Mittwoch, 06. Dezember 2006
Scotland Yard spricht es aus:: "Litwinenko wurde ermordet"
Die britische Polizei hat den Gifttod des russischen Ex-Agenten Alexander Litwinenko erstmals als Mord bezeichnet. Die Ermittlungen seien jedoch noch in einem sehr frühen Stadium, teilte Scotland Yard am Mittwochabend mit. Die Ermittler gingen Hinweisen in Russland und in Großbritannien nach. Zuvor hatten russische Beamte im Beisein der britischen Fahnder einen ersten Zeugen in Moskau befragt. Dmitri Kowtun hatte Litwinenko am Tag der mutmaßlichen Vergiftung in London getroffen. Die britischen Beamten durften bei der Befragung nur zuhören. Scotland Yard und die russische Generalstaatsanwaltschaft verhandelten weiter über die Bedingungen für die Untersuchung in Russland.
In London wurde auch im Stadion des Fußballclubs Arsenal eine geringfügig erhöhte Alpha-Strahlung festgestellt. Das Stadion war auf Radioaktivität untersucht worden, weil der Club am Abend des mutmaßlichen Giftanschlags den russischen Meister ZSKA Moskau zu Gast hatte. Auf der Zuschauertribüne saßen mehrere Russen, die mit Litwinenko in Kontakt waren.
Bei Ermittlungen im Fall Litwinenko entdeckten britische Experten außerdem in der britischen Botschaft in Moskau Spuren von Radioaktivität. Es handele sich um eine geringfügig erhöhte Strahlung, von der kein Gesundheitsrisiko ausgehe, sagte ein britischer Diplomat der Nachrichtenagentur Interfax. Um welche radioaktive Substanz es sich handelt, wurde nicht mitgeteilt.
Die Beamten von Scotland Yard hatten nach ihrer Ankunft in Moskau Presseberichten zufolge zunächst Rücksprache mit dem britischen Innenministerium gehalten, da die russischen Behörden ihrer Arbeit vor Ort enge Grenzen gesetzt haben. Auf Grund der Tatumstände und des hochradioaktiven Giftes Polonium 210 im Körper Litwinenkos war ein Verdacht auf den russischen Inlandsgeheimdienst FSB gefallen.
"The Times": Russland stellt Bedingungen
Die britische Tageszeitung "The Times" berichtete am Mittwoch, Russland habe seine Mithilfe im Fall Litwinenko von der Auslieferung der Putin-Gegner Boris Beresowski und Ahmed Sakajew abhängig gemacht, die beide in Großbritannien leben. Generalstaatsanwalt Juri Tschaika hatte eine solche Vermutung am Dienstag zwar vehement dementiert. Gleichzeitig sagte Tschaika jedoch, er rechne mit einer baldigen Auslieferung der beiden Kreml-Kritiker.
Der Hauptzeuge, der Unternehmer und frühere Geheimdienstler Andrej Lugowoj, habe noch am Mittwoch mit den britischen Ermittlern sprechen wollen, meldete die Agentur Itar-Tass. In einem Interview der Zeitung "Moskowski Komsomolez" deutete Lugowoj an, er sei möglicherweise ebenfalls mit Polonium 210 vergiftet worden. Der frühere Geheimdienstler hatte sich zu Wochenbeginn erneut in ein Moskauer Krankenhaus begeben, nachdem bei einer Untersuchung vergangene Woche zunächst keine Spuren von Polonium 210 festgestellt worden waren.
Scaramella ohne Vergiftungserscheinungen
Unterdessen wurde Litwinenkos italienischer Kontaktmann Mario Scaramella in London aus dem Krankenhaus entlassen. Der 36-Jährige war am Freitag vergangener Woche in die Klinik gebracht worden, weil in seinem Urin ebenfalls Spuren des radioaktiven Poloniums entdeckt worden waren. Nach Angaben der Ärzte hat er aber keinerlei Vergiftungserscheinungen.
Der ehemalige russische Geheimagent Litwinenko und der Italiener hatten sich am 1. November in einer Londoner Sushi-Bar getroffen. Vermutet wird, dass Litwinenko bei dieser Gelegenheit das Polonium ins Essen oder Trinken gemischt wurde. Drei Wochen später war er tot. Der Ex-Agent soll am Freitag in London oder Umgebung beerdigt werden. Den genauen Ort teilte die Familie noch nicht mit.
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