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Risiko Altersarmut.
Risiko Altersarmut.(Foto: picture alliance / dpa)

"Das Risiko der Altersarmut steigt": Mehr Renten unter Sozialhilfe

Der Anteil der gesetzlichen Renten unter dem Existenzminimum steigt deutlich an. Jeder fünfte Rentner bleibt unter dem Sozialhilfeniveau, bei Frauen kommt nur jede Dritte über das Existenzminimum. Das geht aus einer Anfrage der Fraktion Die Linke vor, die n-tv.de vorliegt.

Immer mehr Rentner kommen mit ihren Altersbezügen in Deutschland nicht mehr über das Existenzminimum. So hat sich der Anteil der gesetzlichen Renten unter dem Sozialhilfe-Niveau bei Männern von 1994 bis 2009 verdreifacht: Inzwischen kommt jeder Fünfte nicht mehr über das Existenzminimum, wie aus einer Anfrage der Fraktion Die Linke an die Bundesregierung hervorgeht, die n-tv.de exklusiv vorliegt.

Bei Frauen ist der Anteil nach den Zahlen des Bundesarbeitsministeriums seit 1994 zwar weitestgehend gleich geblieben, doch verharrte er auf hohem Niveau: Nur jede Dritte kommt mit ihrer Rente über das Existenzminimum.

Linke fordert Mindestrente

Rente sinkt: Jede dritte Frau kommt überhaupt nur über das Existenzminimum.
Rente sinkt: Jede dritte Frau kommt überhaupt nur über das Existenzminimum.(Foto: dpa)

Die Linke sieht angesichts dieser Entwicklung akuten Handlungsbedarf. "Die Renten sind im Sinkflug. Immer mehr Rentnern droht der Gang zum Sozialamt", warnt Linksparteichef Klaus Ernst bei n-tv.de. "Auf Deutschland rollt eine Welle der Altersarmut zu." Ernst fordert deshalb eine verbindliche Untergrenze gegen Altersarmut. "Es muss eine gesetzliche Mindestrente eingeführt werden. Niemand darf im Alter weniger als 850 Euro haben." Zudem müssten die politischen Rentenkürzungen des letzten Jahrzehnts rückgängig gemacht werden.

In der Antwort auf die Anfrage der Bundestagsfraktion der Linken weist das Arbeitsministerium zwar darauf hin, dass die Zahlen nur die Einkommen aus der gesetzlichen Rente widerspiegelten. Andere Einkommensquellen seien nicht enthalten. Das Nettogesamteinkommen von Rentnerhaushalten liege deutlich über den durchschnittlichen Renten. Für die Linke sind die Zahlen trotzdem Beweis genug, dass die gesetzlichen Altersbezüge sich in Richtung Sozialhilfeniveau bewegen.

DIW warnt vor Altersarmut

Ähnlich bewertet Markus Grabka vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) die Situation. Die sinkende gesetzliche Rente sei "ein ganz relevanter Faktor für Altersarmut", sie weiterhin das wichtigste Standbein für die Alterssicherung sei. "Wenn diese Säule der Alterssicherung immer weiter verliert, steigt das Risiko der Altersarmut", sagt der Rentenexperte n-tv.de. Das DIW hat sich in seinem jüngsten Vierteljahresheft ausführlich mit der Zukunft der Rentenversicherung und Altersarmut beschäftigt.

"Besonders bei Frauen muss man das Problem der ungenügenden gesetzlichen Absicherung im Alter angehen", sagt Grapka mit Blick auf die konstant hohen Zahlen. Außerdem bestehe ein besonders "Problem durch die Ausweitung des Niedriglohnsektors und der fehlenden Absicherung bei Solo- und Scheinselbstständigen". Grundsätzlich stelle sich die Frage, ob es noch zeitgemäß sei, die Rentenversicherung allein auf sozialversicherungspflichtige Jobs auszurichten. "Für einen umfassenden Schutz vor Altersarmut müsste das System umgestellt werden."

Leyens Rentendialog

Auch die Bundesregierung hat das Problem zunehmender Altersarmut bereits erkannt. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen startete Anfang September den sogenannten Rentendialog, der bis Ende des Jahres Vorschläge im Kampf gegen Altersarmut erarbeiten soll. Die Ministerin selbst hat dafür eine steuerfinanzierte Zusatzrente für Geringverdiener vorgeschlagen.

Jeder freie Monat vor 65 schmälert die Rente um 0,3 Prozent.
Jeder freie Monat vor 65 schmälert die Rente um 0,3 Prozent.(Foto: picture alliance / dpa)

Für DIW-Experte Grapka geht das zwar in die richtige Richtung. Aber: "Mit den Vorschlägen von der Leyens wird das Problem Altersarmut in Angriff genommen, aber nicht gelöst." Die Zusatzrente ziele vor allem auf Männer ab. "Aber es sind vor allem Frauen, bei denen die eigenen Absicherung durch die gesetzliche Rente nicht ausreicht."

Nach Angaben des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) sind rund zehn Prozent aller älteren Menschen einkommens- und vermögensarm. Das Armutsrisiko der Gesamtbevölkerung sei zwar höher. "Erste Anzeichen deuten jedoch darauf hin, dass Altersarmut in Deutschland in Zukunft ein Problem werden könnte", stellen die Experten in ihrer Studie fest.

Mehr Rentner mit Nebenjob

Erst kürzlich war zudem bekannt geworden, dass immer mehr Rentner Kürzungen ihrer Bezüge in Kauf nehmen, um vorzeitig in den Ruhestand gegen zu können. Nach Angaben der Deutschen Rentenversicherung nahmen 58 Prozent der 2010 in Rente gegangenen Deutschen Abschläge auf ihre Bezüge hin. Im Schnitt komme es dabei zu einer Minderung von 100 Euro.

Pro vorgezogenen Monat müssen Rentner einen Abschlag von 0,3 Prozent hinnehmen. Wer über die Regelaltersgrenze hinaus arbeitet, bekommt einen Zuschlag von 0,5 Prozent pro Monat. Von 2012 an wird das Rentenalter bis 2029 schrittweise auf 67 Jahre angehoben. Wer dann zwei Jahre länger bis zum Ruhestand arbeitet, bekommt als Durchschnittsverdiener auf Basis heutiger Daten rund 55 Euro mehr Monatsrente. Wer früher in Rente geht, muss Abschläge hinnehmen. Ohne Rente mit 67 wären laut Regierung höhere Beiträge oder Leistungskürzungen für Rentner unvermeidbar.

Zugleich ist in den vergangenen zehn Jahren der Anteil der Rentner gestiegen, die ihre Altersbezüge durch Arbeit aufbessern. Im Vergleich zu 417.000 Rentnern mit Minijobs im Jahr 2000 hat sich die Zahl bis 2010 mit 769.000 fast verdoppelt.

Quelle: n-tv.de

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