Politik
Auf dem Weg nach Tripolis.
Auf dem Weg nach Tripolis.(Foto: Issio Ehrich)
Sonntag, 29. Oktober 2017

Einsatz vor Libyens Küste: Mit einem Kriegsschiff rückwärts ausparken

Von Issio Ehrich

Unter der Wasseroberfläche ist der Steinhaufen kaum zu erkennen. Er liegt ungefähr sechs Meter hinter dem Anlegeplatz der Fregatte. Kommandant Christian Schultze sagt: "Es wird tricky, es wird eng." Das Schiff muss rückwärts an dem Felsbrocken vorbei.

Das Reporter-Tagebuch

Unser Reporter Issio Ehrich ist mit der Bundeswehr vor der Küste Libyens im Einsatz. In seinem Tagebuch berichtet er regelmäßig über seine Erlebnisse auf der Fregatte "Mecklenburg-Vorpommern".

Das Kriegsschiff ist im Rahmen der EU-Operation "Sophia" vor Ort. Die Mission: Schleusernetzwerke auf der sogenannten zentralen Mittelmeerroute aufspüren, gegen den illegalen Waffenhandel vorgehen und Flüchtlinge aus Seenot retten.

Tag eins an Bord der Mecklenburg-Vorpommern. Der Einsatz beginnt weniger entspannt, als erwartet. Der Hafen von Valletta auf Malta ist fast zu klein für das knapp 140 Meter lange und 17 Meter breite Kriegsschiff. Und der Steinhaufen nicht das einzige Hindernis. "Wir müssen auch noch an der fetten Ente Cantabria vorbei", sagt Schultze. Gemeint ist der Spanische Versorger, der hinter der Mecklenburg-Vorpommern liegt.

Um 10:02 Uhr nähern sich die maltesischen Schlepper "Mari" und "Leni". Es vergehen nur Minuten, bis es heißt "Schleppverbindung hergestellt". Ohne Hilfe wäre die Mecklenburg-Vorpommern kaum aus dem Hafen zu bekommen.

Es gilt, auf keinen Fall dem Steinhaufen näher zu kommen, zugleich aber auch nicht mit Bug oder Heck gegen den Pier zu stoßen. Wir müssen möglichst parallel ablegen. Die Stimmung auf der Brücke ist angespannt, als die Schlepper das Schiff wegziehen.

Der zweite Navigationsoffizier skizziert das Ablegemanöver der Fregatte.
Der zweite Navigationsoffizier skizziert das Ablegemanöver der Fregatte.(Foto: Issio Ehrich)

Kaum ist der Steinhaufen umschifft, geht es rückwärts weiter an der "fetten Ente" vorbei, ein Schiff das wir auf unserer Reise vielleicht noch einmal sehen werden. Sollte sich unser Sprit dem Ende neigen, könnte uns die Cantabria auf See betanken. Eine Vierteldrehung kurz vor der Hafenausfahrt später ziehen die Schlepper ab.

10:38 Uhr. Wir nehmen Kurs auf Tripolis. Genau genommen auf zwei Sektoren in internationalen Gewässern vor der Küste Libyens, die es künftig zu überwachen gilt. Die Sektoren heißen wie Comicfiguren, deren Namen hier nicht genannt werden können.

"Das Wetter sagt für die nächsten Tage geringe Einflussnahme auf INGP-Abnahme", sagt Kommandant Schultze. Soll heißen: Das Wetter wird für die Jahreszeit relativ gut. Womöglich werden wir INGP, also in Not geratene Personen, aufnehmen.

Alle, mit denen ich an Bord spreche, hoffen, dass nicht heute schon ein Notruf eingeht. Die Crew, 219 Personen, braucht nach zwei Wochen im Hafen Zeit, um wieder so richtig in Seeroutine zu kommen. Und ich, um mich an das permanente Schwanken zu gewöhnen, an die schweren Schleusentüren, die auch bei manch erfahrenerem Seemann Schürfwunden am Handgelenk hinterlassen. Gewöhnen muss ich mich auch an den Verlust des Zeitgefühls. Ein Großteil des Lebens auf der Mecklenburg-Vorpommern spielt sich unter Deck ab - unter weißem, gelbem oder rotem Kunstlicht.

Quelle: n-tv.de

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