Politik
Angela Merkel wird von ihren Anhängern gefeiert.
Angela Merkel wird von ihren Anhängern gefeiert.(Foto: imago stock&people)

Wahlkampfabschluss der CDU: "Mal sehen, ob's gelingt"

Von Hubertus Volmer

Fast wirkt es, als mache Bundeskanzlerin Merkel nicht Wahlkampf für die CDU, sondern nur noch für sich selbst: Diese Kanzlerin kennt keine Parteien mehr. Angriffe auf den politischen Gegner spart sie sich. Lieber sorgt sie für Lacher.

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Dieses Mal kommt Angela Merkel schnell zur Sache. Sie bittet die Wähler, die örtlichen Kandidaten der CDU mit einem "starken Mandat" auszustatten. "Ich persönlich bitte die Menschen in Deutschland, mich auch mit einem starken Mandat auszustatten, damit ich weitere vier Jahre Deutschland dienen kann", sagt die Bundeskanzlerin beim Wahlkampfabschluss der CDU in Berlin. Bislang hatte sie diesen Appell an den Schluss ihrer Wahlkampfreden gestellt.

Das Tempodrom, eine kleine Halle am Anhalter Bahnhof in Berlin, ist voll besetzt, die Stimmung ist ausgesprochen gelöst. Vor ihrer Rede hatte Merkel beim Plausch mit dem Moderator wieder einmal mit ihrer flapsigen, fast schon schnoddrigen Art gepunktet. Sie erzählt, dass sie am Vortag in München gewesen sei. Trotz des Regens sei das Publikum dageblieben, als sie dort ihre Rede gehalten habe.

 "Der Regen kam auch noch von vorne, so dass ich Angst hatte, dass meine", sie überlegt, "gut", es gibt die ersten Lacher, "gesicherte Frisur irgendwie Schaden nimmt." Jetzt lacht die ganze Halle, Applaus für die Kanzlerin, die es wieder einmal geschafft hat, ihr Publikum mit einer Anekdote zu erfreuen. "Ich wollte ja bei den Bayern nicht wie ein begossener Pudel aussehen!"

"Ob Sie das schön finden, ist egal"

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Die Menschen lieben es, wenn Merkel aus der Rolle fällt. In gewisser Weise gleicht sie darin dem Kanzlerkandidaten der SPD, Peer Steinbrück. Mit einem kleinen Unterschied: Wenn Steinbrück aus der Rolle fällt, dann richtig. Merkel arbeitet eher mit Nuancen.

Deftige Sprüche beherrscht jedoch auch die Kanzlerin, die sich im Wahlkampf für TV-Spot und Plakate von einer Werbeagentur hat weichspülen lassen. Am Sonntag werde sie doch vermutlich ausschlafen, fragt der Moderator die Kanzlerin. "Ja, mal sehen, ob's gelingt", antwortet Merkel. "Wollen wir mal schauen. Ich hab jedenfalls die Möglichkeit. Theoretisch. Ein bisschen aufgeregt ist man natürlich auch." Der Moderator freut sich. Es sei doch schön, wenn eine Bundeskanzlerin noch "ein bisschen Kribbeln im Bauch" habe. "Ja, ja. Also, ob Sie das schön finden, ist egal, aber ...". Der Rest geht im Gelächter des Saales unter. Selbst der Moderator ist begeistert, dass er als Zielscheibe für Merkels Spott herhalten darf.

Für ihre Rede wechselt Merkel in ihre steife Rhetorik, bleibt jedoch im Wohlfühl-Modus. Ihre ersten Worte nach der Begrüßung sind allen Ernstes: "Wir haben uns hier versammelt, das haben wir eben schon gesagt, um uns zu konzentrieren und dann noch mal auszuschwärmen." Wenige Minuten später kommt die Formulierung gleich noch mal: "Wir haben uns heute hier in Berlin im Tempodrom versammelt, um die letzten Stunden des Wahlkampfes einzuläuten."

"Zentrale Unterschiede"

Dass Merkel keine gute Rednerin ist, wurde in diesem Wahlkampf oft genug betont. Doch ihr Publikum will gar keine guten Reden hören, es will eine authentische Kanzlerin, die sich kümmert. Dieses Bedürfnis bedient Merkel brillant. In ihrer Darstellung ist die CDU eine Partei, in der es gleichermaßen um Solidarität und Eigenverantwortung geht, in Deutschland und in Europa. Merkel spricht über die "zentralen Unterschiede", die in diesem Wahlkampf deutlich geworden seien und meint die Steuerpolitik, den Veggie-Day und die Mindestlöhne.

Ausgerechnet der Mindestlohn. Selbst der Arbeitnehmerflügel der Union favorisiert einen klassischen gesetzlichen Mindestlohn; sollte es eine Koalition mit der SPD geben, wäre dies vermutlich der erste Punkt, in dem ein Kompromiss erzielt wird. Beim Veggie-Day betont Merkel, sie finde es gut, wenn Restaurants vegetarische Gerichte anbieten.

"Zentrale Unterschiede" musste man in diesem Wahlkampf mit der Lupe suchen. Bis zuletzt führt Merkel einen reinen Wohlfühl-Wahlkampf. Deutschland stehe vor großen Veränderungen, sagt sie, "darüber ist vielleicht in diesem Wahlkampf gar nicht oft genug gesprochen worden." Da hat sie Recht - sie hat schließlich dafür gesorgt, dass über Veränderungen nicht gesprochen wurde.

Die Kanzlerin aller Deutschen

So wie sie über den Themen steht, schwebt Merkel auch über den Parteien. Im Gegensatz zu anderen CDU-Politikern sagt Merkel nicht, dass sie glaube, dass die FDP auch "aus eigener Kraft" in den Bundestag kommen werde. Sie lobt die Geschlossenheit ihrer Partei im Wahlkampf und macht sich nicht die Mühe zu erwähnen, wie viele Pannen es bei den Sozialdemokraten gegeben hat. Auch die Pädophilie-Debatte, mit der sich die Grünen auf den letzten Metern noch herumschlagen müssen, erwähnt sie mit keinem Wort. Die Niederungen des Wahlkampfes überlässt Merkel anderen.

Selbst im Wahlkampf ist sie die Kanzlerin "aller Deutschen", die sie schon bei ihrem Amtsantritt 2005 sein wollte. Merkel kennt keine Parteien mehr, sie kennt nur noch Wähler. Am Ende der Rede betont sie ein zweites Mal, dass es um beide Stimmen gehe: "Mit der zweiten Stimme, auch wenn ich nicht auf dem Wahlzettel stehe", könne man dafür sorgen, "dass ich Ihre Kanzlerin der Bundesrepublik Deutschland bleiben darf".

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Quelle: n-tv.de

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