Politik
In London sind bereits alle Gefängniszellen belegt.
In London sind bereits alle Gefängniszellen belegt.(Foto: REUTERS)
Freitag, 12. August 2011

England setzt auf "Big Brother": Mit Leinwand auf Rowdy-Suche

Mit Bildern aus Überwachungskameras auf einer sechs Quadratmeter großen mobilen Leinwand suchen britische Polizisten nach den Plünderern und Randalierern der vergangenen Tage. Premier Cameron will überdies prüfen, ob und wie Straftäter davon abgehalten werden können, über Internetdienste wie Facebook und Twitter zu kommunizieren.

Bei ihrer Fahndung nach flüchtigen Plünderern und Randalierern bei den nächtlichen Krawallen setzt die britische Polizei auf eine mobile Leinwand. Über den sechs Quadratmeter großen Bildschirm, der auf einem Kleinbus befestigt ist, suchen die Ermittler mit Hilfe von Bildern aus Überwachungskameras nach Verdächtigen. Das Fahrzeug war zunächst in Birmingham unterwegs, wo es an mehreren öffentlichen Plätzen Station machte. In der zweitgrößten britischen Stadt sollen so in den nächsten Tagen abwechselnd mehr als 50 Aufnahmen der Gesichter von mutmaßlichen Krawallmachern gezeigt werden.

Diese Aufnahme entstand in Birmingham.
Diese Aufnahme entstand in Birmingham.(Foto: dpa)

"Die Medien haben bereits Fotos von denjenigen veröffentlicht, die wir suchen, aber wir sind entschlossen, die Verdächtigen mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln zur Rechenschaft zu ziehen", sagte der ranghohe Polizist Mark Rushton. Schon als das Fahrzeug zum ersten Mal unterwegs war, habe es eine "großartige Resonanz" in der Bevölkerung gegeben. Über 500 Hinweise seien telefonisch oder per E-Mail bei der Polizei eingegangen.

Cameron will "Twitter-Täter" stoppen

Im Zusammenhang mit den vier Nächte andauernden Ausschreitungen in London und anderen Städten des Landes wurden bisher mehr als 1500 Menschen festgenommen. Verabredet hatten sich die Randalierer zumeist über die sozialen Netzwerke Twitter, Facebook und den Messenger von BlackBerry. Das will der britische Premierminister David Cameron nun unterbinden – mit umstrittenen Mitteln.

Cameron macht sich mit seinem Vorstoß nicht nur Freunde.
Cameron macht sich mit seinem Vorstoß nicht nur Freunde.(Foto: Reuters)

"Wenn Menschen soziale Netzwerke für Gewalt nutzen, müssen wir sie stoppen", sagte Cameron bei einer Sondersitzung des Parlaments in London. Die Regierung wolle, dass dafür Polizei, Geheimdienste und Web-Industrie zusammenarbeiten. Beifall erntete der Premier damit vor allem an Englands Stammtischen, wo "knallhartes Durchgreifen gegen Rowdys" zurzeit die beliebteste Parole ist. Doch andere reagieren mit Kopfschütteln. Purer Populismus sei das, weit entfernt von den Realitäten, sagen die Kritiker.

Camerons Vorstoß sei, wenn er damit ernst mache, eine "fundamentale Wende" im Umgang der britischen Regierung mit dem Internet, sagt der auf Netzmedien spezialisierte Londoner Anwalt Steve Kuncewicz. Ein Deal "zwischen Politik und Netzwerkbetreibern", wie er Cameron offenbar vorschwebe "könnte am Ende zur Erosion des Rechts auf freie Meinungsäußerung führen."

Mit einer Warnung in Richtung Downing Street reagierte auch die in den USA für Freiheit im Netz eintretende Organisation EFF. Sie rief Twitter, Facebook und Blackberry dazu auf, "für die Rechte ihrer Nutzer zu kämpfen".

Briten setzen auf "Big Brother"

Wohnungen werden geöffnet, in denen die Beute der Räuber vermutet werden.
Wohnungen werden geöffnet, in denen die Beute der Räuber vermutet werden.(Foto: REUTERS)

Gut in Erinnerung ist noch, wie der konservative Regierungschef unter dem Eindruck der Freiheitsbewegungen in Tunesien und Ägypten Meinungsfreiheit im Netz forderte und das Internet die sozialen Medien im Internet als "ein mächtiges Werkzeug in der Hand der Bürger" lobte.

Und erst vor einem Jahr hatte Cameron daheim Beifall bekommen, als er den Briten eine Abkehr vom Überwachungsstaat versprach. Internetsperren und Vorratsdatenspeicherung sollten abgeschafft werden. Dennoch erinnert so manchen Briten seine Insel weiterhin an den von George Orwell beschriebenen "Big Brother"-Staat. Immerhin beobachten allein in London weiterhin eine halbe Millionen Kameras die 7,5 Millionen Einwohner.

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Quelle: n-tv.de

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