Politik
An der Absturzstelle bei Smolensk.
An der Absturzstelle bei Smolensk.(Foto: REUTERS)

Absturz bei Smolensk: Pilot wagte vier Landeversuche

Nach dem Absturz der polnischen Präsidentenmaschine gehen die russischen Behörden von einem Pilotenfehler aus. Offenbar rieten die Fluglotsen dem Piloten von einer Landung in Smolensk ab. Der Absturz erinnert an einen Vorfall vom August 2008.

Die russische Staatsanwaltschaft schließt eine technische Ursache für den Absturz des Flugzeugs mit dem polnischen Präsidenten Lech Kaczynski an Bord aus. Die Maschine vom Typ Tupolew TU-154 sei in einwandfreiem Zustand gewesen, sagte Chefermittler Alexander Bastrykin am Sonntag nach Angaben der Agentur Interfax.

Nach Auswertung des Stimmenrekorders im Flugzeug gebe es in den aufgezeichneten Gesprächen zwischen dem Piloten und dem Tower keine Hinweise auf technische Probleme. Vielmehr sei der Pilot von Kaczynskis Maschine mehrfach auf die schlechte Wetterlage und den Nebel hingewiesen worden und habe trotzdem mehrere Landeversuche unternommen, sagte Bastrykin.

Bereits am Samstag hatten russische Behörden den Piloten für den Absturz verantwortlich gemacht. Transportminister Igor Lewitin warf dem polnischen Piloten vor, "eigenmächtig" gehandelt zu haben. Die Sichtweite zum Unglückszeitpunkt habe nur 400 Meter betragen. Vorgeschrieben seien Landungen ab 1000 Metern Sicht, sagte Lewitin.

Auch die polnische Zeitung "Gazeta Wyborcza" berichtete am Samstag, ein Fluglotse habe dem Piloten kurz vor dem Anflug auf Smolensk geraten, wegen dichten Nebels nach Minsk in Weißrussland auszuweichen. Dem Blatt zufolge hatte eine russische Maschine vom Typ Il-76 bereits eine halbe Stunde zuvor versucht, in Smolensk zu landen. Nach zwei erfolglosen Anläufen sei der erfahrene russische Pilot, der zudem über gute Ortskenntnisse verfüge, umgekehrt und nach Moskau zurückgeflogen. Der polnische Pilot soll dagegen trotz der Warnung viermal den Landeanflug versucht haben. Die russischen Fluglotsen hätten aber kein Recht, dem polnischen Präsidentenflugzeug die Landung zu verbieten.

Erinnerung an Zwischenfall von 2008

Der Absturz erinnert an einen Vorfall vom August 2008. Damals, während des Georgien-Kriegs, war Kaczynski mit dem Flugzeug unterwegs in die georgische Hauptstadt Tiflis. Wegen akuter Gefahrenlage setzte sich der Pilot über die Order des Präsidenten hinweg, direkt nach Georgien zu fliegen. Stattdessen landete er in Aserbaidschan, Kaczynski musste mit einem Auto nach Tiflis chauffiert werden. Kaczynski warf dem Piloten damals Befehlsverweigerung vor.

Ein Luftfahrtexperte von der Technischen Hochschule in Breslau, Tomasz Szulc, sagte am Samstag, dem Piloten der Unglücksmaschine habe wahrscheinlich die "nötige Durchsetzungsfähigkeit" gefehlt.

Kaczynski war mit einer ranghohen Delegation auf dem Weg zu einer Gedenkfeier für die Ermordung polnischer Soldaten durch den sowjetischen Geheimdienst vor 70 Jahren im russischen Katyn. Unter den Toten ist auch Kaczynskis Frau. Auch Vize-Parlamentschef Jerzy Szmajdzinski, Vize-Außenminister Andrzej Kremer, der Chef des Generalstabs, Franciszek Gagor, und mehrere Parlamentarier sind tot. Gestorben sei die "Elite der Nation", sagte Ex-Präsident Lech Walesa.

Quelle: n-tv.de

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