Dienstag, 22. Juni 2010
"Biden? Leck mich": McChrystal bereut loses Mundwerk
General McChrystal entschuldigt sich für seine Lästereien über die US-Regierung - doch er dementiert sie nicht. Ziel des Spotts waren US-Vizepräsident Biden, der Sonderbeauftragte Holbrooke und der amerikanische Botschafter in Kabul, Eikenberry. Präsident Obama ist wütend.
Bislang hatte sich McChrystal in der Öffentlichkeit immer sehr vorsichtig geäußert. Im Hintergrund übrigens der "Verräter" Eikenberry.
(Foto: AP)
Der Oberbefehlshaber der internationalen Truppen in Afghanistan, US-General Stanley McChrystal, hat sich für seine abfälligen Äußerungen über die US-Regierung entschuldigt. In einer in Kabul veröffentlichten Erklärung bat McChrystal darum, seine "aufrichtige Entschuldigung" für Äußerungen zu akzeptieren, die in einem Porträt über ihn im Musikmagazin "Rolling Stone" wiedergegeben worden waren.
"In meiner ganzen Karriere habe ich nach den Prinzipien von persönlicher Ehre und professioneller Integrität gelebt", so McChrystal. "Was sich in diesem Artikel spiegelt, entspricht diesem Standard nicht."
NATO-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen stellte sich hinter McChrystal. "Der Artikel ist bedauerlich, aber es ist nur ein Artikel", teilte Rasmussens Sprecher mit. "Wir befinden uns inmitten eines sehr realen Konflikts und der Generalsekretär hat volles Vertrauen in General McChrystal und seine Strategie."
"Leck mich"
Vertrauen in das diplomatische Geschick des Generals dürfte dagegen kaum noch jemand haben - zu beißend war seine offensichtliche Verachtung für die US-Regierung. Über den amerikanischen Vizepräsidenten Joe Biden, der McChrystals Militärstrategie in Afghanistan ablehnt, machte er sich gemeinsam mit Mitarbeitern lustig, während sie sich im April auf eine Pressekonferenz in Paris vorbereiteten. "Fragen Sie nach Vizepräsident Biden?", soll McChrystal lachend gesagt haben. "Wer ist das?" Ein hochrangiger Mitarbeiter schlug laut "Rolling Stone" die Antwort vor: "Biden? Haben Sie 'Bite Me' gesagt?" Im Amerikanischen heißt "bite me" so viel wie "Leck mich". Als Titel für das McChrystal-Porträt wählte das Magazin die Überschrift "The Runaway General" - der durchgebrannte General.
Vom amerikanischen Botschafter in Kabul, Karl Eikenberry, fühlte sich McChrystal im vergangenen Jahr während der Debatten im Weißen Haus über die richtige Afghanistan-Strategie "verraten". Zu einem der Presse zugespielten internen Memo, in dem sich Eikenberry gegen eine Truppenaufstockung ausspricht, sagte McChrystal, der Botschafter wolle sich damit nur einen guten Platz in den "Geschichtsbüchern" sichern: "Wenn wir scheitern, kann er sagen, 'ich hab's euch ja gesagt'."
"Schon wieder Holbrooke"
Als er auf seinem Blackberry eine E-Mail des US-Sondergesandten Richard Holbrooke entdeckt, sagt der Vier-Sterne-General, "schon wieder eine Mail von Holbrooke, ich mag sie gar nicht öffnen". Er las die Anrede vor und stopfte sein Handy zurück in seine Tasche.
Nur ein Fototermin? Obama und McChrystal am 2. Oktober 2009 an Bord der "Air Force One" in Kopenhagen.
(Foto: ASSOCIATED PRESS)
Obwohl sich US-Präsident Barack Obama im vergangenen Jahr für McChrystals Strategie entschied und mehr Truppen nach Afghanistan entsandte, bezeichnete der General die Entscheidungsfindung im Weißen Haus laut "Rolling Stones" als "mühsam": "Ich verkaufte eine unverkäufliche Position". Von Obama selbst zeigte sich McChrystal laut einem seiner Berater wenig beeindruckt. Ein erstes Treffen mit dem US-Präsidenten kurz nach seiner Ernennung zum NATO-Kommandeur in Afghanistan habe McChrystal "sehr enttäuscht", berichtete der ungenannte Berater dem Magazin. "Das war ein zehnminütiger Fototermin", sagte der Mann. "Obama wusste ganz offensichtlich nichts von ihm, wer er war - er schien nicht sehr interessiert."
Einem ranghohen Regierungsbeamten zufolge wurde McChrystal ins Weiße Haus einbestellt, um sich zu seiner Kritik an Obama und dessen Beratern persönlich zu äußern. Obama sei "wütend" wegen des Artikels, meldete der Sender MSNBC. US-Kommentatoren bezweifelten, dass McChrystal trotz seiner Entschuldigung den Skandal "überlebt". Er werde wohl gehen müssen.
hvo/AFP/dpa
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