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Seit fast 16 Jahren läuft der Nato-Einsatz in Afghanistan.
Seit fast 16 Jahren läuft der Nato-Einsatz in Afghanistan.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 29. Juni 2017

Kehrtwende, Marsch!: Nato verstärkt Afghanistantruppe

Die Nato schickt wieder mehr Soldaten nach Afghanistan - zweieinhalb Jahre nach Ende ihres Kampfeinsatzes. Und bei einem Treffen in Brüssel macht US-Verteidigungsminister Mattis klar: Auch ein Enddatum des Einsatzes will er nicht mehr festlegen.

Den Kampfeinsatz beenden, noch eine Weile afghanische Sicherheitskräfte ausbilden und dann ganz abziehen: Das waren Ende 2014 die Pläne der Nato für Afghanistan. Nun kommt es ganz anders: Bei einem Treffen der Nato-Verteidigungsminister in Brüssel sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg: "Ich kann heute bestätigen, dass wir unsere Präsenz in Afghanistan erhöhen werden." Wieso? Was können mehr Soldaten dort erreichen? Und macht auch Deutschland mit? Fragen und Antworten im Überblick:

Nun doch wieder mehr Truppen - was steckt hinter der Entscheidung?
Die Nato befürchtet, dass Afghanistan wieder zu einem sicheren Rückzugsort für islamistische Terroristen werden könnte. Die Sicherheitslage in dem Land hat sich seit Ende des internationalen Kampfeinsatzes im Dezember 2014 drastisch verschlechtert. Der war gestartet worden, nachdem am 11. September 2001 Al-Kaida-Terroristen die USA angegriffen hatten - unter anderem, indem sie zwei Flugzeuge in die Zwillingstürme des World Trade Centers gesteuert hatten. Al-Kaida-Chef Osama bin Laden lebte damals in Afghanistan.

Wie sieht die Sicherheitslage denn genau aus?
Die radikalislamischen Taliban, die Al-Kaida-Terroristen in den 90er Jahren Unterschlupf gewährt hatten, breiten sich wieder aus. Laut US-Militärangaben "kontrollieren oder beeinflussen" sie heute rund elf Prozent des Landes. Weitere knapp 30 Prozent gelten als umkämpft. Gleichzeitig hat sich ein Ableger der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) etabliert. Auch in der Hauptstadt Kabul gibt es schwere Anschläge. Die nationalen Streitkräfte sind überfordert, Tausende sterben jedes Jahr, Zehntausende desertieren. Die nach dem Ende des internationalen Kampfeinsatzes gestartete Ausbildungs- und Beratungsmission "Resolute Support" gilt als zu klein.

Was soll die Truppenaufstockung bringen?
Nato-Generalsekretär Stoltenberg betonte am Donnerstag, es gehe nicht darum, den Kampfeinsatz wiederaufleben zu lassen, sondern darum, die Ausbildung der afghanischen Streitkräfte auszubauen. Derzeitig kann die Trainingsmission Resolute Support mangels Personals fast nur auf hoher Offiziersebene beraten. Der US-Militär- und Nato-Sprecher Bill Salvin in Kabul sagt, die zusätzlichen Soldaten sollten nun auch unterhalb der Offiziersebene besonders wichtige Angriffsfähigkeiten der afghanischen Streitkräfte trainieren. Es geht um Fähigkeiten der Spezialkräfte und der Luftwaffe, aber auch um die Bereiche Artillerie und Logistik sowie Führungsqualitäten.

Wie viele zusätzliche Soldaten wird es geben und von welchen Ländern werden sie gestellt?
Das ist noch nicht ganz klar. Angaben aus Bündniskreisen zufolge sollen sich künftig rund 15.800 Soldaten an dem Einsatz zur Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte beteiligen. Zuletzt standen dafür etwas mehr als 12.000 Soldaten zur Verfügung. 15 Staaten hatten bereits vor der Konferenz in Brüssel ein zusätzliches Engagement in Aussicht gestellt - während der Konferenz habe es weitere Zusagen gegeben, sagte Nato-Generalsekretär Stoltenberg am Donnerstagabend ohne ins Detail zu gehen. Die einzige öffentliche Zusage war die des britischen Verteidigungsminister Michael Fallon, der eine Erhöhung des Kontingents von derzeit 500 Mann um weitere rund 100 ankündigte.

US-Verteidigungsminister James Mattis sagte am Abend, 70 Prozent der "Erfordernisse" seien nun erfüllt. Er sei optimistisch, dass auch die verbleibenden Lücken gefüllt werden könnten. Die USA, die zuletzt mit knapp 7000 Soldaten das größte Kontingent für den Ausbildungs-Einsatz der Nato stellten, haben ihre Planungen noch nicht abgeschlossen. Es wird damit gerechnet, dass sie 2000 bis 2500 zusätzliche Soldaten zur Verfügung stellen.

Mattis sagte, dass er nach der Konferenz seine Empfehlungen an den Präsidenten für die neue Afghanistanstrategie der USA fertigstellen werde. Die soll im Juli vorliegen. Klar wird aber schon jetzt eine große Veränderung: Im Gegensatz zu früheren US-Strategien scheint James Mattis ein Ende des Einsatzes nicht mehr festlegen zu wollen. Vielleicht auch, weil die sogenannten Exitstrategien, die Truppenreduzierungen zu bestimmten Daten vorsahen, als Ermunterung der Taliban galten. Die hatten so das Gefühl, sie bräuchten die ausländischen Truppen nur "auszusitzen". Auf die Frage, wann der längste Krieg der USA endlich enden würde, sagte Mattis in Brüssel nun: "Ich mache keine Zeitpläne für Kriege."

Und was ist mit Deutschland?
Deutschland ist nach den USA und Italien schon heute der größte Truppensteller in Afghanistan. Vermutlich auch wegen der bevorstehenden Bundestagswahl hat Kanzlerin Angela Merkel angekündigt, dass sie vorerst keine Erhöhung der Mandatsobergrenze prüfen will. Die ermöglicht eine Entsendung von bis zu 980 Soldaten.

Wird die Strategie aufgehen?
Die Erwartungen sind gemischt. Kritiker verweisen darauf, dass die USA schon 2009 einmal zusätzliche 33.000 Soldaten nach Afghanistan geschickt hätten, um die damals bereits wieder erstarkenden Taliban zu schlagen - ohne Erfolg. Der Einsatz-Sprecher Bill Salvin in Kabul ist optimistischer. Er sagt, mit mehr Ausbildern werde die Nato die Afghanen so ausbilden können, dass sie 2019 "große Offensiven" starten und 80 Prozent der von den Taliban eroberten Gebiete zurückholen könnten.

Quelle: n-tv.de

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