19 Jahren. 1994, als Berlusconi die erste Wahl gewann, nahm Renzi in einer Ratesendung teil, die damals auf einem Kanal des konservativen Politikers und Medienunternehmers lief. Renzi gewann das Quiz.

Quelle: n-tv.de

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