Politik
Beim Karneval sollen rund 2000 Polizisten im Einsatz sein.
Beim Karneval sollen rund 2000 Polizisten im Einsatz sein.(Foto: dpa)

Der Hochsicherheitskarneval: Kölns letzte Chance

Von Christoph Herwartz, Köln

Wenn der Karneval in diesem Jahr eskaliert, könnte es mit dem multikulturellen Miteinander in Köln vorbei sein. Die Welt schaut hin, die Stadt wappnet sich.

Auf dem Alter Markt, dem Platz mit den vielen Brauhäusern, vernageln sie schon Brunnen und Statuen mit dicken Brettern. Tribünen werden aufgebaut, Straßensperren vorbereitet. Köln rüstet sich für den Karneval, jenes Volksfest, von dem sich die Stadt Jahr für Jahr gerne überrollen lässt. Dass die historischen Denkmäler zu diesem Anlass geschützt werden, ist normal. Das wilde Urinieren galt bislang als das schädlichste Begleitphänomen der wilden Feierei. Wie es richtig zu bestrafen sei, war schon Gegenstand mancher Debatte.

Nun schaut auf einmal die Welt auf den Kölner Karneval. Nicht, weil sie sich so sehr für Schunkeln und Strüßje interessieren würde, sondern weil sich hier vermeintlich entscheidet, ob das friedliche Zusammenleben von Kulturen im 21. Jahrhundert möglich ist. Das ist vielleicht eine übertriebene Deutung, aber Köln ist zu einem Symbol geworden. Köln sieht sich selbst als weltoffene Stadt, Köln hat seit Jahrzehnten Erfahrung mit Zuwanderung, Köln hat die Aufgaben der Flüchtlingskrise mutig angenommen. Wenn hier das Zusammenleben an seine Grenzen stößt, wenn die Kölner Angst vor ihren Gästen haben müssen, dann hat das eine Bedeutung für Deutschland und darüber hinaus.

Wenige Schritte vom Alter Markt entfernt sitzt nun Oberbürgermeisterin Henriette Reker. "Wir nehmen die Ereignisse der Silvesternacht sehr ernst", sagt sie. "Sie dürfen sich nie wiederholen." Und sie weiß: "Die Weltöffentlichkeit wird sehr genau hinsehen."

Es reicht nicht, sich nur auf ein Bedrohungsszenario vorzubereiten

Reker ist umrahmt von neun Männern. Von der Polizei über das Festkomitee Kölner Karneval bis zu den Abfallwirtschaftsbetrieben wollen die Verantwortlichen zeigen, dass sie das Problem im Griff haben. Aber welches Problem eigentlich?

Video

An Silvester zogen Banden von nordafrikanischen Taschendieben über die Plätze zwischen Dom und Hauptbahnhof. Sie warfen Böller in die Menge, bestahlen die Passanten, feixten Polizisten an und vergriffen sich an Frauen. Mehr als 350 Sexualdelikte wurden nach dieser Nacht angezeigt.

Ob das so wieder passiert? Wer weiß. Noch immer gibt es nur sehr sporadische Informationen darüber, wie sich die Täter verabredeten, auf was sie es eigentlich abgesehen hatten und wie die Gruppe zu so einer Größe anwachsen konnte. Was man weiß: Die Täter kamen aus unterschiedlichen Städten. Vermutet wird darum, dass es sich um viele kleine Gruppen handelte, die sich über die arabische Sprache spontan zusammenfanden und gegenseitig bis zur Eskalation aufschaukelten. Was passiert ist, kann wieder passieren. Allerdings könnte auch etwas anderes geschehen, was so noch niemand vorhersieht.

Das Sicherheitskonzept für den Karneval ist darum nicht auf ein konkretes Bedrohungsszenario ausgerichtet, wie das etwa bei Fußballspielen oder Demonstrationen der Fall ist.

Doppelt so viele Polizisten

Wichtigste Neuerung ist ein Koordinierungsgremium, das an Weiberfastnacht, Karnevalssonntag und Rosenmontag alle Einsätze miteinander vernetzen wird. Vertreten sind die Stadt, die Polizei, die Berufsfeuerwehr, die Bundespolizei, die Kölner Verkehrsbetriebe, die Deutsche Bahn und die Veranstalter der größeren Karnevalszüge. Nach der Silvesternacht hatte die Polizei zugeben müssen, dass niemand die vielen einzelnen Informationen zu einem Lagebild zusammengeführt hatte. Das soll nicht wieder vorkommen. Polizeipräsident Jürgen Mathies betont, dass seine Behörde über Bundeskriminalamt und Landeskriminalamt auch Informationen der Nachrichtendienste weitergereicht bekommt.

Die Polizei wird mehr als 2000 Polizisten und damit doppelt so viele wie im vergangenen Jahr einsetzen. Dazu kommen die normalen Kräfte in den Polizeirevieren, die ebenfalls etwa mit doppelter Stärke im Einsatz sind.

Das Ordnungsamt fährt alle Kräfte auf, die verfügbar sind: Es hat Mitarbeiter überredet, ihren Urlaub zu verschieben, hat ehemalige Ordnungsamtsmitarbeiter angeheuert und lässt sich von einem Sicherheitsdienst sowie Mitarbeitern aus anderen Städten verstärken. Insgesamt will es 400 Kräfte im Einsatz haben. Außerdem stellt es an dunklen Orten 30 mobile Beleuchtungsmasten auf. Die Stadt rechnet mit Kosten von 378.000 Euro und Überstunden im Wert von 100.000 Euro.

Polizeipräsident warnt vor zu hohen Erwartungen

Polizei und Ordnungsamt wollen auch bei kleinen Verstößen härter durchgreifen. Das gilt zum Beispiel für das Tragen von Waffenimitaten. Zu so mancher Verkleidung gehörte in den vergangenen Jahren eine Kalaschnikow aus Plastik. Träger solcher Spielzeuge will die Polizei kontrollieren und die Waffen konfiszieren, wenn durch sie zum Beispiel die Gefahr besteht, dass sie Angst oder Panik auslösen.

Eine Neuerung ist auch eine Anlaufstelle speziell für Frauen in der Nähe des Domes. Dort sind der Opferschutzbeauftragte der Stadt und verschiedene Verbände ansprechbar. Die Stelle arbeitet eng mit der Polizei zusammen und soll gewährleisten, dass Anzeigen von Frauen korrekt aufgenommen werden.

Die Polizei ist optimistisch, dass sie die Lage im Griff hat. Sie verweist auf die verstärkten Einsätze gegen das Rocker-, Hooligan- und Türstehermilieu und gegen Taschendiebstahlbanden. Die Zahl der entsprechenden Delikte sei deutlich zurückgegangen.

Nach Karneval wird die Weltöffentlichkeit genau schauen, wie sicher der Karneval wirklich war. Polizeipräsident Mathies warnt vor zu hohen Erwartungen: Auch in den vergangenen Jahren wurden während des Karnevals jeweils 50 Sexualdelikte angezeigt.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen