Politik
In der Provinz Idlib hat die Nusra-Front an vielen Orten das Sagen.
In der Provinz Idlib hat die Nusra-Front an vielen Orten das Sagen.(Foto: REUTERS)
Samstag, 07. Mai 2016

Hat der IS ausgedient?: Nusra-Front arbeitet an Emirat in Syrien

Von Nora Schareika

Über Jahre hat sich die Nusra-Front, der syrische Arm von Al-Kaida, einen Namen gemacht. Sie ist militärisch schlagkräftig und schließt erfolgreich Bündnisse. Dahinter steckt ein langfristiger Plan: Die Herrschaft über einen Teil des Landes.

Fragte man Ende 2014 syrische Flüchtlinge, welcher bewaffneten Gruppe in ihrer Heimat sie am ehesten vertrauten, bekam man oft die Nusra-Front genannt. Auffällig viele Menschen, die aus der Region Homs und Teilen des nordwestlichen Syriens stammten, unterstützten die Islamisten der syrischen Al-Kaida-Untergruppe. Dass es so weit gekommen war, hatte natürlich auch damit zu tun, dass man, wenn man sich auf den syrischen Schlachtfeldern einen Favoriten aussuchen will, nur zwischen Pest und Cholera wählen kann.

Die Nusra-Front hatte eine geschickte Strategie verfolgt. In einem Beitrag für das US-amerikanische Politikmagazin "Foreign Policy" schreibt der Journalist Charles Lister: "Ab Mitte des Jahres 2012 bis etwa Mitte 2014 hatte die Nusra-Front ihr militärisches Engagement und ihre Ablehnung von Korruption nach außen demonstriert. Gleichzeitig spielte sie ihre dschihadistische Ideologie herunter. Syrer hatten ihre Rolle auf dem Schlachtfeld deshalb akzeptiert und vielfach sogar begrüßt, obwohl sie im Privaten Bedenken bezüglich ihrer langfristigen Pläne äußerten."

Diese langfristigen Pläne sind seither immer offener zutage getreten. Lister zufolge will die Nusra-Front im Nordwesten Syriens ein eigenes Emirat errichten. Innerhalb der Führung sei nur noch umstritten, wann der günstigste Zeitpunkt dafür ist. Seit dem vergangenen Jahr sind mehrere hohe Führungspersönlichkeiten von Al-Kaida nach Syrien gereist, darunter mindestens vier mit direkten Verbindungen zu Al-Kaida-Chef Aiman al-Zawahiri. Sollten diese Männer sich immer noch in Syrien aufhalten, wäre die Konzentration von Führungspersönlichkeiten der Kaida dort höher als in Afghanistan und Pakistan. "Die Levante ist alles für die globale Strategie von Al-Kaida", zitiert Lister einen Salafisten aus der nordsyrischen Stadt Idlib. Dort und in der gleichnamigen Provinz errang die Nusra-Front bisher ihre größten militärischen Erfolge.

Nusra will sich als die wahre Dschihadbewegung zurückmelden

Der "Islamische Staat" (IS)  ist trotz gleicher Ideologie der Feind der Nusra-Front und ihrer Mutterorganisation. Die Nusra-Front ging zwar aus Al-Kaida im Irak hervor, war aber zwischenzeitlich mit der Al-Kaida-Führung zerstritten. Lange sah es so aus, als hätte der IS der Kaida den Rang abgelaufen – die Terrormiliz rief bereits Mitte 2014 ihr Kalifat aus, das zunächst kräftig wuchs. Während das IS-Gebiet im Osten Syriens und im Irak aber inzwischen unter den Bombardements der internationalen Anti-IS-Allianz in ebenso kurzer Zeit wieder geschrumpft ist, könnte sich nun die Geduld der Nusra-Front auszahlen, meinen Beobachter.

Bilderserie

Mitte 2015 herrschte die Nusra-Front über Teile der Provinzhauptstadt Idlib sowie die Städte Dschisr al-Schughur und Ariha. Idlib würde wohl das Zentrum eines radikalislamistischen Emirats in Nordwestsyrien, ähnlich wie Rakka und Mossul für den IS. Ein Selbstläufer wäre es allerdings nicht. In der Bevölkerung gibt es bei aller Kriegsmüdigkeit wenige Anhänger. Um das Emirat durchzusetzen, müsste die Nusra-Front wohl zu ähnlich brutalen Methoden greifen wie der IS. Konsequenterweise müsste Al-Nusra ihre Vorstellung eines Islamischen Staats- und Rechtssystems mit aller Härte durchsetzen, Enthauptungen nicht ausgeschlossen. Daneben müsste sie ein System der Bespitzelung und Liquidierung von Gegnern etablieren.

Verlockend aus Sicht der Dschihadisten ist: Nach fünf Jahren Präsenz in Syrien könnte Al-Nusra die Alternative zur Söldnermiliz IS werden und sich als die wahre, volksnahe Dschihadbewegung zurückmelden. Volksnähe ist im Falle der Nusra-Front natürlich relativ zu verstehen. Die Islamisten bekannten sich im Verlauf des syrischen Bürgerkriegs zu zahlreichen Selbstmordattentaten. Ihnen wird außerdem die Beteiligung an Massakern an Alawiten nachgesagt. Phasenweise schlossen sich aber auch Regimegegner aus der Freien Syrischen Armee der Nusra-Front an, weil sie schlagkräftiger war. Erklärte Feinde der Nusra-Front sind das Regime, Teile der Freien Syrischen Armee (die nicht kooperieren) und kurdische Volksverteidigungseinheiten. Zur direkten Konfrontation mit dem IS kam es bisher kaum.

Frieden und Waffenruhe gefährden Pläne der Nusra-Front

Die USA, die neben Russland inzwischen als nicht-arabische Großmächte offen in den Bürgerkrieg eingreifen, sind gegenüber der Nusra-Front in einem Dilemma. Die Dschihadisten haben es nämlich verstanden, geschickte pragmatische Bündnisse mit bewaffneten Gruppen zu schließen, die wiederum von den USA unterstützt werden. Das russische Außenministerium höhnte jüngst, die USA hätten ja keinerlei Einfluss mehr auf "ihre" Milizen, die sich derzeit nicht von der Nusra-Front lossagen wollen oder können. Russland behauptete gar, für den Luftangriff auf ein Flüchtlingslager im Norden Syriens am vergangenen Donnerstag sei die Nusra-Front verantwortlich.

Die These ist gewagt, da die Nusra-Front Berichten zufolge zwar möglicherweise über das Nervengas Sarin, aber ganz sicher nicht über Kampfjets verfügt. Der Miliz dürfte es indes nur recht sein, eines solch spektakulären Angriffs für fähig gehalten zu werden. Wichtig für ihre Pläne ist vor allem, dass die Kämpfe in Syrien weitergehen. Die Genfer Friedensgespräche zu unterlaufen ist ein erklärtes Ziel der Nusra-Front. Je weniger gekämpft wird in Syrien, umso weniger kann sich die Gruppe profilieren. Eine Entwicklung hin zu Frieden würde dagegen den gemäßigten oppositionellen Kräften nützen. In einer Serie von Treffen versuchten die Islamisten deshalb auch andere bewaffnete Gruppen davon zu überzeugen, dass der Genfer Friedensprozess ihren Interessen zuwiderlaufe. Wo die Überzeugungsarbeit nicht fruchtete, wurde Druck ausgeübt.

Von der Waffenruhe in Aleppo halten die Kämpfer dementsprechend wenig. Am Freitag torpedierten sie mit Angriffen auf von regierungstreuen Milizen gehaltene Dörfer südlich von Aleppo die vorübergehende Atempause. Für die USA bedeutet die Entwicklung, dass sie sich nicht weiter nur auf den Anti-IS-Kampf konzentrieren können. In "Foreign Policy" formuliert Autor Charles Lister direkte Handlungsanweisung an die US-Regierung, wenn diese Syrien nicht an Al-Kaida verlieren wolle. Sie müssten ihre militärische, politische und finanzielle Hilfe für die syrische Opposition gravierend erhöhen. "Das Ziel sollte sein, ein wachsendes Netzwerk von gestärkten, international unterstützten und wirklich einflussreichen Oppositionsgemeinschaften aufzubauen, deren einzelne Erfolge den anderen wieder nutzen und eine Barriere gegen den Einfluss von Al-Kaida errichten würden." Andernfalls werde das nächste islamistische Emirat auf syrischem Boden nur eine Frage der Zeit sein.

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen