Politik

Flüchtlinge zeigen Erinnerungsstücke: Nicht ohne meinen Hammer

Von Issio Ehrich

Der Fotograf Brian Sokol fotografiert Menschen, die schon seit Jahrzehnten im Asyl leben. Viele besitzen noch immer liebgewonnene Dinge, die sie zusammenrafften, bevor sie um ihr Leben rannten.

Sebastian erinnert sich noch gut an jene Nacht - obwohl sie schon 60 Jahre zurückliegt. Der stämmige Kerl mit dem herzlichen Lachen und der breiten Zahnlücke war damals sieben Jahre alt. Zusammen mit seinen Eltern verließ er das krisengeschüttelte Angola. Er floh in ein Land, dass es so heute nicht einmal mehr gibt: Belgisch-Kongo. Doch es existiert etwas, das Sebastian dabei hilft, sich die lange vergangene Zeit immer wieder vor Augen zu führen.

"Es war kalt, und mein Vater gab mir sein Jackett", sagt Sebastian. Er besitzt den einst so modischen, weitgeschnittenen Einreiher noch immer. Sebastian sagt: "Wenn ich eines Tages zurückgehe, werde ich es tragen und mich an meinen Vater erinnern."

Der amerikanische Fotograf Brian Sokol, der mit dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) auf der ganzen Welt im Einsatz war, hat eine bewegende Fotoserie geschossen. Er traf Flüchtlinge in der Demokratischen Republik Kongo, die früher Belgisch-Kongo und dann für einige Jahrzehnte Zaire hieß. Er ließ sich von ihnen Dinge zeigen, die sie auf ihre Flucht mitnahmen und die für sie noch immer besondere Bedeutung haben. So entstand eine Arbeit, die sich noch einmal von früheren Serien seines Projektes "The most important thing" (die wichtigste Sache) unterscheidet. Als Sokol etwa syrische Flüchtlinge in der Türkei, in Jordanien und dem Libanon traf, waren die mitunter erst seit ein paar Stunden im Land. Welches Mitbringsel welche Bedeutung für sie haben wird, war da oft noch nicht so klar. Doch die Zeit schärft das Bewusstsein.

Eine besondere Arbeitsplatzversicherung

Die UNHCR-Sprecherin Céline Schmitt sagt: "Erstaunlicherweise haben viele der Langzeit-Flüchtlinge bestimmte Gegenstände tatsächlich behalten - als Erinnerungsstücke an Vertraute, die sie verloren haben oder eine Art zu leben, die für immer vorüber ist." Schmitt ergänzt Sokols Bilder um Texte.

Da ist zum Beispiel die Geschichte von Francisco. Der zeigt Sokol einen abgewetzen Hammer und eine schon ziemlich geschundene Zange. Sie seien das Wichtigste, was er mitnahm, als er Angola 1992 wegen eines neuerlichen Bürgerkriegs verließ, sagt er. "Solange ich die habe, werden ich keinen Hunger leiden müssen."

Edward zeigt eine schlichte Schüssel. Bevor er und seine Familie 1993 aus ihrem Dorf vertrieben wurden, füllten sie das Behältnis mit Büffelfleisch als Proviant für die Flucht. "Ich kann meinen Kindern die Geschichte unserer Familie durch diese Schüssel erzählen", sagt Edward. "Sie ist das einzige, was uns von unserer Flucht geblieben ist." Hergeben würde Edward sie wohl nie. "Ich hoffe, dass ich sie mitnehmen kann, wenn ich nach Angola zurückkehre."

Manchmal sind die Gedanken die wichtigste Sache

Ausgerechnet in einer der bewegendsten Geschichten, die Sokol mit seinen Bildern erzählt, spielen materielle Erinnerungsstücke dagegen keine Rolle. Als der Fotograf bei seiner Recherche den 53 Jahre alten Antonio fragt, was für ihn das Wichtigste gewesen ist, was er mitgenommen hat, antwortet der: "meine Geschichte". Antonio verlor seine Eltern, als er zwölf Jahre alt war. Derart schutzlos, im einst so kriegerischen Angola wurde das Waisenkind gezwungen, als Kindersoldat zu kämpfen. Nach zwei Schlachten setzte er sich von den Truppen ab, verschwand im Dschungel und verbrachte ein einsames Jahr in der Wildnis, wo er Büffel und Antilopen jagte, um etwas zu essen zu haben. Dann schaffte er es über die Grenze in das Land, das heute Demokratische Republik Kongo heißt.

"Ich möchte nicht, dass meine Kinder ähnliches Leid erfahren", sagt Antonio heute. Doch da ist nicht nur das, was mit ihm gemacht wurde. Über seine Zeit als Kindersoldat sagt er: "Ich tat, was ich tun musste, um am Leben zu bleiben." Er fügt hinn.zu: "Ich erzähle meinen Kindern von all den falschen Sachen, die ich gemacht habe, und wegen denen ich nie in meine Heimat zurückkehren kann. Ich möchte, dass sie davon lernen."

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Quelle: n-tv.de

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