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Vor gut einem Jahr gaben sie sich die Hand, jetzt besucht Obama (r.) Castro (l.) in der einstigen Höhle des Löwen - Havanna.
Vor gut einem Jahr gaben sie sich die Hand, jetzt besucht Obama (r.) Castro (l.) in der einstigen Höhle des Löwen - Havanna.(Foto: picture alliance / dpa)

Historischer Besuch in Kuba: Obama fliegt in die Höhle des Löwen

Von Volker Petersen, New York

Es ist ein Termin für die Geschichtsbücher: Am Sonntag fliegt Barack Obama nach Havanna. Es ist das erste Mal seit 88 Jahren, dass ein US-Präsident Kuba besucht. Viele warme Worte sind zu erwarten - doch es gibt noch immer knallharte Probleme.

Ein US-Präsident in Kuba, das war jahrzehntelang so wahrscheinlich wie die Wiedervereinigung Nord- und Südkoreas, Frieden im Nahen Osten oder Europa-Euphorie in Großbritannien. Und doch kommt es nun genau dazu: Barack Obama reist am Sonntag nach Havanna und trifft sich dort mit Präsident Raúl Castro. Das ist eine Sensation, ein historisches Ereignis, das noch vor zwei, drei Jahren kaum abzusehen war. Der letzte US-Präsident, der die Karibikinsel besuchte, hieß Calvin Coolidge. 1928 war das, der langjährige Diktator und Revolutionsführer Fidel Castro war da immerhin schon geboren. Allerdings war er erst zwei Jahre alt und hatte mutmaßlich noch nie von Karl Marx gehört.

Die Symbolik dieses Besuchs überstrahlt alles andere. Er ist der Höhepunkt des Tauwetters zwischen den USA und Kuba, die sich auch nach dem Ende des Kalten Krieges im Jahr 1990 weiter die kalte Schulter zeigten. Verantwortlich waren dafür vor allem die USA, die das Castro-Regime seit 1961 mit einem Embargo in die Knie zwingen wollten. Entspannung war lange nicht in Sicht. Obamas Vorgänger, George W. Bush, hatte Kuba noch auf die "Achse des Bösen" verbannt und damit auf eine Stufe mit Nordkorea und dem Irak unter Saddam Hussein gestellt.

Das war übertrieben und inkonsequent und sorgte nicht nur im restlichen Lateinamerika für frostige Reaktionen. Zwar gibt es nichts daran zu deuten, dass in Kuba (bis heute) Dissidenten in Haft sitzen und das Land eine Diktatur ohne demokratische Ambitionen ist. Allerdings war genau das den Regierungen in Washington über Jahrzehnte herzlich egal, wenn es um Regime ging, die ihnen treu ergeben waren.

Blutige US-Außenpolitik im Süden

So halfen sie 1973 zumindest indirekt Augusto Pinochet in Chile an die Macht und förderten andere blutige Diktatoren, teilweise bildeten die Nordamerikaner die Folterknechte sogar selbst aus. Ziel der US-Außenpolitik war es dabei vor allem, den sowjetischen Einfluss zurückzudrängen, ob der nun tatsächlich vorhanden war oder nicht. Den Schock, morgens aufzuwachen und festzustellen, dass Moskau Atomraketen direkt vor der Küste der USA stationiert hatte, wollten die US-Amerikaner nach 1962 auf keinen Fall noch einmal erleben. Bloß kein Sozialismus in Südamerika, bloß kein zweites Kuba, bloß nicht noch eine Kuba-Krise, das war die Devise.

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 Das alles ist lange her. Obama sagte beim Kongress der amerikanischen Staaten vor einem Jahr daher auch: "Ich glaube, unsere Nationen müssen die alten Streitereien beenden." Seine Zuhörerschaft in Panama bestand aus den versammelten Staatsoberhäuptern Lateinamerikas - inklusive des kubanischen Präsidenten, der erstmals seit einem halben Jahrhundert an so einem Treffen teilnehmen durfte. Obama kündigte an, die Beziehungen zu Kuba verbessern zu wollen und stellte sogar ein Ende des Embargos in Aussicht.

Das alles ist nicht nur dem Wunsch des derzeitigen US-Präsidenten geschuldet, Geschichte zu schreiben. In den vergangenen Jahrzehnten hat der Einfluss der USA auf alle südamerikanischen Staaten kontinuierlich abgenommen. Auch Washington ist mittlerweile auf gute Beziehungen mit den kleinen Nachbarn angewiesen. Die allerdings wurden stets durch die mittlerweile stark angestaubte Kuba-Frage belastet. Gibt es kein Problem mehr mit Kuba, sammelt Obama also gewaltige Pluspunkte in der gesamten Region. Castro revanchierte sich in Panama für die freundlichen Worte des US-Präsidenten, indem er sich das bekannt gewordene Zitat "Obama ist ein ehrlicher Mann" abrang. Anschließend gaben sie sich die Hand - das Bild ging um die Welt.

Trotz allem noch Probleme

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Und den Worten folgten Taten. Schon zuvor hatte es erste Reiseerleichterungen für US-Amerikaner gegeben, Obama strich Kuba von der Liste der Staaten, die Terrorismus unterstützen und im Herbst des vergangenen Jahres folgte dann das nächste historische Ereignis: Die diplomatischen Beziehungen wurden wieder aufgenommen, dafür reiste Außenminister John Kerry eigens nach Havanna. Die Annäherung löste einen Boom von Staatsbesuchen auf der Insel aus. Der französische Präsident Francois Hollande kam in die Karibik, der deutsche Außenminister Steinmeier schaute vorbei und schließlich flog sogar Papst Franziskus ein, der zuvor zwischen Washington und Havanna vermittelt hatte. Dass Obama nun auch noch kommt, ist also nur logisch.

In der Bugwelle des Besuchs kündigte er Anfang der Woche noch einmal Reiseerleichterungen an, Kuba begnadigte vier Dissidenten. Es dürfte viel Händeschütteln geben und viele freundliche Gesichter. Das Castro-Regime will Obamas Rede sogar live im Fernsehen senden. Für Erheiterung sorgte bereits der Brief einer kubanischen Oma, die Obama bat, sie auf eine Tasse Kaffee zu besuchen, wenn er schon einmal da sei. Und der Präsident der Vereinigten Staaten schrieb ganz jovial zurück, dass er gerne komme, wenn er die Zeit fände.

Also alles eitel Sonnenschein? Mitnichten. Washington wünscht sich weiter lieber eine demokratische Regierung in Havanna und marktwirtschaftliche Reformen. Kuba fordert zudem den Stützpunkt Guantánamo zurück - doch Obama ist es in seiner fast achtjährigen Amtszeit nicht einmal gelungen, das dortige Gefangenlager zu schließen. Sein größter Gegner in der Kuba-Frage sitzt aber nicht in Havanna, sondern in Washington. Die Republikaner verfolgen traditionell eine harte Linie gegen Kuba. Ob es Obama daher daheim gelingt, ein Ende des Embargos durchzusetzen, ist fraglich.

Doch auch die harte Front der Republikaner bröckelt. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang war, dass es dem (aus Kuba stammenden) republikanischen Präsidentschaftsbewerber Marco Rubio nicht gelang, mit harschen Tönen gegen das Castro-Regime bei seinen Wählern in Florida zu punkten. Und es gibt mittlerweile auch andere Töne. "50 Jahre sind genug", sagt etwa ein Donald Trump über die jahrzehntelange diplomatische Eiszeit und kündigte an, als Präsident lediglich "einen besseren Deal aushandeln zu wollen". Geschadet hat es ihm bislang nicht.

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Quelle: n-tv.de

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