Politik
Ensaf Haidar und Constantin Schreiber im kanadischen Sherbrooke.
Ensaf Haidar und Constantin Schreiber im kanadischen Sherbrooke.(Foto: n-tv.de / Constantin Schreiber)
Mittwoch, 01. April 2015

Kampf um die Freilassung von Badawi: "Nichts wird mich aufhalten"

Weltweit setzen sich Menschen für die Freilassung des saudi-arabischen Bloggers Raif Badawi ein. Heute erscheint ein Sammelband seiner Schriften, herausgegeben von n-tv Moderator Constantin Schreiber. Er hat Badawis Ehefrau, Ensaf Haidar, in ihrer neuen Heimat Kanada besucht. Ein Gespräch über die Angst, die Liebe und die Hoffnung, dass Raif Badawi eines Tages freikommt.

n-tv.de: Wann haben Sie sich zur Flucht entschieden?

Ensaf Haidar: Raif und ich haben uns Ende 2011 dafür entschieden, Saudi-Arabien zu verlassen. Insbesondere als wir sahen, dass sich die Lage sehr zuspitzte, in Verbindung mit der Ende 2011 ausgesprochenen "Fatwa" der Ungläubigkeit. Da hatte Raif darauf bestanden, dass wir abreisen. Ich war damals bereit, in ein anderes arabisches Land zu reisen. Dass ich so weit weg musste, hätte ich nie gedacht.

Wie hat Ihre Familie reagiert?

Meine Familie ist in Saudi-Arabien, ihr gesamtes Leben spielt sich in Saudi-Arabien ab. Um ehrlich zu sein, sind die meisten nicht auf meiner Seite. Meine Familie klagt gegen mich, Raifs Vater unterstützt uns auch nicht.

Wie schwierig war das Leben in Saudi-Arabien?

Zeitweise sehr schwer. Insbesondere der finanzielle Aspekt spielte eine Rolle. Raifs Konten wurden eingefroren. Selbst wenn er gearbeitet hat, wurde ihm das Geld nicht direkt ausgezahlt, sondern auf die Bank überwiesen, die uns dann aufgrund seiner politischen Aktivitäten die Auszahlung verweigerte. Und keiner kümmert sich um den anderen. Jeder lebt sein Leben für sich.

Wie haben Sie es als Frau in Saudi-Arabien empfunden?

Das Leben für eine Frau in Saudi-Arabien ist kein wirkliches Leben. Für alles, was sie tun möchte, braucht sie einen männlichen Begleiter. Ihr ganzes Leben wird vorgegeben. Sie kann sich nichts aussuchen, sie kann nichts entscheiden.

Mit welchen Gefühlen haben Sie Ihr Land verlassen?

Mit gemischten Gefühlen. Zufrieden, weil ich davon ausging, dass Raif alle Probleme lösen wird, sich einen Pass ausstellen lässt und uns dann folgt. Ich rechnete fest damit, dass alles klappen wird und Raif wieder freikommt. Aber ich hatte keine Vorstellung davon, welche Ausmaße der Prozess annehmen würde.

Wie ging es Ihnen nach Ihrer Ausreise?

Seit fast drei Jahren sitzt der saudi-arabische Blogger Raif Badawi wegen "Beleidigung des Islam" im Gefängnis. Die zentralen Beiträge Badawis erscheinen nun in der Streitschrift "1000 Peitschenhiebe. Weil ich sage, was ich denke"
Seit fast drei Jahren sitzt der saudi-arabische Blogger Raif Badawi wegen "Beleidigung des Islam" im Gefängnis. Die zentralen Beiträge Badawis erscheinen nun in der Streitschrift "1000 Peitschenhiebe. Weil ich sage, was ich denke"

Ich bin vom Libanon über Frankfurt nach Montreal geflogen und an jedem Flughafen hat uns jemand von den Vereinten Nationen entgegengenommen und sich um alles gekümmert. Aber die Anfangszeit war schwierig, da wir auch am Anfang des Winters angekommen sind. Ich habe mich nicht richtig wohl gefühlt. Ich kannte hier niemanden, die Sprache ist eine komplett andere.

Wie geht es Ihnen heute?

Ich fühle, dass etwas in meinem Leben fehlt, dass mein Leben nicht vollständig ist. Und auch für die Kinder ist es nicht leicht, so weit weg von ihrem Vater aufzuwachsen. Ich wünsche mir, dass diese Angelegenheit geklärt wird und alles vorbei ist. Dass wir in Frieden und Freiheit leben können. Das Wichtigste ist, dass Raif zu uns kommt, er muss wiederkommen. Das wünsche ich mir.

Sagen Sie Ihren Kindern die Wahrheit?

Am Anfang habe ich ihnen nicht die Wahrheit über ihren Vater erzählt. Ich habe sie angelogen und gesagt, dass Papa beschäftigt sei, dass Papa viel arbeiten muss und wenn er fertig mit der Arbeit ist, wird er schon kommen. Wir haben Saudi-Arabien verlassen, ohne etwas dabeigehabt zu haben. Deswegen habe ich ihnen immer erzählt, dass er sich um unsere Sachen kümmern muss, um dann nachzukommen. Nach den ersten Stockschlägen war ich gezwungen, sie darüber aufzuklären, weil jeder in Sherbrooke von der Sache erfahren hatte. Es kam in den Nachrichten, den Zeitungen und selbst die Kinder sprechen untereinander darüber. Da war ich gezwungen, es ihnen zu erzählen.

Wie verkraften Ihre Kinder die Situation?

Es kommen sehr häufig Momente, in denen die Kinder fragen - sogar noch nachdem sie erfahren hatten, dass ihr Vater im Gefängnis ist wegen … (Pause) aber trotzdem fragen sie immerzu: "Wo ist Papa, kommt er bald wieder?" Sie fragen nach dem Tag, an dem er heimkommen wird, aber zu meinem Bedauern kann ich ihnen darauf keine Antwort geben.

Wie gehen die Mitschüler Ihrer Kinder damit um?

In der Schule kennen fast alle den Fall, aber alle behandeln meine Kinder wie die Kinder von allen anderen hier. Es werden keine Unterschiede gemacht. Man kann es nicht eine ganz normale Kindheit nennen. Aber ich versuche, sie ihre Kindheit möglichst normal leben zu lassen.

Ist eine Rückkehr nach Saudi-Arabien denkbar?

Eine Rückkehr nach Saudi Arabien wäre für meine Kinder sehr schwierig, da sich ihr Leben hier abspielt und es auch einfach sehr unterschiedliche Leben sind. Sie haben sich an das Leben hier gewöhnt und würden es schwer haben, wenn sie zurückkehren würden.

Wie sind Raif und Sie sich zum ersten Mal begegnet?

Wir liebten uns auch schon vor der Hochzeit. Aber unverheiratete Paare können sich in Saudi-Arabien nicht einfach alleine treffen. Und Frauen nicht mit freiem Gesicht aus dem Haus gehen. Somit war das erste Mal, dass ich Raif wirklich von Angesicht zu Angesicht gesehen habe, der Tag unserer Trauung. Es war ein sehr schöner Tag, aber es ist schwierig, ungewohnt, mit jemandem zusammenzusitzen, den man bereits seit zwei Jahren kennt, mit dem man durch gute und schlechte Zeiten gegangen ist, mit dem man sich intensiv ausgetauscht hat und der fast alles über den anderen weiß, aber bis zu diesem Tag noch nie alleine getroffen hat. Aber als ich das erste Mal mit ihm zusammensaß, da fühlte es sich an, als würde ich ihn schon ewig kennen und wir einfach zusammengehören. Das erste Mal sahen wir uns aber erst nach der religiösen Trauung.

Wie sehr bewegt Sie die Anteilnahme, auch gerade in Ihrer neuen Heimat?

Das Verhalten der Menschen hier in Sherbrooke ist sehr schön, weil sie mir das Gefühl geben, nicht alleine zu sein. Alle helfen, alle fühlen mit und alle zeigen ihre Anteilnahme. Auch die Demonstrationen und die Arbeit von Amnesty International geben mir Kraft. Es hilft, weil die Geschichte um die ganze Welt gegangen ist und die ganze Welt darüber spricht. Die ganze Welt ist auf unserer Seite, auf Raifs Seite – und sie möchte, dass er aus dem Gefängnis kommt.

Welche politische Dimension hat Raifs Fall?

Proteste gegen die Inhaftierung von Raif Badawi im Januar 2015 in London.
Proteste gegen die Inhaftierung von Raif Badawi im Januar 2015 in London.(Foto: picture alliance / dpa)

Der Fall von Raif ist kein politischer Fall. Es ist ein menschlicher Fall. Er ist kein Waffenhändler, kein Betrüger, kein Mörder. Raif hat auch nie schlecht über Religionen gesprochen, er hat nie schlecht über ein Land geredet. Raif wird vorgeworfen, dass er in seinen eigenen Worten geschrieben hat, dass er anders als die anderen geschrieben hat, in einer anderen Art und Weise. Das ist letztendlich das, was er getan hat. Der Fall von Raif ist kein politischer Fall, weswegen ich auch König Salman bitte, dass Raif begnadigt wird.

Als Frau aus Saudi-Arabien, wie stehen Sie selbst zu den liberalen Ansichten Ihres Mannes?

Es sollte das Recht eines jeden Menschen sein, zu sagen, was er will und wie er es will. Zu denken, was er will und wie er es will. Und dabei sollten wir uns nicht an vorgefertigte Strukturen halten. Wir sollten alle frei leben können, mit Meinungsfreiheit und freiem Willen.

Immer freitags könnten die Stockschläge fortgesetzt werden. Ist jeder Donnerstag für Sie ein Tag der Angst?

Ab Donnerstag beginnt die Angst in mir zu wachsen. Jede Donnerstagnacht fühle ich mich nicht anwesend, ich fühle mich, als wäre ich verloren. Der nächste Tag, der Freitag, beschäftigt uns auch, aber wir wissen ja, was passieren wird. Es muss für Raif sehr schwierig sein, im Gefängnis zu sitzen und nicht zu wissen, was kommen wird.

Welche Ängste haben Sie?

Um ehrlich zu sein, denke ich nicht über Ängste nach. Ich möchte keine Angst haben. Ich gehe einfach davon aus, dass sich alles irgendwie richten wird. Und ganz im Gegenteil, ich habe mir in den Kopf gesetzt, dass, bitte lieber Gott, sie eines Tages zu Raif sagen: Gut, Raif, das war's dann, geh' zurück zu deinen Kindern und lebe dein Leben. Ich möchte diesbezüglich keinerlei böse Gedanken in meinen Kopf lassen. Das soll natürlich nicht heißen, dass ich mir keine Sorgen mache, aber was bleibt einem übrig?

Haben Sie Pläne?

Wenn Raif nach Kanada kommt, werde ich ihn vom Flughafen abholen. Ich möchte extra Auto fahren lernen, um ihn abholen zu können. Ich werde mich bei einer Fahrschule anmelden und ich habe auch schon erfahren, dass ich dann einen Übungsführerschein erhalten werde, mit dem ich dann das Autofahren üben kann.

Sie selbst sind unermüdlich im Einsatz, was treibt Sie an?

Ja, es ist sehr viel Arbeit. Aber wenn die Mühe etwas bringt, ist sie es wert. Dafür möchte ich mich auch unbedingt bei allen bedanken, die jemals etwas zu Raif gesagt oder geschrieben haben. Genau wie die Journalisten, das Fernsehen, ohne deren Arbeit wir wohl nicht so weit gekommen wären. Dafür bin ich allen sehr dankbar. Es läuft schon. Ich komme gut zurecht. Ich habe zurzeit keinen anderen Traum oder Wunsch, als dass ich Raif möglichst bald wieder sehe. Mein einziger Wunsch ist, Raif wiederzusehen. Daher werde ich meine Arbeit hier fortsetzen und für die Freiheit von Raif weiter kämpfen. Nichts wird mich aufhalten.

Mit Ensaf Haidar sprach Constantin Schreiber

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Quelle: n-tv.de

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