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Rauch und Feuer sind nach einem israelischen Luftschlag in Gaza Stadt zu sehen.
Rauch und Feuer sind nach einem israelischen Luftschlag in Gaza Stadt zu sehen.(Foto: dpa)

Rakete trifft Haus in Jerusalem: Naher Osten steht vor neuem Gaza-Krieg

Die Hamas feuert Raketen auf Israel - in Tel Aviv wird Luftalarm ausgelöst, in Jerusalem ein Haus getroffen. Israel reagiert mit Luftschlägen, bei denen mehr als 20 Menschen sterben. Zudem laufen Vorbereitungen auf einen Einmarsch in den Gazastreifen.

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Bei einer massiven israelischen Offensive im Gazastreifen und einem Angriff militanter Palästinenser in Israel sind mindestens 21 Menschen getötet worden. Mehr als 100 Menschen wurden binnen weniger Stunden verletzt. Die israelischen Luftschläge gelten als möglicher Auftakt eines neuen Gaza-Kriegs. Sie sind eine Reaktion auf den anhaltenden Raketenbeschuss aus dem Gazastreifen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon forderte die Konfliktparteien zu größtmöglicher Zurückhaltung auf.

In Gaza teilte der Sprecher der Rettungsdienste mit, dass unter zehn getöteten Zivilisten auch fünf Kinder seien. Die restlichen sechs Getöteten seien Kämpfer der Gruppierungen Hamas und Islamischer Dschihad gewesen. Der bewaffnete Arm der Hamas kündigte eine "überraschende Ausweitung unserer Attacken" an.

In Tel Aviv suchen Urlauber Schutz an einer Hotelwand, nachdem der Luftalarm ausgelöst wurde.
In Tel Aviv suchen Urlauber Schutz an einer Hotelwand, nachdem der Luftalarm ausgelöst wurde.(Foto: REUTERS)

Eine aus dem Gazastreifen abgefeuerte Rakete schlug unterdessen in ein Haus in Jerusalem ein. Nach Angaben des israelischen Fernsehens wurde niemand verletzt. Zuvor war der Luftalarm ausgelöst worden, Explosionen waren zu hören. Auch in Tel Aviv heulten die Warnsirenen. Militante Palästinenser feuerten mehrere Raketen auf den Großraum der Metropole. Eine Rakete wurde von der Raketenabwehr abgefangen, teilte die Armee mit. Den Berichten zufolge wurden in kurzer Folge etwa 40 Raketen mit größerer Reichweite auf israelische Ortschaften abgefeuert. Luftalarm gab es auch in Ortschaften nördlich von Tel Aviv sowie in Beerscheva, Aschkelon und Aschdod.

Bei einem Angriff auf eine israelische Militärbasis nördlich des Gazastreifens wurden fünf militante Palästinenser getötet. Der israelische Rundfunk meldete, ein Soldat sei bei Schusswechseln leicht verletzt worden. Die Palästinenser seien offenbar von der See aus gekommen und hätten versucht, in die Basis Zikim einzudringen. Der bewaffnete Arm der Hamas habe sich zu der Tat bekannt.

Zeit, "die Samthandschuhe auszuziehen"

Ein israelischer Helikopter feuert eine Rakete in Richtung Gazastreifen ab.
Ein israelischer Helikopter feuert eine Rakete in Richtung Gazastreifen ab.(Foto: REUTERS)

Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu wies die Armee derweil an, auch Vorbereitungen für eine mögliche Bodenoffensive im Gazastreifen zu treffen. Im Kampf gegen die Hamas sei es an der Zeit, "die Samthandschuhe auszuziehen", sagte er. Israel will mit der Operation "Zuk Eitan" (Fels in der Brandung) den ständigen Raketenbeschuss seiner Ortschaften unterbinden. Armeesprecher Peter Lerner betonte, die Luftangriffe seien nur "eine Etappe" der "Operation Schutzrand", die zeitlich nicht begrenzt sei. Zwei Brigaden wurden nach Armeeangaben schon rund um den Gazastreifen postiert, weitere sollen in den kommenden Tagen nachrücken. Nach Angaben des israelischen Militärsprechers Arye Shalicar hat die Armee grünes Licht für die Mobilisierung von bis zu 40.000 Reservesoldaten erhalten.

Die israelische Armee teilte mit, bislang habe die Luftwaffe 150 "Terrorziele" im Gazastreifen angegriffen. Nach palästinensischen Angaben wurden dabei auch ranghohe Hamas-Aktivisten getötet, darunter der Marinekommandeur. Tote gab es zudem bei Angriffen auf ein Haus in Chan Junis sowie bei mehreren gezielten Luftschlägen gegen militante Palästinenser. Seit Beginn der israelischen Luftoffensive seien von palästinensischer Seite etwa 130 Raketen auf israelische Ortschaften abgefeuert worden, teilte die Armee mit. Die Hamas hatte bereits am Montag Dutzende Raketen auf Israel abgefeuert, wovon viele vom Abwehrsystem "Iron Dome" abgefangen wurden.

Helfer suchen in Trümmern nach Überlebenden. Das Haus in Chan Junis soll bei einem israelischen Luftschlag zerstört worden sein.
Helfer suchen in Trümmern nach Überlebenden. Das Haus in Chan Junis soll bei einem israelischen Luftschlag zerstört worden sein.(Foto: REUTERS)

Auslöser der jüngsten Gewaltwelle waren die Entführung und die Ermordung von drei jüdischen Teenagern am 12. Juni sowie der mutmaßliche Rachemord an einem palästinensischen Jugendlichen in der vergangenen Woche. Israel ist seit der Entführung massiv gegen die Infrastruktur der Hamas im Westjordanland vorgegangen und hat Hunderte Mitglieder der Organisation festgenommen. Darunter waren auch Männer, die Israel vor drei Jahren im Tausch gegen den Soldaten Gilad Schalit freigelassen hatte. Hamas fordert als Bedingung für ein Ende der Raketenangriffe ihre sofortige Freilassung sowie eine Aufhebung der Blockade des Küstenstreifens durch Israel und eine Öffnung der Grenze zu Ägypten. Palästinenserpräsident Mahmud Abbas forderte Israel auf, "seine Eskalation und die Angriffe unverzüglich einzustellen".

"Hoffnung auf Frieden fast völlig geschwunden"

Auswirkungen des Konflikts bekamen auch 2700 Passagiere und Besatzungsmitglieder des deutschen Kreuzfahrtschiffes "Aida Diva" zu spüren. Beim Auslaufen aus dem israelischen Hafen von Aschdod etwa 30 Kilometer nördlich des Gazastreifens fielen am Montagabend Raketensplitter auf das Deck. Die Kreuzfahrtreederei will bis auf weiteres israelische Häfen meiden.

US-Präsident Barack Obama rief Israelis und Palästinenser eindringlich zu einer friedlichen Lösung auf. "Frieden ist möglich", schrieb Obama in einem Gastbeitrag für die israelische Zeitung "Haaretz". Beide Seiten müssten bereit sein, dafür Risiken einzugehen. "Wenn der politische Wille zu ernsthaften Verhandlungen existiert, werden die USA da sein - bereit, unsere Rolle zu übernehmen." Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier warnte vor einer militärischen Konfrontation, die völlig außer Kontrolle geraten könnte.

Der ehemalige israelische Botschafter in Deutschland, Avi Primor, nannte die Eskalation eine Folge des Scheiterns der Friedensverhandlungen zwischen Israel und den Palästinensern, für das Israel die Hauptverantwortung trage. "Auf beiden Seiten ist die Hoffnung auf Frieden fast völlig geschwunden", sagte Primor der "Märkischen Allgemeinen Zeitung". Nicht die ganze israelische Regierung, aber wichtige Mitglieder hatten Primor zufolge von Beginn an kein wirkliches Interesse an einem Friedensabkommen. "Sie haben nur unter dem Druck der USA verhandelt."

Quelle: n-tv.de

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