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Rainer Wendt und Hannelore Kraft zeigen sich erschüttert von der Silvesternacht in Köln.
Rainer Wendt und Hannelore Kraft zeigen sich erschüttert von der Silvesternacht in Köln.(Foto: dpa)

Polit-Talk bei Frank Plasberg: Mutter Kraft gesteht ihre Ohnmacht

Von Thomas Schmoll

Die fünf Gäste bei "Hart aber fair" diskutierten über Konsequenzen aus der Schande von Köln. Bevor es ums politische Kleinklein geht, berichtet ein Opfer – und bewegt NRW-Ministerpräsidentin zu einem überraschend ehrlichen Bekenntnis.

Bevor Angela Merkel den Bürgern "Gesundheit, Kraft, Zuversicht und Gottes Segen" für 2016 wünschte, bekräftigte sie den Satz, der die Republik gespalten hat: "Wir schaffen das." Stunden nach Ausstrahlung der Neujahrsansprache der Kanzlerin ereigneten sich jene widerlichen Vorfälle, die inzwischen "Schande von Köln" genannt werden. Seither streitet Deutschland umso heftiger darüber, ob wir es wirklich schaffen. Denn seit der Silvesternacht ist umso klarer, dass nicht allein Finanzkraft, Zuversicht und Willen der Deutschen entscheiden. Auch die Menschen, die bei uns um Asyl bitten, müssen mitspielen. Sonst droht das Scheitern.

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Logisch, dass Frank Plasberg seine erste Sendung von "Hart aber fair" im neuen Jahr dem Kölner Skandal widmete und seine fünf Gäste fragte: "Was sind die Konsequenzen?" Doch ehe er den Diskutanten die Bühne überließ, tat er das einzig Richtige: Der Moderator ließ eines der Opfer von Köln zu Wort kommen. Die junge Frau redete stellvertretend für Hunderte in der Silvesternacht Bestohlene, Begrapschte, Gedemütigte und Beleidigte.

Sie sprach von ihrer "Angst und Hilflosigkeit", als sie von "50 Männern und mehr" umzingelt, Hure und Schlampe beschimpft wurde und schilderte das Gefühl, ausgeliefert zu sein, vollkommen schutzlos, und niemand da war, "der uns hätte helfen können". Die Frau erzählte, wie die Flucht aus dem Spießrutenlauf gelang. Wie soll man das vergessen? Sie hofft, dass sie es schafft, ahnt aber, "dass die Gedanken noch lange im Kopf präsent sein werden".

Der Bericht der gebürtigen Kölnerin erschütterte - und endete mit einer Forderung an den Rechtsstaat sowie einem Statement der Menschlichkeit und Vernunft. Vom Staat verlangt sie "Sicherheit", als "Anfang, wenn man merken würde, dass mehr Polizei unterwegs wäre". Die Sicherheit, die Flüchtlinge hierzulande suchten, "die hat für uns deutsche Frauen an diesem Abend nicht existiert". Sie wolle eine gerechte Strafe gegen die Täter, unabhängig von deren Herkunft. "Ist mir egal, woher die kommen." Hat sich ihr Verhältnis zu Ausländern geändert? "Absolut nicht."

"Das tut mir richtig weh"

Hannelore Kraft, die Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen, zeigte sich erschüttert und gestand ihre Ohnmacht: "Das tut mir richtig weh. Wir konnten Sie nicht schützen. Das ist auch nicht zu entschuldigen und nicht rückgängig zu machen." Sie sagte: "Ich würde gerne alle Frauen um Entschuldigung bitten. Aber ich weiß, dass das nicht hilft." Die Worte der Landesmutter schienen glaubwürdig. Es ist vermutlich die Ehrlichkeit, die die Bürger inzwischen so sehr vermissen, wenn Politiker den Mund aufmachen. Nun, fuhr Kraft fort, gehe es darum, die richtigen Konsequenzen zu ziehen, damit "so etwas in Köln nie wieder vorkommt".

Im Grunde war damit alles gesagt, die Sendung hätte hier nach zehn Minuten zu Ende sein können. War sie aber nicht. So konnte auch noch Kraft - unter Applaus des Publikums - die Binse loswerden: "Straftäter sind Straftäter, egal wo sie herkommen." Plasberg, der extrem gut vorbereitet war und eher fair als hart agierte, hatte noch einige Fragen auf dem Zettel.

Eine davon brachte Renate Künast, ein Urgestein der Grünen, aus der Fassung. Plasberg verwies auf die dieser Tage permanent zu hörende Aussage, das Recht der Frauen sei in Köln mit Füßen getreten worden. Er wollte von Künast wissen. "Wem gehörten die Füße, die getreten haben?" Die Diskutantin antwortete: "Uns allen, sämtlichen Bundesbürgern" sei auf die Füße getreten worden. Plasberg erklärte, er wolle nicht wissen, wer die Tritte empfangen habe, sondern wem die Füße gehörten, die getreten hätten. "Ich habe die Frage einfach nicht verstanden", entschuldigte sich Künast und sagte schließlich: "Straftätern."

Was hatte Plasberg als Antwort von einer Grünen-Politikerin erwartet, was sie sagen würde? Fiese Neger? Böse Muselmänner? Überflüssig polemisch blaffte er: "Dann ist ja alles gesagt. Sollen wir die Sendung an dieser Stelle beenden?" Künast antwortete nicht mit "jawohl, gute Idee", sondern schlug vor, allgemein über häusliche, sexuell motivierte Gewalt gegen Frauen und das Selbstbestimmungsrecht des weiblichen Geschlechts zu reden.

An der Stelle zeigte sich der tiefe Riss, der durch das Land geht. Ist es redlich, den Kölner Skandal auf eine Stufe mit sexistischer Anmache auf dem Münchner Oktober gleichzusetzen? Für eine Frau, die von einem Mann befummelt wird, spielt das keine Rolle. Aber in der Bewertung des Kölner Vorfalls und den Konsequenzen daraus? So sagt etwa der Kriminologe Christian Pfeiffer, wahrlich kein Pegida- und AfD-Kumpan, dass Männer aus muslimisch geprägten Ländern "diese Machokultur sehr viel stärker verinnerlicht haben". Ihm geht es nicht um ein Urteil, sondern darum, hier anzusetzen, statt die Problematik zu ignorieren oder wegzureden.

"Blanke Frauenverachtung"

"Lassen Sie uns doch erstmal das Phänomen angucken", verlangte Ex-Familienministerin Kristina Schröder. Erst danach sollte über mögliche Gesetzesverschärfungen gesprochen werden. Hinter der Schande von Köln stecke "blanke Frauenverachtung". Die Christdemokratin plädierte für eine "Enttabuisierung". Daraus aber zu stricken, die deutsche Öffentlichkeit verschweige und beschönige Integrationsprobleme, geht zu weit – wie allein die Sendung zeigte.

Heribert Prantl, Mitglied der Chefredaktion der "Süddeutschen Zeitung" und beharrlicher Verteidiger des Rechtsstaates, zeigte sich zornig ob der Bemühungen von Ermittlern und Justiz. "Sexuelle Tätlichkeiten werden derzeit gar nicht oder nicht ausreichend bestraft", stellte er fest. Plasberg garnierte die Debatte mit Auszügen aus einem Dokument der Kölner Polizei zur Silvesternacht. Auf etlichen Seiten werden 169 Straftaten genannt: Schläge ins Gesicht, Grapschen an den Po oder auch "Finger, die eingeführt wurden in Scheiden".

Prantl: "Ich muss die Machokultur zur Kenntnis nehmen." Bei bestimmten Leuten sei Hopfen und Malz verloren. Die seien "in der absoluten Minderheit". Der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt stimmte zu, meinte jedoch auch: "Kein Generalverdacht. Aber kein Generalfreispruch." Und: "Die Menschen, die da straffällig geworden sind, die können Sie doch nicht mit Deutschkursen integrieren."

Quelle: n-tv.de

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