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"Du bist der größte Lügner": Neun Lehren aus der Republikaner-Debatte

Von Hubertus Volmer

Sechs Republikaner sind noch im Rennen um die Präsidentschaftskandidatur ihrer Partei. Bei ihrer jüngsten TV-Debatte demontieren sie sich gegenseitig nach Kräften. Der Kommentar des Abends: "Jesus, oh Mann."

Im Sommer 2015 konnte man gelegentlich hören und lesen, das Bewerberfeld der Republikaner bei Vorwahlen sei noch nie so groß und schon lange nicht mehr so qualifiziert gewesen.

Das mit der Größe stimmte, hat sich mittlerweile aber erledigt. Sechs Bewerber sind noch übrig: auf der Seite der Anti-Establishment-Kandidaten der laute Poltergeist Donald Trump, der radikal-christlich-konservative Ted Cruz und der völlig überforderte Chirurg im Ruhestand Ben Carson. Und auf der Seite der Gemäßigteren der junge und unerfahrene Senator Marco Rubio, Präsidentensohn und -bruder Jeb Bush sowie der Gouverneur von Ohio, John Kasich, der in New Hampshire überraschend auf den zweiten Platz gekommen war.

Hier neun Dinge, die wir bei der Kandidatendebatte am Samstagabend in Greenville, South Carolina, gelernt haben:

1. Trump kennt keine Tabus.

Dass Donald Trump sich den üblichen Selbstbeschränkungen der Politik nicht unterwirft, hat man ja schon mitbekommen. Meist treffen seine Regelverstöße Mexikaner (Vergewaltiger), Frauen (hysterisch) oder seine Mitbewerber Ted (Lügner) und Bush (Versager). Doch auch von der Regel, dass republikanische Präsidentschaftskandidaten republikanische Ex-Präsidenten nicht kritisieren, hält Trump nichts. George W. Bush warf er vor, die USA nicht ausreichend vor Terror geschützt zu haben. Schließlich sei das World Trade Center in dessen Regierungszeit eingestürzt. "Der soll uns beschützt haben?", rief er gegen die Buh-Rufe aus dem Publikum. Trump beschuldigte die Bush-Regierung auch, bei der Begründung des Irak-Kriegs bewusst die Unwahrheit gesagt zu haben. "Sie haben gelogen. Sie sagten, da wären Massenvernichtungswaffen (im Irak) – es gab aber keine. Und sie wussten, dass es keine gab." Der Krieg gegen den Irak sei "ein dicker, fetter Fehler" gewesen, so Trump. "George Bush hat einen Fehler gemacht, wir alle machen mal Fehler. Aber der war ein echtes Ding." So deutlich sagen das selbst Demokraten in den USA nur im Ausnahmefall.

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2. Marco Rubio ist wieder da.

Für Rubio war die Debatte vor einer Woche eine Katastrophe. Sein (mittlerweile ausgeschiedener) Mitbewerber Chris Christie hatte ihm dabei vorgeworfen, immer dieselben Phrasen zu wiederholen – und Rubio tat ihm den Gefallen, genau das zu tun. Die Folge: In New Hampshire schnitt er mit 11 Prozent deutlich schlechter ab als erwartet. Noch am Wahlabend versprach er, nie wieder so einen Fehler zu machen. Dieses Versprechen hat er am Samstagabend wahr gemacht. Er mag noch sehr jung sein, er mag keine Regierungserfahrung haben und außenpolitisch ein Falke sein. Aber unter den drei verbliebenen Establishment-Kandidaten ist er jetzt wieder der aussichtsreichste Bewerber.

3. Jeb Bush ist noch nicht weg.

Die Wahrscheinlichkeit, dass Jeb Bush als Sieger aus den Vorwahlen hervorgeht, ist – wenn man sich diese Zusammenstellung der wichtigsten landesweiten Umfragen anschaut – noch immer extrem gering. Nur 4,3 Prozent der republikanischen Wähler entscheiden sich derzeit für Bush. Die Zahl wirkt noch dramatischer, wenn man bedenkt, dass keiner seiner Mitbewerber so viel Geld für den Wahlkampf ausgibt wie er. Aber: In den Debatten wirkt Bush jetzt nicht mehr so "introvertiert" (Bush über Bush) wie noch im vergangenen Jahr. Trump nennt Bush mit Vorliebe "schwach", auch am Samstagabend tat er das. Doch Bush gab fleißig Contra. "Ich habe genug davon, dass er meine Familie angreift", fuhr er Trump an. "Als Donald Trump eine Reality-TV-Show aufbaute, baute mein Bruder einen Sicherheitsapparat auf, um uns zu beschützen."

Inhaltlich war das vielleicht nicht gerade ein starkes Argument gegen Trumps Irak-Attacke. Doch um Inhalte geht es in solchen Debatten ja nur am Rande. (Ob George W. seinem Bruder Jeb im Wahlkampf helfen kann, ist eine andere Frage.) Kurzum: Bush sah in der Debatte nicht schlecht aus, aber Trump hat ihm ein Label verpasst, von dem er sich nur schwer wird erholen können: Verlierer. Egal, wie weit Trump selbst kommt, allein damit hat er dem Vorwahlkampf seinen Stempel aufgedrückt.

4. Cruz steht unter Feuer.

Trumps zweites Opfer könnte Ted Cruz werden. "TrusTed" ist ein Wortspiel, mit dem Cruz für sich wirbt: Vertraut Ted. Trump nennt ihn mit einer solchen Inbrunst "Lügner", dass davon etwas hängen bleiben wird. "Du bist der größte Lügner von allen. Du bist wahrscheinlich schlimmer als Jeb Bush", sagte Trump zu Cruz. "Dieser Kerl würde alles sagen (um zu gewinnen, ein unangenehmer Kerl. Jetzt weiß ich, warum er keine einzige Wahlempfehlung von irgendeinem seiner Kollegen (im Senat) bekommen hat." Das saß.

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5. Schlimmer geht immer.

Vor ein paar Wochen sah es so aus, als könne Ben Carson mit seiner ruhigen Art Trump das Wasser abgraben; Anfang November war er für einen Moment in den Umfragen gleichauf mit dem Milliardär. Doch dann schwadronierte er darüber, dass China in Syrien mitmische und dass die Pyramiden von den alten Ägyptern als Kornspeicher angelegt worden seien. Am Samstagabend war er so gut wie abwesend. In Erinnerung blieb er nur, weil er, warum auch immer, den sowjetischen Diktator Stalin zitierte. "Josef Stalin sagte, wenn man Amerika zu Fall bringen will, muss man drei Dinge unterminieren: unser spirituelles Leben, unseren Patriotismus und unsere Moral." Er brachte dieses Zitat in seinem Abschluss-Statement, es war also vorbereitet, geplant, auswendig gelernt. Und: Es war nicht nur wirr, sondern auch offenkundig falsch. Auf Wiedersehen, Mr. Carson.

6. Daumen drücken für Kasich.

Das viel zitierte republikanische Establishment hat sich noch immer nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten geeinigt: Dass sich die drei verbliebenen "Establishment-Kandidaten" Bush, Rubio und Kasich untereinander bekämpfen, war bislang eine Garantie für Trumps Erfolg. Wenn sich das politische Establishment in Deutschland (natürlich nur zum Spaß) einen Republikaner auswählen will, um ihm die Daumen zu drücken, dann sollte es sich für Kasich entscheiden. Er scheint eine Eigenschaft zu haben, die den anderen fehlt: Er wirkt nicht nur moderat, sondern geradezu vernünftig.

7. Würden Sie diesen Männern eine wichtige Entscheidung anvertrauen?

Aber wichtig sind amerikanische Präsidentschaftswahlen selbstverständlich in erster Linie für die USA. Kurz vor der Debatte war Antonin Scalia gestorben, Richter am Obersten Gerichtshof des Landes. Er gehörte zur Riege der fünf konservativen Richter, der vier liberale Richter gegenüberstanden. Präsident Barack Obama (der ja noch bis zum 20. Januar 2017 im Amt ist) hat nun die Gelegenheit, das Mehrheitsverhältnis im Supreme Court zu drehen: Er darf Scalias Nachfolger aussuchen. Allerdings muss der Senat die Wahl bestätigen, und dort haben die Republikaner die Mehrheit. An sie gerichtet rief Trump in der Debatte, die Parole laute "verzögern, verzögern, verzögern". Mit Ausnahme von Kasich, der sich widersprüchlich ausdrückte, sagten alle republikanischen Präsidentschaftskandidaten, erst der nächste Präsident solle einen neuen Richter benennen. Nach einem republikanischen Wahlsieg wäre es einer von denen, die sich gegenseitig für komplett unfähige oder für notorische Lügner halten.

8. Präsident wird eine andere.

Wo wir gerade über Kasich sprechen: Er hat in der Debatte einen Hinweis gegeben, wer nach der Wahl im November höchstwahrscheinlich ins Weiße Haus einziehen wird, wenn die Republikaner sich nicht bald zusammenreißen. Nach einem der vielen Wortgefechte auf der Bühne sagte er: "Ich glaube, wir sorgen gerade dafür, dass wir die Wahl gegen Hillary Clinton verlieren, wenn wir damit nicht aufhören."

9. Noch mal Kasich: Der Mann hat einfach Recht.

Nach dem Wortwechsel über George W. Bush, die amerikanische Sicherheit und den Irak-Krieg zwischen Trump und Jeb Bush bat der Moderator Kasich um einen Kommentar. "Ich muss sagen, das ist wirklich verrückt", so die Antwort. "Das ist echt bekloppt. Jeez, oh man." Besser kann man es nicht sagen.

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Quelle: n-tv.de

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