Politik
Jeder darf mitmachen bei der großen Debatte. Der Übersichtlichkeit ist das nicht zuträglich.
Jeder darf mitmachen bei der großen Debatte. Der Übersichtlichkeit ist das nicht zuträglich.(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 05. April 2017

TV-Debatte in Frankreich: Le Grand Durcheinander

Von Alexander Oetker

So eine TV-Debatte wäre in Deutschland undenkbar: Elf Kandidaten reden vier Stunden wild durcheinander. Macron salbadert, die Linken stottern und Le Pen wirkt fast normal. Dem Zuschauer hilft da nur reichlich Weißwein.

Es fängt schon extrem an: Beim Familienfoto der Präsidenten-Kandidaten will Philippe Poutou nicht mitmachen. Favorit Emmanuel Macron versucht, den Mann auf die Bühne zu ziehen, doch der Autobauer bei Ford in Bordeaux wehrt sich, will nicht mit den etablierten Politikern auf ein Bild. Also wird's nur ein Foto zu zehnt. Marine Le Pen steht dabei in der Mitte. Französische Normalität.

Marine Le Pen war an diesem Abend nur eine Extreme unter vielen.
Marine Le Pen war an diesem Abend nur eine Extreme unter vielen.(Foto: dpa)

Und es ist der Beginn eines genauso denk- wie merkwürdigen Abends. Am Ende wurde unzählige Male der Austritt aus der Europäischen Union gefordert, der Verteidigungsetat wurde auf dem Papier mehrfach verzehnfacht, und aus der korrupten Politikerkaste wurden Saubermänner. 

Schon in der Vorstellungsrunde offenbart sich der ganze Wahnsinn dieser Debatte. Jeder, der Unterschriften von 500 Bürgermeistern bekommen hat, darf als Präsident kandidieren. Und dieser Vorgang ist offenbar zu einfach. So kann der alte Salonlinke Jacques Cheminade hier stehen, der sich selbst als "wütenden Mann" beschreibt. "Jeden Tag bringt sich ein Bauer um. Ein Mann ohne Arbeit. Das kann ich nicht hinnehmen. Diese Diktatur der Finanzwelt."

Dann ist da Jean Lassalle, ein Abgeordneter aus den Pyrenäen, der so ländlich französisch spricht, dass man selbst als alter Frankreichkorrespondent so seine Schwierigkeiten hat. Er setzt sich ständig die Brille auf und ab, um seine Notizen zu suchen, sodass es wirkt, als hätte er vorher dem Pastis reichlich zugesprochen. Lasalle ist ein Verschwörungstheoretiker, Freund von Assad und Putin. Seine Haltung? Bis zum Schluss unklar.

Es geht wild durcheinander

Und dann ist da noch Philippe Poutou, der im Sweatshirt neben den Kandidaten mit Krawatte steht und ätzt: "Wir leiden unter dieser Gesellschaft, die alles zerstört. Die Gesellschaft der Superreichen, der korrupten Politiker. Einer steht hier sogar ganz nahe bei uns."

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Das ist natürlich eine Anspielung auf François Fillon. Der Kandidat der Konservativen ist beinahe erledigt, seitdem die Staatsanwaltschaft gegen ihn ermittelt, weil er seiner Frau eine Scheintätigkeit in seinem Büro verschafft haben soll. Auch darauf soll er später noch antworten, erstmal aber versucht er sich in Vorwärtsverteidigung: "Wir sind im Krieg", sagt er – die Kriegsfloskel wird in Frankreich immer dann gerne genutzt, wenn von der eigenen Schwäche abgelenkt werden soll. Und dann spricht er davon, dass Stolz, Sicherheit und Ordnung wiederhergestellt werden müssten. Frankreich müsse die erste Kraft in Europa werden. "Ich habe diese Kraft", sagt Fillon und klingt dabei wie Marine Le Pen.

Am Anfang geht es um Arbeitsplätze, um die lahmende französische Wirtschaft. Die Zahlen sind ernüchternd: fast 6 Millionen Arbeitslose, eine Quote von zehn Prozent. Das ist deutlich mehr als in Deutschland. Doch echte Vorschläge für das drängendste Problem der Franzosen? Fehlanzeige. Emmanuel Macron, Ex-Wirtschaftsminister und derzeit der Favorit aufs Präsidentenamt will die Arbeitslosigkeit bis 2022 auf sieben Prozent senken, durch Investitionen, Steuersenkungen, Vereinfachungen. Konkret wird er nicht. Fillon dagegen will "Hoffnung zurückgeben und Freiheit. Den Arbeitsmarkt liberalisieren und die Arbeitszeit." All das hätte er längst machen können. Er war ja unter Sarkozy jahrelang Premierminister.

Die Linken dagegen verweigern sich der Realität. Wollen reihenweise die Arbeitszeit auf 35 Stunden pro Woche senken. Genau wie die Rente mit 60. Unbezahlbar. Unglaublich in diesem Land der Rezession. Le Pen dagegen will Arbeit zuerst für Franzosen. "Intelligenten Protektionismus", wie sie sagt. Auch dieser Vorschlag wird nicht näher ausgeführt.

Le Pen wirkt fast wir eine Realpolitikerin

Stattdessen geht es wild durcheinander. Und es werden Deutschland und die EU angegriffen. "Die Kandidaten haben sich doch ohnehin schon ihre Befehle von Angela Merkel abgeholt", sagt der rechte Kandidat Nicolas Dupont-Aignan. Der Linke Cheminade sagt: "Europa zerstört sich selbst. Wir müssen austreten aus Europa und aus dem Euro. Um ein neues Europa zu schaffen. Ein Europa der souveränen Staaten." Ein anderer, der langjährige Minister François Asselineau, bläst ins selbe Horn: Es brauche den "Frexit, genau wie den Brexit. Wir sollten Artikel 50 ziehen und austreten." Da wirkt Marine Le Pen fast wie eine Realpolitikerin, wenn sie konkreter wird, sich für Zölle auf Agrarprodukte ausspricht, um die heimischen Bauern zu schützen. Und die EU nicht gänzlich verdammt, stattdessen ein Referendum zu Europa fordert.

Emmanuel Macron bleibt unkonkret und blass.
Emmanuel Macron bleibt unkonkret und blass.(Foto: REUTERS)

Die Thesen werden nicht stärker, als es um den Kampf gegen den Terrorismus geht. Macron weiß auch nicht recht, wie die Gefahr gebannt werden kann, er macht nur eine Bestandsaufnahme. Die anderen aber öffnen den virtuellen Geldbeutel. Der rechte Dupont will "eine stärkere Armee, eine stärkere Polizei, und wir müssen aufhören, Schwäche zu zeigen gegen diese Barbaren."

Marine Le Pen will da nicht zurückstehen: "Wir müssen unsere Grenzen schließen. Wenn wir nicht wissen, wer hier ist, werden wir den Terrorismus nicht eindämmen. Wir müssen die ungehinderten Flüchtlingsströme stoppen. Wir müssen 15.000 Polizisten und Gendarmen einstellen. Und wir müssen das Budget der Armee aufstocken." Schließlich sei Frankreich die "Universität der Dschihadisten."

Moderatoren lassen Fillon davonkommen

Nach diesen drängenden Themen hätte man die Debatte getrost schließen können. Doch es folgen noch zwei (!) Stunden – zum Thema "Moral der Politik" und zu einer Reform der öffentlichen Dienste. Und hier wird es ganz wild. Poutou hätte ja noch zur Offenheit beitragen können, als er in Sachen Korruption anklagt: "Es gibt Leute wie François Fillon, die Sparsamkeit predigen und selber aus der Kasse klauen. Marine Le Pen, genauso, sie klaut aus der öffentlichen Kasse. All das zeigt doch, dass Politik nur von Profis gemacht wird, die viel zu viel verdienen. Das ist ein Skandal."

Doch die gestandenen Moderatorinnen, Ruth Elkrief und Laurence Ferrari, nutzen diesen Moment nicht. Sie lassen Fillon hiermit entkommen: "Für mich gilt die Unschuldsvermutung. Sie sollten vorsichtiger sein mit Ihren Vorwürfen. Ich habe keine Fehler begangen und werde nichts zu diesem Vorgang sagen. Nicht die Journalisten entscheiden über mich, sondern die Franzosen bei der Wahl." Ausgerechnet er wolle "der beispielhafte Präsident sein, der den Franzosen die Wahrheit sagt."

Die Möglichkeiten für konkretes Nachhaken sind verstrichen, stattdessen erschöpfen sich die Kandidaten nun in wüsten Plänen. Der linke Benoît Hamon will künftig viel mehr Referenden der Bürger. Eine halbe Million Franzosen etwa soll in Zukunft jedes Gesetz blockieren können. Damit wäre das ohnehin schwer regierbare und streikfröhliche Frankreich nach seiner Wahl wohl unregierbar.

Fillon ist kleiner Gewinner des Abends

Und noch etwas fällt auf: Früher rühmten sich Politiker damit, erfahren zu sein, Ämter innegehabt zu haben. In Frankreich ist es derzeit so, dass alle eher glücklich sind, bisherige Erfahrung und Ämter verneinen zu können. Die Angst vor dem Elitehass ist zu groß. Le Pen brüstet sich stattdessen damit, noch nie Ministerin gewesen zu sein, immer nur Oppositionspolitikerin. So eine kann auch mal die Hauptthese darbieten, dass es doch eine Unverschämtheit sei, dass im laizistischen Frankreich Weihnachtskrippen nicht in den Rathäusern aufgestellt werden dürften.

Wer hat diesen Abend gewonnen? Emmanuel Macron, der Favorit, blieb beängstigend blass, fast technokratisch. Jean-Luc Mélenchon, der Linke, der zuletzt Stimmen gut gemacht hatte, lächelte nur feist und war ansonsten ideenfrei. Marine Le Pen wirkte ein wenig fahrig, aber dafür beinahe präsidiabel, war sie doch bei weitem realistischer als viele ihrer Kollegen. Vielleicht war François Fillon ein Gewinner. Er konnte eigene Fehler leugnen, dafür erfahren wirken und dem Ernst der Lage angemessen dreinblicken.

Am Ende nämlich wollten an diesem Abend genauso viele Kandidaten aus der EU austreten wie drinnen bleiben. Das ist die Realität im Nachbarland, bei Deutschlands wichtigstem Partner. Die Linken wirken wie aus der Zeit gefallene Wirrköpfe. Die Rechten wirken ernster, glaubwürdiger, als hätten sie die richtigen Antworten auf die schwieriger gewordene Welt. Allein das sollte uns Angst machen.

Alexander Oetker war langjähriger n-tv-Frankreich-Korrespondent und ist nun politischer Korrespondent im RTL-Hauptstadtstudio. Er ist außerdem Autor der Krimireihe um den französischen Kommissar Luc Verlain. Der erste Band "Retour: Luc Verlains erster Fall" ist gerade erschienen und landete prompt auf der "Spiegel"-Bestsellerliste.

Quelle: n-tv.de

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