Montag, 07. Dezember 2009
"Versuchter Massenmord": Pillen sollen sicherer werden
Antibiotika, Krebs- und Malariamedikamente, cholesterinsenkende Arzneien sowie Schmerzmittel und Viagra - häufig gefälscht. Millionenfach, wie EU-Industriekommissar Verheugen warnt und beschlagnahmte Plagiate beweisen. Dagegen wirken soll in Zukunft eine Überwachung der Hersteller - und eine bessere Information der Patienten.In den zähen Verhandlungen um neue EU-Gesetze für den Pharmasektor erhöht Verheugen den Druck. Bereits im Juli hatte die Europäische Kommission vor einer hohen Zahl gefälschter Medikamente gewarnt. Mit der neuerlichen Mahnung im Interview mit "Die Welt" will Günter Verheugen offensichtlich Bewegung in die festgefahrenen Verhandlungen um das "Pharmapaket" genannte Bündel aus mehreren EU-Richtlinien und Verordnungen bringen. Medikamentenfälschungen seien "versuchter Massenmord", so Verheugen.
Streitpunkt ist die Frage, ob und wie die Pharmaindustrie die Patienten beziehungsweise Kunden direkt informieren darf und das womöglich das Werbeverbot ins Wanken bringen könnte. Der europäische Verbraucher-Dachverband BEUC hat das Vorhaben als "versteckte Werbung" gebrandmarkt; im EU-Ministerrat liegt es gänzlich auf Eis.
Barcodes auf Verpackungen
Das Pharma-Paket ist Verheugens letztes großes Projekt - bald ist seine Amtszeit zu Ende.
(Foto: AP)
Patienten sollen besser informiert werden, woher die Medikamente kommen. So sollen Kranke für das Problem sensibilisiert und der Markt für gefälschte Arzneimittel trockengelegt werden. "Die Europäische Union hat bei gezielten Zollkontrollen in allen Mitgliedsländern innerhalb von nur zwei Monaten allein 34 Millionen gefälschte Tabletten sichergestellt. Das hat alle Befürchtungen übertroffen", sagte Verheugen der "Welt". Ziel sei, dass der Weg einer Arznei von der Herstellung bis zum Verkauf "minutiös" zurückverfolgt werden könne mittels Sicherheitszeichen wie etwa Barcodes auf den Verpackungen.
Auch im Europaparlament ist das Thema umstritten. Die Konservativen haben eine Lockerung des Werbeverbots für verschreibungspflichtige Medikamente als "nicht sinnvoll" bezeichnet, da sie zur vermehrten Verschreibung von teuren und nebenwirkungsreichen Medikamenten führen könnten. Dieses sei nur denkbar für sachgerechte und unabhängige Informationen, die der Patient von sich aus nachfragt, etwa die Veröffentlichung von Beipackzetteln im Internet in verständlicher Übersetzung.
"Mündigkeit" für Patienten gefordert
Die SPD-Europaabgeordnete Dagmar Roth-Behrendt forderte, die Verhandlungen zum "Pharmapaket" fortzusetzen. "Patientenvertreter verlangen seit langem nach einer Möglichkeit für Patienten, verlässliche krankheitsorientierte Informationen über Arzneimittel und deren Anwendung zu bekommen", sagte sie.
"Es darf nicht sein, dass jeder Patient Englisch sprechen muss, um sich auf amerikanischen Internetseiten die gewünschten Informationen zusammenzustellen. Wichtige Angaben zu Arzneimitteln müssen leicht zugänglich und nicht nur beim Arzt erhältlich sein." Die Mitgliedstaaten dürften den Bürgern nicht die Mündigkeit absprechen.
dpa/rpe
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