Politik
Papke kritisiert, dass Lindner die FDP so stark auf sich zugeschnitten hat.
Papke kritisiert, dass Lindner die FDP so stark auf sich zugeschnitten hat.(Foto: dpa)
Dienstag, 15. August 2017

Interview mit Ex-FDP-Politiker: "Lindner muss mutiger sein"

Sie hatten ein enges Verhältnis, gingen gemeinsam in die Politik, aber dann kam es zum Bruch. Gerhard Papke ist unzufrieden mit dem Kurs von FDP-Chef Christian Lindner, dennoch hat er den Glauben an seine Partei und den alten Freund noch nicht verloren.

n-tv.de: Zwei Monate vor der Wahl veröffentlichen Sie ein kritisches Buch über die FDP und Herrn Lindner. Wollen Sie ihm und der Partei schaden?

Lindner mit seinem früheren Fraktionskollegen Gerhard Papke
Lindner mit seinem früheren Fraktionskollegen Gerhard Papke(Foto: imago stock&people)

Gerhard Papke: Nein. Mir war klar, dass ich mich auf eine Gratwanderung begeben habe, dieses Buch kurz vor der Wahl zu veröffentlichen. Ich bin im Mai 2017 aus dem Parlament ausgeschieden. Wenn das Buch erst 2018 erschienen wäre, hätte es an Unmittelbarkeit und Impulskraft verloren. Und es ist keine Abrechnung, sondern ein aus der Rückschau entwickelter Debattenbeitrag. Das schadet der FDP nicht. Sie will ja eine diskussionsfreudige Partei sein.

Erinnern Sie sich noch an Ihre erste Begegnung mit Christian Lindner?

Lindner fing 1998 als Zivildienstleistender in der Friedrich-Naumann-Stiftung in Gummersbach an. Ich merkte rasch, dass ich es mit einem ganz besonderen jungen Mann zu tun hatte, der schon als 19-Jähriger eine beeindruckende Rhetorik und analytische Kompetenz besaß.

Sie waren lange befreundet. Vor ein paar Jahren kam es jedoch zum Bruch. Warum?

Gerhard Papke

Papke wurde 1961 in Recklinghausen geboren, studierte Wirtschaftsgeschichte, Politikwissenschaften und Völkerrecht und trat 1983 der FDP bei. Gemeinsam mit Christian Lindner zog er 2000 in den NRW-Landtag ein. Von 2005 bis 2012 war Papke FDP-Fraktionschef in Düsseldorf. Dann wurde er Landtagsvizepräsident. Zur Landtagswahl im Mai 2017 trat er nicht mehr an.

Uns verband sicherlich über viele Jahre eine enge Beziehung, wie man sie in der Politik selten findet. Wir haben uns immer vertrauensvoll ausgetauscht und auch in schwierigen Phasen zusammengestanden. Ich habe mich riesig gefreut, als Lindner 2013 Parteichef wurde. Gerade weil ich seine außergewöhnlichen Fähigkeiten kannte, hatte ich erwartet, dass er sie nutzt, um mutig die Probleme unseres Landes anzusprechen, etwa bei der ungesteuerten Massenzuwanderung oder der Auseinandersetzung mit dem Islamismus. Aber er wollte lieber abwarten, in welche Richtung die Debatte lief. Außerdem erfüllte es mich mit wachsender Sorge, dass Lindner die FDP so stark auf sich zugeschnitten hat. Jeder Parteichef muss Autorität besitzen, sonst kann er nichts durchsetzen. Aber das darf nicht dazu führen, dass die innerparteiliche Vielfalt leidet und ein Vorsitzender sich eine Partei auf den Leib schneidert.

Sie werden Lindner damit auch direkt konfrontiert haben. Wie hat er reagiert?

Da bitte ich um Verständnis. Was zwischen Lindner und mir persönlich besprochen worden ist, werde ich nicht in die Öffentlichkeit tragen.

Lindner holte bei der Landtagswahl in NRW kürzlich 12,6 Prozent, in Umfragen für die Bundestagswahl steht die FDP ebenfalls gut da. Gibt der Erfolg ihm nicht recht?

Es freut mich sehr, dass die FDP eine solche Renaissance erlebt. Der Wiederaufschwung ist untrennbar mit Christian Lindner verbunden. Die FDP wird mit einem starken Ergebnis in den Bundestag zurückkehren. Das kann aber nicht bedeuten, dass kritische Einwände nicht mehr erlaubt sind. Wahlerfolge sind kein Selbstzweck, sie übertragen Verantwortung. Meine Hoffnung war, dass Lindner dazu beitragen könnte, die wachsende Distanz zwischen den demokratischen Parteien und den Menschen in Deutschland mit einer mutigen Politik zu überwinden. Das kann ich bisher nicht erkennen. Aber vielleicht entwickelt sich das ja noch.

Nach der Landtagswahl 2000 zogen Lindner (vorne, hinter Jürgen Möllemann) und Papke (5. von oben) gemeinsam in den NRW-Landtag ein.
Nach der Landtagswahl 2000 zogen Lindner (vorne, hinter Jürgen Möllemann) und Papke (5. von oben) gemeinsam in den NRW-Landtag ein.(Foto: imago stock&people)

Die FDP setzt im Wahlkampf auf eine ausgefeilte PR-Kampagne, die sehr auf Lindner zugeschnitten ist. Wie finden Sie die Plakate und das Auftreten in den sozialen Medien?

Alle Parteien müssen aufpassen, dass sie nicht zu viel Wert auf die Verpackung statt auf Inhalte und Argumente legen. Die politische Debatte in Deutschland verarmt ohnehin schon, weil Dinge nicht beim Namen genannt werden. Manchmal ist es ein schmaler Grat zwischen Wahlwerbung und reiner Selbstinszenierung. Die FDP darf sich diesem Trend nicht zu sehr öffnen.

Sie schreiben in Ihrem Buch, Lindner verfolge "eine Politik systematischer Risikominimierung. Er vermeidet genau kalkulierend Positionen, mit denen er eine umstrittene politische Debatte loslösen könnte". Kürzlich erntete Lindner mit einer Äußerung über die Krim heftige Reaktionen.

Hätte Lindner eine derartige Initiative vor Abschluss meines Buches gestartet, hätte ich das sicherlich aufgenommen. Es ist in der Tat neu, dass er eine solche Debatte auslöst, und ich finde es gut. Unser Land muss eine Kontroverse über die Russlandpolitik aushalten können. Sogar die völkerrechtswidrige Annexion der Krim darf nicht zur Sprachlosigkeit zwischen unseren Ländern führen. Aber es darf natürlich nicht der Eindruck entstehen, als würde ausgerechnet Deutschland Putins Grenzverletzung als Kleinigkeit betrachten und zur Tagesordnung übergehen wollen. Die Völker Osteuropas sind da verständlicherweise außerordentlich sensibel.

Wie ist Ihr Verhältnis zu Lindner heute?

Wir haben seit Monaten keinen Kontakt mehr. Eine Reaktion auf das Buch gab es nicht, damit habe ich aber auch nicht ernsthaft gerechnet. Was ich schreibe, wird Lindner nicht gefallen - auch wenn ich mich im Umgang mit ihm und anderen Weggefährten wirklich um Fairness bemüht habe.

Die FDP kann nach der Wahl womöglich mit der Union koalieren. Was vermuten Sie, was Herr Lindner dann für ein Amt übernehmen würde?

Mein Eindruck ist, dass es ihn gar nicht unbedingt in die Bundesregierung drängt, gerade auch persönlich nicht. Wenn die FDP mit einem guten Ergebnis in den Bundestag einzieht, wäre es ein echter Härtetest, sofort wieder in Regierungsverantwortung zu kommen. Denn dann muss man Tag für Tag Farbe bekennen und schnell festlegen, wie man sich konkret zu verschiedenen Fragen verhält. Vielleicht wäre Christian Lindner gar nicht so unglücklich, wenn die FDP nach vier Jahren Auszeit erst einmal in der Opposition bliebe.

Mit Gerhard Papke sprach Christian Rothenberg

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Quelle: n-tv.de

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