Politik
Cover der Zeitschrift "Uykusuz". Auf dem Gesicht ist zu lesen: "Gewalt gegen Frauen … übertrieben", "Freizügige Frauen verdienen Vergewaltigung", "Frauen und Männer sind nicht gleich", "Hätten sie besser aufgepasst", "Mädchen oder Frau, egal".
Cover der Zeitschrift "Uykusuz". Auf dem Gesicht ist zu lesen: "Gewalt gegen Frauen … übertrieben", "Freizügige Frauen verdienen Vergewaltigung", "Frauen und Männer sind nicht gleich", "Hätten sie besser aufgepasst", "Mädchen oder Frau, egal".(Foto: Uykusuz, 2015)
Freitag, 10. Juni 2016

Politische Satire in der Türkei: Mit dem Despotenzinken fing es an

Von Markus Lippold

Am Anfang stand die lange Nase des Sultans: Sie ist der Ursprung der Satire-Tradition in der Türkei. Noch heute spielt dort die gezeichnete Kritik eine große Rolle, oft in Form von Comics. Doch die Repressionen bedrohen auch die Satire-Blätter.

"In der Türkei", sagt die türkische Comicautorin Ramize Erer, "ist die Tradition des Kritisierens nicht sehr ausgeprägt." Auch die politische Opposition sei traditionell nicht sehr effektiv. "Ich nehme an, dass die politische Satire deswegen diese Aufgabe übernommen hat. Die türkische Bevölkerung erwartet geradezu, dass die Karikaturisten die Rolle der Opposition ausfüllen."

Zeichnung von Ramize Erer, die in der Ausstellung auf dem Comic-Salon in Erlangen zu sehen war.
Zeichnung von Ramize Erer, die in der Ausstellung auf dem Comic-Salon in Erlangen zu sehen war.(Foto: Markus Lippold)

Mit politischer Satire meint Erer vor allem Comic-Zeitschriften. Sie nehmen in der Türkei anders als in Deutschland eine besondere Stellung ein, sind sehr bekannt und an allen Kiosken zu finden. Und sie enthalten anders als deutsche Satire-Zeitschriften nicht nur Karikaturen und Cartoons, sondern auch längere Comic-Geschichten mit mal mehr, mal weniger politischem Inhalt. Erer ist eine der berühmtesten Zeichnerinnen des Landes, wurde vor allem mit ihren feministischen Comics um "Kötü Kiz" (das böse Mädchen) bekannt, die bei Leserinnen wie Lesern heftige Reaktionen auslösten. Allerdings lebt sie mittlerweile nicht mehr in der Türkei: "Die politische Atmosphäre hat mich erstickt", sagt sie im Gespräch mit n-tv.de. "Ich wollte atmen können, frei sein." Diese Freiheit hat sie in Paris gefunden, wo sie nun arbeitet.

Satire und die Türkei - man denkt dabei derzeit wohl zuerst an den Satirestreit um Jan Böhmermann und sein Schmähgedicht. Dabei ist die Lage für Satiriker in der Türkei selbst viel bedrohlicher, seit Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan verstärkt gegen sie vorgeht. Doch Ramize Erer schränkt ein: "In der Türkei gab es immer eine repressive Atmosphäre, nicht erst seit Erdogan an der Macht ist." Immer wieder habe es Anklagen gegen Satiriker gegeben, etwa während des Militärputsches Anfang der 80er Jahre, als die Comic-Zeitschriften vier Wochen lang nicht erscheinen durften.

Der Despotenzinken des Sultans

Obama, Erdogan und Papst Benedikt XVI.: Cover der Satire-Zeitschrift "LeMan".
Obama, Erdogan und Papst Benedikt XVI.: Cover der Satire-Zeitschrift "LeMan".(Foto: Markus Lippold)

Man kann sogar noch weiter zurückgehen, bis zum letzten absolutistischen Sultan Abdülhamid II., der 1909 von den Jungtürken gestürzt wurde. Dieser habe eine große Nase gehabt und fühlte sich durch entsprechende Anspielungen angegriffen, erklärt die deutsche Journalistin Sabine Küper-Büsch. Deshalb habe der Herrscher durch die Zensur das Wort Nase verbieten lassen - man durfte es in Zeitungen und Büchern nicht mehr schreiben. "Allerdings wurde danach das Osmanische Reich mit Nasenzeichnungen geradezu überflutet", so Küper-Busch, von der das Buch "Die Nase des Sultans - Karikaturen aus der Türkei" stammt. "So wurde die Nase in der Türkei zum Zeichen für einen despotischen Herrscher." Im damaligen Vorfall sieht sie die Geburtsstunde der türkischen Zeitungskarikatur.

Die Tradition gezeichneter Kritik hat sich gehalten, wobei heute vor allem die satirischen Comic-Zeitschriften sehr bekannt sind. Die vier größten von ihnen standen im Mittelpunkt einer Ausstellung zu Comics und Satire in der Türkei, die auf dem Internationalen Comic-Salon in Erlangen gezeigt wurde. Wer genau hinschaute, erkannte, wie eng diese zusammenhängen: Da es in der Türkei keine Ausbildung für Karikaturisten oder Comic-Zeichner gibt, übernehmen dies die Satire-Zeitschriften selbst. So wird der Staffelstab von etablierten Zeichnern an den Nachwuchs weitergereicht.

Nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" demonstrierten die vier wichtigsten türkischen Satire-Zeitschriften ihre Solidarität mit den französischen Kollegen.
Nach dem Anschlag auf "Charlie Hebdo" demonstrierten die vier wichtigsten türkischen Satire-Zeitschriften ihre Solidarität mit den französischen Kollegen.(Foto: Markus Lippold)

"Die Tradition der politischen Satire der Gegenwart begann mit der Zeitschrift 'Girgir' von Oğuz Aral", erzählt Erer. Auch sie selbst und ihr Mann Tuncay Akgün starteten dort ihre Karrieren, beeinflusst von "Charlie Hebdo", dem amerikanischen "Mad"-Magazin und Zeichnerinnen wie der Französin Claire Bretécher, die in diesem Jahr auf dem Comic-Salon für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wurde. Später gründeten Akgün, Erer und andere Zeichner die Satire-Zeitschrift "LeMan". Auch dort gab man jungen Talenten eine Chance, wurde eine neue Zeichnergeneration ausgebildet, die wiederum neue Zeitschriften wie "Penguen" und "Uykusuz" (Schlaflos) gründete.

"Charlie Hebdo" und bezahlte Trolle

Allerdings verfolgen diese jungen Künstler einen anderen Ansatz: "Die jüngere Generation ist sehr metaphorisch, sehr verspielt und biografisch", sagt Küper-Büsch und nennt als Beispiele Memo Tembelcizer und Ersin Karabulut. Diese jüngeren Zeichner seien nicht unpolitisch, betont sie, sie empfänden aber die Älteren als zu ideologisch und eingefahren. Erer führt den neuen Trend auf die gesellschaftlichen Zusammenhänge zurück: "Als wir unsere Karrieren begannen, war die Atmosphäre in der Türkei sehr politisch", erklärt sie. Heute sei das anders: Die Jugend beschäftige sich weniger mit Politik, setze sich dafür mehr mit sich selbst auseinander. "Ich finde es schade, dass die Jugend sich weniger einmischt."

Comicseite von Ersin Karabulut, der zur jüngeren Generation der Comic-Zeichner gehört.
Comicseite von Ersin Karabulut, der zur jüngeren Generation der Comic-Zeichner gehört.(Foto: Ersin Karabulut)

Gleichwohl gibt es immer wieder gemeinsame Themen: Nach den Anschlägen auf "Charlie Hebdo" im Januar 2015 erschienen etwa sowohl "Girgir", als auch "LeMan", "Penguen" und "Uykusuz" mit einem "Je suis Charlie"-Cover. Auch Sexismus und Gewalt gegen Frauen sind nach wie vor aktuelle Themen. Außerdem sind die Zeitschriften durch ihre oppositionelle Haltung gegenüber Erdogan und der regierenden AKP miteinander verbunden. In den letzten zehn Jahren, erzählt Küper-Büsch, sei Erdogan über eintausend Mal auf den Titelbildern der Satire-Zeitschriften erschienen - als Hitler, als Napoleon oder als Tier. "Die türkische Satire ist wirklich sehr aufmüpfig", sagt sie.

Das hat Folgen: "LeMan"-Chef Akgün etwa wird permanent angefeindet - das ist ein Grund warum seine Frau nun in Paris lebt. Auf einer Gesprächsrunde in Erlangen berichtete Akgün von bezahlten, regierungsnahen Trollen, die in sozialen Netzwerken Proteste gegen die Zeichner organisieren und Beleidigungen und Drohungen verbreiteten würden. Das erinnert an Troll-Fabriken in Russland.

Regierungskonforme Presselandschaft

Nicht nur Satire-Zeitschriften sind der Verfolgung von staatlicher Seite ausgesetzt. Der Prozess gegen den Chefredakteur der oppositionellen Zeitung "Cumhuriyet" sorgte international für Schlagzeilen. "Es gibt eine allgemeine Repression und Kontrolle gegenüber der Presse und allen Oppositionellen", sagt Erer. Als Beispiel nennt sie die ehemalige oppositionelle Tageszeitung "Radikal", für die sie lange arbeitete. Sie geriet unter regierungsnahe Kontrolle, ihr Erscheinen wurde im April aus finanziellen Gründen eingestellt, der Chefredakteur, alle Autoren und Zeichner entlassen. Abgesehen von "Cumhuyriet" seien inzwischen alle Zeitungen regierungskonform, sagt Erer: "AKP-nahe, finanzstarke Gruppen kaufen die Zeitungen auf."

Je mehr die Zeichnerin davon erzählt, desto bitterer klingt ihre Stimme. Sie berichtet etwa von einem Mann, der sich scheiden ließ, weil seine Frau ständig Erdogan kritisierte. "Sogar in den Familien werden die Oppositionellen bestraft", sagt sie mit einem Lachen. Auf die Frage, ob sich die Entwicklung noch verschlimmere, wenn Erdogan das angestrebte Präsidialsystem etabliert habe und an Macht gewinne, sagt sie: "Angesichts der derzeitigen Lage will ich mir gar nicht ausmalen, wie es dann sein wird. Auf jeden Fall wird es nicht besser."

Von Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet Erer deshalb eine schärfere Reaktion auf die repressive Politik Ankaras. Doch angesichts des Flüchtlingsabkommens zwischen EU und Türkei ist ihr bewusst, "dass Merkel eine schwache Position gegenüber Erdogan hat". Die Bundeskanzlerin könne sich nicht allzu kritisch äußern. Selbst den Einfluss der beliebten Satire-Zeitschriften sieht Erer eher skeptisch: "Eine Karikatur kann die Probleme nicht lösen", sagt sie. "Das ist eine Erwartung, die nicht erfüllt werden kann."

Vielen Dank an die Dolmetscherin Meral Akkent, Kuratorin des Frauenmuseums Istanbul!

Quelle: n-tv.de

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