Politik
Soldaten gegen die Drogenindustrie - diese Strategie ist trotz erheblicher Gewaltanwendung nie wirklich erfolgreich gewesen.
Soldaten gegen die Drogenindustrie - diese Strategie ist trotz erheblicher Gewaltanwendung nie wirklich erfolgreich gewesen.(Foto: REUTERS)
Freitag, 22. April 2016

Weniger Waffen, mehr Hilfe: Kolumbiens anderer Kokainkrieg

Von Roland Peters, Bogotá

Drei lateinamerikanische Länder wollen bei der UN eine Neuausrichtung der weltweiten Anti-Drogen-Strategie erreichen und scheitern. Doch in Kolumbien setzt sich bereits ein völlig neuer Ansatz durch.

"Der Drogenschmuggel ist der Treibstoff des bewaffneten Konflikts", sagt Bo Mathiasen. Der Däne nippt an seiner Tasse Kaffee und lässt den Satz wirken. Mathiasen ist Chef des United Nations Office on Drugs and Crime (UNODC), in Kolumbien auf dem Feld der Koka-Bekämpfung ein wichtiger Akteur. "Die Produktion und der Absatz von Drogen, der in großem Stil in den 80er Jahren begann, hat die bereits bestehenden Auseinandersetzungen in Kolumbien verschlimmert." Seit über 50 Jahren herrscht der Bürgerkrieg zwischen der linksgerichteten Guerilla und dem Staat bereits, dazu kommen Paramilitärs und kriminelle Banden. Das Kokain finanziert ihn.

Wie soll die internationale Strategie gegen das Drogenproblem in Zukunft aussehen, bei Produzenten und Konsumenten? Das war die große Frage, zu der in dieser Woche eine dreitägige UN-Sondersitzung stattfand. Der repressive Ansatz der vergangenen Jahrzehnte hat sich als teuer und wenig effizient erwiesen: Die Verbote für Drogen treiben die Preise und damit die Gewinne auf dem illegalen Markt in die Höhe. Wird ein krimineller Kopf geschnappt, rückt meist sofort ein Nachfolger an seine Stelle.

Lateinamerika ist von der Erfolglosigkeit der Gegenmaßnahmen besonders geplagt und wollte Veränderungen. Mexiko, Kolumbien und Guatemala hatten die Sondersitzung beantragt. "Die Überprüfung des bisherigen Ansatzes kann nicht weiter aufgeschoben werden", hatten sie erklärt. Nun ist die Sitzung vorüber, aber für die drei Länder ist das Ergebnis der Beratungen enttäuschend: Die bisherige Vorgehensweise wurde größtenteils bestätigt, eine internationale Einigung über die Entkriminalisierung des Drogenkonsums gab es nicht. Auch wenn in der westlichen Welt ein Trend zur Legalisierung erkennbar ist, gibt es in Asien und weiten Teilen Afrikas dafür keine Zustimmung.

420 Tonnen produziertes Kokain

Beschlagnahmtes Kokain im Hafen von Cartagena. Hier koordiniert die kolumbianische Marine ihre Einsätze.
Beschlagnahmtes Kokain im Hafen von Cartagena. Hier koordiniert die kolumbianische Marine ihre Einsätze.(Foto: AP)

Kolumbien war im vergangenen Jahr der größte Kokainproduzent der Welt, vor Peru und Bolivien. Die im Land hergestellte Menge wird auf 420 Tonnen geschätzt, 68 Prozent mehr als 2014. Ein Grund für den steilen Anstieg sind auch ausgesetzte Vernichtungsmaßnahmen von Kokafeldern, weil das eingesetzte Glyphosat als womöglich krebserregend gilt. Aber bereits vorher war die Verkleinerung der Anbauflächen nicht dauerhaft. Wenn massiver Pestizideinsatz und Waffengewalt als Strategie nicht funktionieren, was dann?

Immer mehr setzt sich die Überzeugung durch, dass es nicht nur um die Droge an sich geht, um Waffengewalt und Bestrafung, sondern um die Schwachstellen, die Menschen und Gemeinden veranlassen, Koka anzubauen. Die UNODC hat vor allem die fehlende Präsenz des Staates und schlechte Infrastruktur ausgemacht. "Die Straßen sind der Schlüssel", sagt Mathiasen.

Bauern in ländlichen Gegenden, in denen die Guerilla oder eine kriminelle Organisation ("Banda Criminal", kurz Bacrim) die Kontrolle über den Alltag haben, werden inzwischen eher als Opfer wahrgenommen, denen geholfen werden muss. Das Koka sichert das Überleben der dortigen Gemeinden, der Staat hat kaum oder keinen Zugang. Etwa 65.000 kolumbianische Familien sind vom Koka wirtschaftlich abhängig. Die UNODC fördert deshalb alternativen Anbau. Der Wechsel von Kokasträuchern zu anderen Pflanzen dauert mitunter mehrere Jahre. Sinn macht dies nur, wo auch die Infrastruktur ausreicht: Sind keine Verkehrswege vorhanden oder sind sie zu schlecht, ist es für die Bauern schwer bis unmöglich, ihre Produkte auf den Markt zu bringen. Also bleiben sie beim Kokaanbau. Die Blätter werden in Küchen vor Ort verarbeitet und in handlichen Mengen transportiert.

Den "Krieg gegen die Drogen", den US-Präsident Richard Nixon 1971 erklärte, diese Mischung aus Gewalt gegen die Produzenten und strenge Bestrafung der Konsumenten, sehen viele lateinamerikanische Länder als gescheitert an. Vor allem die USA haben Milliarden Dollar in den militärischen Kampf investiert - mit kaum messbarem Erfolg. 95 Prozent der Droge in den USA kommen aus Kolumbien.

"Die Vereinten Nationen haben nie einen solchen Krieg erklärt", grenzt sich Mathiasen ab. Falls es diesen Krieg jedoch gibt, muss er nach Überzeugung der UNODC mit den Opfern gemeinsam gegen die Täter geführt werden, aber ohne Waffen. Dabei arbeitet die kolumbianische Regierung unter Präsident Juan Manuel Santos mit der UN-Organisation zusammen. Die Friedensverhandlungen mit der Farc- und ELN-Guerilla sind Bausteine, um zu vielen Familien in abgelegenen ländlichen Gebieten einen Zugang zu finden.

"Wir brauchen ein neues Paradigma"

Die UNODC hat neben ihrer kolumbianischen Zentrale in Bogotá weitere dreizehn Regionalbüros, meist in der Nähe von Koka-Anbaugebieten. Seit Jahrzehnten konzentrieren sich die inzwischen etwa 150 Mitarbeiter vor Ort darauf, die Anbauflächen an ihren Rändern zu reduzieren, indem sie Verträge mit Bauern abschließen. Neben der Guerilla sind auch die großen Verbrechersyndikate ein Faktor, wie auch in anderen Teilen Lateinamerikas. "Wir brauchen ein neues Paradigma, das den Fluss von Ressourcen ins organisierte Verbrechen stoppt", hatten Mexiko, Guatemala und Kolumbien vor dem Gipfel erklärt.

Die kriminellen Organisationen haben ihr Geschäftsportfolio längst diversifiziert, sind auch in illegalen Bergbau, Menschen- und Waffenhandel bis hin zu Produktpiraterie verwickelt. Für sie ist der Drogenhandel wegen der großen Gewinnspanne aber noch immer ein wichtiger Pfeiler. In Kolumbien ist der Clan Úsuga die größte Banda Criminal, und an dessen Spitze steht Otoniel, der mächtigste Drogenboss seit Pablo Escobar. Seit etwas mehr als einem Jahr führt Kolumbien gegen den Clan ihre Einsatzkräfte in der Operation Agamenón zu Felde. Hunderte Mitglieder soll Otoniel seither bereits verloren haben. Vor Beginn von Agamenón sollen für den Clan 50 Kommandeure, 2900 Mitglieder sowie 12.000 Verbündete aktiv gewesen sein.

Um den kriminellen Organisationen zumindest einen Teil ihrer Finanzierung zu entziehen, sind die Familien als Drogenproduzenten offenbar der Schlüssel. Mit ihnen verdienen diejenigen Geld, die das Kokain auf die internationalen Märkte schmuggeln. Die von der organisierten Kriminalität besonders betroffenen Länder drangen deshalb auf eine neue weltweite Strategie - wurden aber enttäuscht.

Quelle: n-tv.de

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