Politik

Nicht nur ein "Fall Klein""Kollateralschäden" der US-Armee

07.12.2009, 15:58 Uhr

US-Bomben hageln auf die südafghanische Provinz Farah. Sie gelten Aufständischen, doch die Opfer sind Zivilisten. Der jüngste von einigen Fällen, die unter der Rubrik "Kollateralschäden" auch die Amerikaner erschüttern.

US-Bomben hageln auf die südafghanische Provinz Farah. Sie gelten Aufständischen, doch die Opfer sind Zivilisten. Dutzende Dorfbewohner sterben unter den Trümmern ihrer Häuser. Der jüngste von einigen Fällen, die unter der Rubrik "Kollateralschäden" seit Beginn der Einsätze im Irak und in Afghanistan auch die Amerikaner erschüttern. Niemals jedoch fokussiert sich in den USA die Kritik auf einzelne Befehlshaber - wie im Fall des deutschen Obersts Georg Klein, der den verheerenden Luftangriff mit bis zu 142 Toten bei Kundus angefordert hatte. US-Militärexperten warnen: Kommandeure dürfen nicht persönlich an den Pranger gestellt werden.

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Ein US-Soldat in Afghanistan. (Foto: REUTERS)

"In den USA werden Mitglieder der Armee nur dann persönlich zur Verantwortung gezogen, wenn sie gegen das Gesetz verstoßen", sagt der Mitarbeiter des Thinktanks "Center for Strategic and Budgetarian Assessment", Jan van Tol, in Washington. "Jemanden öffentlich dafür zu verurteilen, dass er in einem Kriegsgebiet eine mit Risiken behaftete Entscheidung getroffen hat, die sich hinterher als falsch erweist, ist allerdings unüblich."

Diese wäre auch kontraproduktiv: "Wenn wir jeden Befehlshaber für derartige Entscheidungen entlassen würden, wäre das ein falsches Signal", meint der pensionierte Kapitän der US-Navy. "Dies würde risikoscheue Nachfolger erzeugen - und das kann nicht im Interesse einer Armee sein."

So gab es zwar nach dem Bombardement von Farah eine US-afghanische Untersuchung und das Pentagon räumte offiziell Fehler ein. Bei den Operationen seien nicht alle Leitlinien für derartige Einsätze befolgt worden, so der Bericht des US-Zentralkommandos. Zu keinem Zeitpunkt aber wurde der zuständige Befehlshaber persönlich angegangen.

Menschenrechtler fordern weitere Aufarbeitung

Menschenrechtsorganisationen wie "Human Rights Watch" gehen solche Untersuchungen oft nicht weit genug. Etwa die Aufarbeitung eines Luftangriffs, der sich im August 2008 in der Provinz Herat in Afghanistan ereignet hat. Auf der Jagd nach einem Talibanführer bombardierten US-Streitkräfte das Dorf Azizabad und töteten rund 90 Zivilisten. Das Pentagon reagierte mit einem Report, der nach Meinung von "Human Rights Watch" verharmlosend ist. "Die Milde des Berichts stellt die Absicht des Verteidigungsministeriums infrage, dass Todesfälle von Zivilisten vermieden werden sollen", sagte Brad Adams, der Asien-Direktor der Organisation. Adams warnte: Solange die Obama-Regierung nicht mehr Druck auf die Luftwaffe mache, werde es weitere Tote unter unschuldigen Zivilisten geben.

Das sieht der Militärexperte Generalmajor a.D. William Nash aus Washington anders: "Wer einen Krieg führt, weiß, dass er auch hässliche Begleiterscheinungen hat", sagt er. Dass der "Fall Klein" in Deutschland derartige Wogen auslöse, habe auch damit zu tun, dass es in jüngster Vergangenheit noch nicht viele Befehle für Angriffe gegeben habe, bei denen auch Zivilisten ums Leben gekommen seien. "Bei der US-Armee ist das aufgrund der vielen Einsätze in den vergangenen Jahrzehnten anders. Entsprechend anders ist auch die Aufnahme solcher Vorfälle in der amerikanischen Bevölkerung."

Der Verteidigungsexperte Michael O'Hanlon vom Thinktank "Brookings Institut" sieht das ähnlich. "Ich denke, die deutsche Reaktion ist mit Blick auf die Sorge um die zivilen Opfer zwar sehr angemessen, jedoch sollte der Vorfall keinen Zweifel daran aufkommen lassen, dass es richtig ist, sich weiter in Afghanistan zu engagieren."

Quelle: Antje Passenheim, dpa