Politik
Vor der Militärbasis in Ghani Khail, östlich von Kabul, verbrennen aufgebrachte Menschen eine Obama-Puppe
Vor der Militärbasis in Ghani Khail, östlich von Kabul, verbrennen aufgebrachte Menschen eine Obama-Puppe(Foto: AP)

Afghanen: "Tod für Amerika": Menschen sterben bei Protesten

In Afghanistan sterben nach Auseinandersetzungen wegen der Koran-Verbrennungen mindestens neun Menschen. Tausend Demonstranten versuchen nach den Freitagsgebeten, in das UN-Gebäude in Kundus einzudringen. Die Bundeswehr zieht sich vorzeitig aus Talokan zurück. Der dortige Gouverneur sagt: "Wir wissen nicht, was wir tun sollen".

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Am vierten Tag der Proteste gegen die Koran-Verbrennungen sind in Kabul Hunderte aufgebrachte Afghanen zum Präsidentenpalast gezogen. Die Menge skandierte "Tod für Amerika". Auch in der östlichen Stadt Dschalalabad kamen Hunderte zu einer Demonstration zusammen. Ein weiterer Protestmarsch bildete sich in der Unruheprovinz Ghasni im Südosten Afghanistans.

Bei den Demonstrationen starben mindestens neun Menschen, Dutzende wurden verletzt. Erstmals waren Tote auch in Westafghanistan zu beklagen. In der westafghanischen Stadt Herat versuchten Aufrührer nach dem Freitagsgebet, das US-Konsulat zu stürmen. In der nordafghanischen Stadt Pul-i-Chumri, die zum Verantwortungsbereich der Bundeswehr gehört, wollte ein Mob das ungarische Feldlager überrennen.

In der Provinz Herat starben nach Angaben der Provinzregierung insgesamt sieben Demonstranten. Bei den Zusammenstößen an dem Camp in Pul-i-Chumri - der Hauptstadt der Provinz Baghlan - wurde ein Demonstrant getötet, wie die Polizei mitteilte. In der afghanischen Hauptstadt Kabul meldete die Polizei ebenfalls einen Toten. Der Vizepolizeichef der Provinz Kundus, Gulam Mohammad Farhad, sagte, in Kundus-Stadt hätten Sicherheitskräfte rund 1000 Demonstranten daran gehindert, gewaltsam in das UN-Gebäude einzudringen.

Bundeswehr zieht sich zurück

Aufgebrachte Afghanen vor dem US-Stützpunkt Mehterlam, ebenfalls östlich von Kabul.
Aufgebrachte Afghanen vor dem US-Stützpunkt Mehterlam, ebenfalls östlich von Kabul.(Foto: AP)

Auslöser der Proteste war der Fund von verkohlten Koran-Exemplaren auf der Müllhalde des US-Stützpunkts Bagram bei Kabul. Der Koran gilt den Muslimen als direktes Wort Gottes und die Verbrennung des Buches als Gotteslästerung. Bei Protesten wurden mindestens elf Menschen getötet, darunter zwei US-Soldaten.        

Die Bundeswehr hatte sich wegen der gewaltsamen Proteste vorzeitig Allerdings sollte das Lager im März ohnehin geräumt werden. Angesichts eines Auflaufs von rund 300 Demonstranten unmittelbar vor dem Stützpunkt habe der Kommandeur der Nordregion die mit der Räumung beschäftigten Kräfte ins rund 70 Kilometer entfernte größere Feldlager Kundus abrücken lassen, teilte die Bundeswehr mit. Ein Sprecher des Einsatzführungskommandos sagte, die rund 50 Soldaten hätten sämtliche Fahrzeuge mitgenommen. Das Lager war zuvor mit Steinen beworfen worden. Der relativ kleine Komplex ist schwierig zu sichern, weil er mitten in der 200.000-Einwohner-Stadt liegt.

Gouverneur "sehr besorgt"

Das deutsche Isaf-Kontingent verlässt Talokan vorzeitig.
Das deutsche Isaf-Kontingent verlässt Talokan vorzeitig.(Foto: dpa)

Die Regierung der nordafghanischen Provinz Tachar wurde nach eigenen Angaben von der Bundeswehr nicht über den vorzeitigen Abzug der Soldaten aus Talokan informiert. "Sie gingen alle, ohne uns Bescheid zu sagen", sagte Provinzgouverneur Abdul Dschabar Takwa. Zwar habe es eine Zeremonie zur Übergabe des Camps an die Afghanen gegeben, die tatsächliche Übergabe sei aber noch nicht erfolgt.

"Das Lager gehört immer noch der Bundeswehr", sagte Takwa. "Wir haben die Basis nicht betreten. Afghanische Sicherheitskräfte sind außerhalb der Basis zum Schutz des Camps stationiert. Wir wissen nicht, was wir tun sollen." Die Bundeswehr habe ihm vor dem Abzug gesagt gehabt, dass sie erst in rund zwei Wochen Talokan verlassen wolle.

Der Gouverneur zeigte sich "sehr besorgt" über den aus seiner Sicht verfrühten Abzug. "Sicherheitskräfte in Tacher hätten mehr Ausbildung, mehr Ressourcen und mehr Ausrüstung benötigt. Die lokalen Kräfte sich nicht gut ausgerüstet. Sie sind noch nicht bereit dazu, die gesamte Sicherheitsverantwortung zu übernehmen."

Obama entschuldigt sich

US-Präsident Barack Obama hatte sich zuvor für die unbedachte Koranschändung entschuldigt. Er betonte nach Angaben der afghanischen Regierung in einem Schreiben, die Verbrennung von Koran-Exemplaren auf der US-Basis Bagram sei nicht vorsätzlich geschehen. Das Entschuldigungsschreiben sei am Donnerstag von US-Botschafter Ryan Crocker an Präsident Hamid Karsai übergeben worden, teilte der Präsidentenpalast in Kabul mit. Der US-Präsident habe eine vollständige Aufklärung des Falls zugesagt.

Die Taliban schworen Rache und riefen Angehörige der afghanischen Sicherheitskräfte zur Fahnenflucht auf. Taliban-Funktionäre seien angewiesen worden, alle Deserteure, die sich gegen die "Invasoren" stellten, als "Helden" willkommen zu heißen.

Die islamischen Staaten verurteilten die Koranverbrennung. Die Organisation der Islamischen Konferenz (OIC) betonte in einer Erklärung, die Tat stehe im Widerspruch zu den gemeinsamen Bemühungen von muslimischen Ländern und internationaler Gemeinschaft, Intoleranz und religiösen Hass zu bekämpfen. Zugleich begrüßte die Organisation, der 57 Staaten angehören, die Entschuldigungen der Isaf und der USA.

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Quelle: n-tv.de

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