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Die Agrarwirtschaft Weißrusslands kann auf keine helfende Hand verzichten.
Die Agrarwirtschaft Weißrusslands kann auf keine helfende Hand verzichten.(Foto: REUTERS)

Lukaschenko bekämpft den Exodus: Minsk verordnet Zwangsarbeit

Weißrussland steht seit Jahren am Rande des Staatsbankrotts. Die Löhne sind so niedrig, dass jedes Jahr 150.000 Bürger auswandern. Die Flucht vor der Armut schwächt das Land weiter. Europas letzter Diktator will sie nun mit all seiner Macht eindämmen.

Mit drastischen Zwangsmaßnahmen wie in ehemaligen Ostblock-Staaten nimmt das Leben in Europas letzter Diktatur Weißrussland immer absurdere Züge an. In der früheren Sowjetrepublik ist nun nicht einmal die freie Wahl des Arbeitsplatzes mehr möglich.

Die Kosten für den öffentlichen Nahverkehr sind im vergangenen Jahr um 12 Prozent gestiegen. Die Löhne nicht. Doch auch das autoritäre Regime Lukaschenkos ist ein Grund für viele Weißrussen, ihre Heimat zu verlassen.
Die Kosten für den öffentlichen Nahverkehr sind im vergangenen Jahr um 12 Prozent gestiegen. Die Löhne nicht. Doch auch das autoritäre Regime Lukaschenkos ist ein Grund für viele Weißrussen, ihre Heimat zu verlassen.(Foto: REUTERS)

Um zu verhindern, dass Weißrussen ihre Heimat verlassen, um im Ausland mehr Geld zu verdienen, hat Staatschef Alexander Lukaschenko ein System installiert, das an Zwangsarbeit grenzt. Im Mittelpunkt steht dabei eine Klausel, die die 20.000 Arbeiter der strategisch wichtigen Holzindustrie verpflichtet, alle erhaltenen Löhne zurückzuzahlen, wenn sie ihre Arbeit kündigen. Um das Geld einzutreiben, ziehen die Behörden die Strafe automatisch vom Lohn ab, wenn ein Arbeiter eine neue Stelle annimmt. Hat er keinen neuen Job, muss er in sein altes Werk zurückkehren - und trotzdem die Strafe zahlen.

Kürzlich sagte Lukaschenko dazu: "Das ist ein gut durchdachtes System". Kritiker werfen ihm vor, er halte die Bürger Weißrusslands wie Sklaven. "Das ist Leibeigenschaft", schäumt der Gewerkschaftler Alexander Jaroschuk.

Leben von 230 Euro im Monat

Das Abwandern von Fachkräften gilt einigen Industrien Weißrusslands als größte Bedrohung. Und es geht nicht nur um Fachkräfte. "Die Lage unseres Landes ist so schlecht, dass sogar schon Bauern das Weite suchen", sagt Vizeregierungschef Michail Russy. Ob Computerspezialisten oder Bauarbeiter: Bei einem Monatslohn von durchschnittlich 230 Euro versuchen viele Weißrussen ihr Glück viel lieber im Ausland. Sogar in der Hauptstadt verdienen Lehrer monatlich nur etwa 250 Euro.

Lukaschenko ist auf milliardenschwere Kredite aus dem Ausland angewiesen. Einer der Geldgeber ist Russlands Staatschef Wladimir Putin.
Lukaschenko ist auf milliardenschwere Kredite aus dem Ausland angewiesen. Einer der Geldgeber ist Russlands Staatschef Wladimir Putin.(Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb)

Glaubwürdige Zahlen, wie viele der fast zehn Millionen Weißrussen ihrer Heimat schon den Rücken gekehrt haben, existieren nicht. Die meisten Auswanderer informieren die Behörden nicht. Zudem gibt es zwischen Weißrussland und Russland, die eine Zollunion verbindet, kaum Grenzkontrollen. Gewerkschaften in Minsk schätzen aber, dass jedes Jahr etwa 150.000 Weißrussen ihre Heimat verlassen. "85 Prozent wandern nach Russland aus, der Rest in die naheliegenden EU-Länder, vor allem nach Polen", sagt Jaroschuk.

Die niedrigen Löhne und die Flucht ins Ausland sind eng mit dem Regime Lukaschenko verbunden. Der autoritäre Staatschef lenkt das Land seit 1994 mit harter Hand und im Stil einer kommunistischen Kommandowirtschaft. Das Ergebnis: Seit Jahren kämpft Weißrussland gegen einen drohenden Staatsbankrott. Lukaschenko hat zwar mit China und dem Iran Kredite ausgehandelt, und auch Russland pumpt Milliarden in den Bruderstaat, dennoch leidet die Bevölkerung - unter anderem an einer Inflation von mehr als 30 Prozent.

Keine Möglichkeit zur Selbstverwirklichung

"Die niedrigen Gehälter sind aber nicht der einzige Grund für den Exodus", sagt die Minsker Journalistin Irina Buraga. Junge Menschen und qualifizierte Arbeitskräfte würden im extrem straff durchreglementierten Weißrussland keine Möglichkeit mehr zur Selbstverwirklichung sehen.

"Dass das aktuelle Wirtschaftsmodell ausgedient hat, räumen selbst weißrussische Spitzenfunktionäre hinter vorgehaltener Hand ein", meint Gewerkschaftler Jaroschuk. Niemand wage aber, "Europas letztem Diktator" Lukaschenko offen zu widersprechen.

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Quelle: n-tv.de

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