Bundeswehr in AfghanistanKugeln und Geschütze ohne Kraft
Die durch den Tod dreier Bundeswehrsoldaten entfachte Debatte über die Ausrüstung der deutschen Truppen in Afghanistan erhält neuen Zündstoff. Nach der Kritik an Ausbildung und Versorgung geht es nun um die Durchschlagskraft von Munition und Geschützen.
Die Liste der Vorwürfe zu Ausrüstung und Ausbildung der Bundeswehrsoldaten in Afghanistan wird länger. Der bis 2009 als Kommandeur in Afghanistan eingesetzte Brigadegeneral Jörg Vollmer bemängelt in einem Bericht, aus dem die "Bild"-Zeitung zitiert, dass es an "wirkungsvoller Munition" für das Standard-Gewehr G36 fehle. Die fehlende "Mannstoppwirkung" der Hartkernmunition führe dazu, dass getroffene Taliban nicht sofort kampfuntauglich seien. Darüber hinaus kritisiert Vollmer die Bordkanonen der leichten Panzerfahrzeuge "Dingo" und "Fuchs". Die Geschütze hätten zu wenig Durchschlagskraft. Sie könnten deshalb Häuser und Wälle in landestypischer Bauweise nicht durchdringen. Der General beklagt auch das Fehlen von deutscher Artillerie in Afghanistan, wie zum Beispiel der Panzerhaubitze 2000.
Zu spät, halbherzig und inkonsequent
Die Kritik schließt sich vorangegangener Urteile an. Vor allem Ex-Militärs halten das Material, mit dem die Bundeswehr in Afghanistan agiert, für unangemessen. "Die jungen Soldatinnen und Soldaten werden von einer Nation geopfert, die ihnen alles an nötiger Technik zur Verfügung stellen könnte", sagte der frühere Generalinspekteur der Bundeswehr, Harald Kujat, der "Sächsischen Zeitung". "Das ist ungeheuerlich." Die notwendige Ausrüstung werde immer zu spät, halbherzig und inkonsequent zur Verfügung gestellt. Als Beispiele nannte er die mangelnde Fähigkeit zur strategischen Luftaufklärung und fehlende moderne Mörser. Zudem forderte er ein Streitkräfteführungs- und Informationssystem und eine Truppenverstärkung.
Der frühere Planungschef im Verteidigungsministerium, Ulrich Weisser, sagte der "Bild"-Zeitung, es sei inakzeptabel, dass die Bundeswehr in Afghanistan nicht über einen einzigen Kampfhubschrauber verfüge. "Hier muss dringend Abhilfe geschaffen werden." Auch der designierte Wehrbeauftragte Hellmut Königshaus forderte im "Tagesspiegel" Kampfhubschrauber für die Bundeswehr in Afghanistan. Außerdem müssten die Truppen mit modernen Aufklärungssystemen, Kampfpanzern und Mörsern ausgestattet werden. "Wer in das Kanonenrohr eines Leopard 2 schaut, überlegt sich zweimal, ob er eine deutsche Patrouille angreift," so Königshaus. Zuvor hatte bereits sein Vorgänger, der scheidende Wehrbeauftragte Reinhold Robbe, Mängel in der Ausbildung der deutschen Soldaten angeprangert.
Westerwelle gegen Rückzug
Die Bundesregierung schließt nach den Kritiken eine Nachbesserung der Ausrüstung der Bundeswehr in Afghanistan nicht aus. Man unternehme alles, damit die Ausrüstung dort bestmöglich sei, sagte Außenminister Guido Westerwelle der "Bild"-Zeitung. Sollten hier neue Fragen auftauchen, "werden Bundeswehr und Bundesregierung dem unverzüglich nachgehen". Westerwelle bekräftigte angesichts der jüngsten Anschläge zudem, der Truppenabzug aus Afghanistan solle 2011 beginnen. "Wenn wir jetzt Hals über Kopf abziehen würden, wäre das Land in ganz kurzer Zeit wieder Rückzugsgebiet des Weltterrorismus. Dann würde die Anschlagsgefahr auch in Europa erheblich größer."