Politik
Dienstag, 30. August 2011

Trittbrett oder Sackgasse?: Niedriglohn kann beides sein

Ist ein Geringverdiener ein armer Schlucker - oder ein Glückspilz angesichts von immer noch knapp drei Millionen Arbeitslosen? An dieser Frage scheiden sich die Geister. Für die Gewerkschaften ist der Niedriglohnsektor ein Sprungbrett in die Armut, für die Wirtschaft dagegen die Chance zum Aufstieg.

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Der Niedriglohnsektor in Deutschland ist nach einer von der Wirtschaft bezahlten Studie besser als sein Ruf - und für viele der Einstieg in besser bezahlte Beschäftigung. Danach steigen jährlich 24,1 Prozent der Geringverdiener in den Status des Normalverdieners auf. In umgekehrter Richtung steigen 4,8 Prozent ab, geht aus der in Berlin veröffentlichten Studie des arbeitgebernahen Instituts der deutschen Wirtschaft Köln (IW) hervor. Der Niedriglohnsektor reicht laut Studie bis  .

Es kommt auf die berufliche Biographie rings um den Niedriglohnjob an.
Es kommt auf die berufliche Biographie rings um den Niedriglohnjob an.(Foto: picture alliance / dpa)

Die Untersuchung wurde im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) erstellt, hinter der die Arbeitgeber der Metall- und Elektroindustrie stehen. Die Initiative sieht sich durch die Ergebnisse in ihrer Einschätzung bestätigt, Mindestlöhne seien schädlich. Diese verhinderten bei Erwerbslosen den Einstieg in den Arbeitsmarkt und damit deren finanziellen und sozialen Aufstieg, betonte INSM-Geschäftsführer Hubertus Pellengahr. Deshalb dürfe der Niedriglohnsektor nicht geschwächt werden.

Arbeit schützt vor Armut?

Die Studie kommt auch zu dem Ergebnis, dass eine Angst der Mittelschicht vor einem Abrutschen in den Niedriglohnbereich nicht belegbar sei. Die Ausdehnung des Niedriglohnsektors zwischen 1994 und 2009 sei nicht zulasten der Normalverdiener gegangen. Zurückgegangen sei aber der Anteil der Nichterwerbstätigen sowie der Personen in Frührente. Im Übrigen seien nur 16 Prozent der Geringverdiener armutsgefährdet; bei Arbeitslosen liege die Rate mit 60 Prozent um ein Vielfaches höher. Fazit: Arbeit schütze vor Armut.

IG-Metall Vize-Chef Detlef Wetzel kritisierte die INMS für ihre "Verharmlosungsstrategie". Wenn nur 25 Prozent der Geringverdiener den Aufstieg in den Normalverdienerstatus schafften und sich knapp fünf Prozent noch verschlechterten, dann bedeute dies gleichzeitig, dass 70 Prozent weiter bei Stundenlöhnen von 7,50 Euro und darunter verharrten. Mit "sozialer Marktwirtschaft" hat dies nach den Worten von Wetzel nichts zu tun. Arbeit dürfe nicht nur unter dem Aspekt von Armutsverhinderung diskutiert werden. Es gehe auch um Anerkennung, materielle und kulturelle Teilhabe in der Gesellschaft - und nicht um den dauerhaften Erhalt prekärer Arbeitsverhältnisse.

Arbeit als Armutsfalle?

Für DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach ist der Niedriglohnsektor "für Millionen von Beschäftigten eher eine Armutsfalle". Die Versuche der Wirtschaft, diesen Bereich zu rechtfertigen, würden immer grotesker. 1,3 Millionen Erwerbstätige verdienten so wenig, dass ihr Einkommen vom Staat aufgestockt werden müsse. Davon arbeiteten 350 000 in Vollzeit, weitere 230 000 in sozialversicherter Teilzeit. Mehr als ein Fünftel der Arbeitnehmer sei inzwischen im Niedriglohnsektor beschäftigt.

Der Chef des CDU-Arbeitnehmerflügels CDA, Karl-Josef Laumann, sieht sich durch die Studie in seiner Forderung nach einem allgemeinen branchenübergreifenden Mindestlohn bestätigt: In Deutschland verdienten eine Million Menschen weniger als 5 Euro in der Stunde. Selbst die von der CDA geforderte Lohnuntergrenze von 6,89 Euro im Osten und 7,79 Euro im Westen sei "immer noch ein Niedriglohn, kaum über Hartz IV".

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Quelle: n-tv.de

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