Politik
(Foto: REUTERS)
Mittwoch, 28. Oktober 2015

SPD-Chef will 2017 Kanzler werden: Natürlich Gabriel, wer sonst?

Von Christian Rothenberg

Zwei Jahre lang mag Sigmar Gabriel über das Thema nicht reden. Jetzt sagt er plötzlich offen, dass er 2017 gegen Kanzlerin Merkel antreten will. Die Aussichten sind mies, aber Gabriel ist quasi alternativlos.

Für Überraschungen ist Sigmar Gabriel oft gut. Dann überrascht er politische Verbündete und Gegner mit plötzlichen und nicht immer abgesprochenen Vorstößen. Nun hat sich der Vizekanzler mal wieder aus der Deckung gewagt. "Natürlich will ich Bundeskanzler werden, wenn die SPD mich aufstellen will. Das ist doch gar keine Frage", sagte der SPD-Politiker dem "Stern".

Bis zur nächsten Bundestagswahl sind es noch genau zwei Jahre. Es ist das erste Mal, dass Gabriel so deutlich Ambitionen bekundet. Eine Überraschung ist es jedoch nicht. Wer, wenn nicht Gabriel, mag man sich fragen?

Schon vor der Bundestagswahl 2013 hätte der SPD-Chef zugreifen können, doch er ließ schließlich Peer Steinbrück den Vortritt. Seit der verlorenen Wahl galt Gabriel immer als klarer Favorit in der Kandidatenfrage. Doch Gabriel sträubte sich gegen frühe Diskussionen. Er mied das Thema und wies Nachfragen genervt zurück. Dabei kehrte die K-Frage wie ein Bumerang fast im Drei-Monats-Rhythmus zur SPD zurück.

"So sympathisch wie Fußpilz"

Im April brachte Fraktionsvize Axel Schäfer so plötzlich wie anlasslos EU-Kommissionspräsident Martin Schulz als möglichen Kanzlerkandidaten ins Spiel. Daraufhin entbrannte eine nervöse Diskussion. "Mir ist diese Debatte 2015 für die SPD so sympathisch wie Fußpilz", ätzte Parteivize Ralf Stegner damals. Gabriel tat, was er bei dem Thema oft getan hatte: Er wich aus. "Es ist ein schöner Unterschied zur CDU, dass wir nicht nur eine Person haben, der man politische Führung zutraut", sagte er.

Im Juli war das Thema wieder da. Im ZDF-Sommerinterview lehnte Gabriel es ab, darüber zu sprechen. Es sei noch viel zu früh, " jetzt eine Debatte über Kanzlerkandidaturen zu führen". Wenige Tage später schob Torsten Albig, SPD-Ministerpräsident in Schleswig-Holstein, das Thema erneut an. Die Kanzlerin mache ihren Job doch "ganz ausgezeichnet", sagte er und regte eine Diskussion an, ob die Partei auch angesichts der mageren Umfragewerte überhaupt noch einen Kanzlerkandidaten brauche.

Überhaupt die Umfragen. Sie sorgen seit Langem dafür, dass die K-Frage in der Partei Nervosität und Unbehagen auslöst wie kaum ein zweites Thema. Bei den Meinungsforschern klebt die SPD seit der letzten Bundestagswahl bleischwer bei 25 Prozent. Egal, wie Gabriel versucht, sich von der Union abzusetzen, es mag nicht fruchten. In der Flüchtlingskrise büßen Union und Kanzlerin kräftig an Zustimmung ein, doch die Sozialdemokraten und Gabriel konnten davon bisher kein bisschen profitieren. Nur 16 Prozent der Deutschen würden sich laut Forsa für den SPD-Chef als Kanzler entscheiden.

Nahles, Maas? Nicht 2017

Angesichts solcher Aussichten, stehen die Kandidaten bei der SPD nicht Schlange. NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft und Hamburgs Regierender Bürgermeister Olaf Scholz, die sich viele Mitglieder theoretisch vorstellen können, wollen nicht und haben dies mehrfach bekräftigt. Frank-Walter Steinmeier hat 2009 das schlechteste SPD-Ergebnis der Nachkriegsgeschichte eingefahren. Dass er erneut als Außenminister einer Großen Koalition gegen Merkel antritt, gilt als sehr unwahrscheinlich. Steinmeier werden ohnehin eher Ambitionen für das Amt des Bundespräsidenten nachgesagt.

Und sonst? Fehlanzeige. Fragt man in der SPD, dann fallen - zumindest für die Wahl in zwei Jahren - keine weiteren Namen. Arbeitsministerin Andrea Nahles werden mittelfristig Ambitionen nachgesagt, auch Justizminister Heiko Maas wäre theoretisch vorstellbar, aber nicht für 2017. Der Saarländer ist erst seit zwei Jahren in Berlin, ihm fehlen die nötigen Netzwerke, außerdem ist er eher ein zurückhaltender Typ.

Als Vorsitzender hat Gabriel das erste Zugriffsrecht. Diesmal will er offenbar davon Gebrauch machen. Anfang 2014 hat er zwar angekündigt, die Mitglieder über den nächsten Kanzlerkandidaten abstimmen zu lassen. Aber worüber abstimmen, wenn im Prinzip nur einer infrage kommt? Spätestens jetzt ist klar, dass Gabriel das macht, woran in der Partei schon lange niemand gezweifelt hat. Natürlich er, wer sonst? In der Partei dürfte es keinen großen Widerspruch geben.

Nach Gabriels deutlichem Bekenntnis kann die SPD zumindest eine nervige Debatte abstreifen. Der Folgen wird sich der Vizekanzler bewusst sein. Seine Wiederwahl beim Parteitag im Dezember dieses Jahres ist zwar höchst wahrscheinlich, aber wenn er 2017 verliert, wird er auch nicht länger Parteichef bleiben. Dann wäre die Ära Gabriel nach acht Jahren beendet.

Quelle: n-tv.de

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