Politik

Anpassung an den Klimawandel: Planen für die Welt von morgen

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Selbst wenn der Klimaschutz erfolgreich sein sollte, wird die Erwärmung der Welt noch eine Weile anhalten. Ohne Anpassung an den Klimawandel wird es nicht gehen. Die Herausforderungen sind vielfältig. "Es gibt keinen Grund, panisch und hektisch zu werden", sagt Achim Daschkeit vom Kompetenzzentrum Klimafolgen und Anpassung. Auf die lange Bank sollten wir die nötigen Anpassungsmaßnahmen allerdings nicht schieben.

Dr. Achim Daschkeit ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kompetenzzentrum Klimafolgen und Anpassung (KomPass) und Lehrbeauftragter am Geographischen Institut der Uni Kiel. KomPass ist Teil des Umweltbundesamts, einer Behörde des Bundesumweltministeriums. Aufgabe von KomPass ist Beratung und Information von Politik und Öffentlichkeit. Darüber hinaus vernetzt KomPass Aktivitäten und Akteure von Anpassungsmaßnahmen.
Dr. Achim Daschkeit ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Kompetenzzentrum Klimafolgen und Anpassung (KomPass) und Lehrbeauftragter am Geographischen Institut der Uni Kiel. KomPass ist Teil des Umweltbundesamts, einer Behörde des Bundesumweltministeriums. Aufgabe von KomPass ist Beratung und Information von Politik und Öffentlichkeit. Darüber hinaus vernetzt KomPass Aktivitäten und Akteure von Anpassungsmaßnahmen.

n-tv.de: Was halten Sie von der Position, der Klimawandel sei ohnehin nicht zu stoppen, es kommt allein auf Strategien zur Anpassung an?

Achim Daschkeit: Die Klimapolitik besteht aus zwei Säulen. Die eine ist nach wie vor die Vermeidung von klimaschädlichen Emissionen, die andere ist die Anpassung. Diese beiden Säulen dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden; das eine geht nicht ohne das andere.

Dennoch ist in der Öffentlichkeit meist vom Klimaschutz die Rede, über Anpassung wird kaum gesprochen. Fühlen Sie sich ausreichend wahrgenommen?

Über den Klimaschutz wird schon sehr lange und sehr intensiv geredet, auch in der Öffentlichkeit schon seit mehr als zehn Jahren. Im Vergleich dazu ist die Diskussion über Anpassung noch relativ neu. Wir brauchen einen langen Atem, um diese Diskussion genauso zu verankern wie die Vermeidungsdiskussion.

Wo liegen die Probleme bei der Anpassung, wo ist Anpassung besonders erfolgreich?

Die große Herausforderung besteht in der Information, der Kommunikation und der Sensibilisierung aller gesellschaftlicher Gruppen. Wir sind noch nicht in alle Bereiche gleichermaßen vorgedrungen. In manchen Bereichen, etwa in der Wasserwirtschaft, wird Anpassung schon lange diskutiert, in anderen fängt das gerade erst an. Die Verbände der Wohnungswirtschaft etwa sind gerade dabei, das Thema zu entdecken.

Da haben Sie vermutlich ein ähnliches Problem wie die Klimaschützer. Klimaschutz kostet Geld und wird daher gern auf die lange Bank geschoben.

Zunehmend setzt sich die Erkenntnis durch: Klimaschutz erbringt vor allem auch langfristig wirtschaftliche Chancen und Vorteile. Es gibt allerdings fast keine Untersuchungen über die Kosten und Nutzen von Anpassungsmaßnahmen. Das Umweltbundesamt / KomPass startet in diesem Jahr ein Forschungsvorhaben zu dieser Thematik. Solange noch keine Ergebnisse vorliegen, können wir nur allgemein über die ökonomischen Vor- und Nachteile von Anpassung reden. Grundsätzlich gilt allerdings: Dass in manchen Bereichen noch Unsicherheiten zum Klimawandel bestehen, darf nicht dazu führen, Aktivitäten zu verschieben - wir wissen genug, um zu handeln. Es gibt keinen Grund, panisch und hektisch zu werden, aber wir setzen viel daran, die besten Anpassungsmöglichkeiten und -maßnahmen zu identifizieren und umzusetzen.

Sie haben die Wasserwirtschaft angesprochen. Dazu gehört auch der Hochwasserschutz. Jahr für Jahr haben wir Überschwemmungen, da ist offensichtlich nicht allzu viel passiert.

Wittenberg im August 2002: Die Elbe fließt durch den Stadtteil Pratau.
Wittenberg im August 2002: Die Elbe fließt durch den Stadtteil Pratau.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Nach den Hochwässern an der Oder 1997 und ganz besonders an der Elbe 2002 wurden viele Aspekte diskutiert. Wir haben dabei festgestellt, dass manche Gebiete an Flüssen besiedelt oder gewerblich genutzt wurden, die in potenziell überflutungsgefährdeten Gebieten lagen. Aus diesen Überlegungen wurde 2005 das Hochwasserschutzgesetz verabschiedet. In der Praxis gab es sowohl Fortschritte als auch Rückschritte. Es gibt Regionen, in denen Häuser zerstört und dann an derselben Stelle wieder aufgebaut wurden, obwohl sich an der Gefährdungslage nichts geändert hatte. Wir kommen nicht umhin, Flusseinzugsgebiete oder Teile davon einzeln zu betrachten - vor allem auch deshalb, weil davon auszugehen ist, dass mittelfristig, also in den nächsten Jahrzehnten und auf jeden Fall bis zum Ende des Jahrhunderts, die Niederschlagsmengen regional unterschiedlich in bestimmten Jahreszeiten zunehmen werden. In Baden-Württemberg beispielsweise ist man daher dazu übergegangen, bei der Bemessung von Deichen einen "Klimazuschlag" in Höhe von 15 Prozent zu veranschlagen. Damit sollen die stärkeren Niederschläge der Zukunft und daraus resultierende mögliche Hochwassersituationen schon heute berücksichtigt werden.

Was ist mit Überflutungsflächen?

An vielen Flüssen und in den Küstenregionen wird das diskutiert. Aber Rückdeichung ist ein schwieriger Punkt, schließlich können die Leute, die heute in geschützten Bereichen leben, nicht einfach umziehen. Bislang gibt es nur ganz wenige Stellen, wo man tatsächlich rückgedeicht oder einen Deich aufgelassen hat.

Anpassung der besonderen Art: Anfang Juni wird auf der Zugspitze der Gletscher abgedeckt.
Anpassung der besonderen Art: Anfang Juni wird auf der Zugspitze der Gletscher abgedeckt.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Was würde ein Anstieg des Meeresspiegels um einen Meter bis 2100 für die deutsche Küste bedeuten?

Dieser Wert von einem Meter ist in den letzten Jahren intensiv diskutiert worden. Der Weltklimarat IPCC hat gesagt, wir müssen bis zum Ende des Jahrhunderts mit 30 bis 40 Zentimetern rechnen, wobei noch nicht alle Effekte ausreichend verstanden werden, die zum Anstieg des Meeresspiegels beitragen.

... das war vor zwei Jahren ...

... und es gibt jüngere Untersuchungen, die von einem maximalen Anstieg von mehr als anderthalb Metern ausgehen. Im Mittel rechnen viele Forscher mittlerweile mit etwa einem Meter Anstieg bis Ende des Jahrhunderts. Bei einem solchen Meeresspiegelanstieg würde an den deutschen Küsten in den nächsten 30 bis 40 Jahren nicht allzu viel passieren, da haben wir noch einen gewissen Spielraum. Langfristig wird es voraussichtlich nicht bei einem Meter bleiben. In den norddeutschen Ländern wird bereits darüber nachgedacht, was passiert, wenn es anderthalb oder zwei Meter werden. Die einen sagen, wir werden dann einfach unsere Küstenschutzmaßnahmen stärken, also mehr Deiche bauen, höhere Deiche, breitere Deiche. Andere sagen, langfristig können wir das technisch und ökonomisch nicht durchhalten, wir sollten uns darauf konzentrieren, Küstenräume anders zu nutzen, um sie an manchen Stellen periodisch überfluten zu können. Schließlich gibt es noch eine große Unbekannte: Man nimmt an, dass es an den Küsten gegen Ende des Jahrhunderts schwerere und häufigere Sturmereignisse geben wird. Wenn die dann auf einem erhöhten Meeresspiegel aufsetzen, dann könnten auch die berechneten Höhen von Küstenschutzmaßnahmen nicht mehr ausreichen. Allerdings sind unsere Informationen über Sturmentwicklung noch relativ unsicher.

Die meisten Prognosen der Klimaforscher sind bislang von der Realität eher übertroffen worden.

Das ist richtig, das hat sich gerade in den letzten zwei Jahren gezeigt. Wir liegen mit unseren faktischen Emissionen am oberen Rand dessen, was in den IPCC-Szenarien angenommen wurde. Wir müssen uns darauf einstellen, dass wir auch mit den Folgen eher am oberen Rand liegen werden.

Welche Regionen sind in Deutschland vom Klimawandel besonders betroffen? In welchen Regionen wird Anpassung besonders schwierig sein?

Brandenburg im Juni dieses Jahres: Bauer Hans-Peter Frucht zeigt, wie ausgetrocknet der Boden ist.
Brandenburg im Juni dieses Jahres: Bauer Hans-Peter Frucht zeigt, wie ausgetrocknet der Boden ist.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wir gehen davon aus, dass wir es in den östlichen Bundesländern, insbesondere im Nordosten, mit einer zunehmenden Trockenheit im Sommer zu tun bekommen werden, verbunden mit einem veränderten Wasserhaushalt – das wiederum hat Folgen für viele Lebensräume. Wir gehen zweitens davon aus, dass der Wasserhaushalt der Alpenregion stark betroffen sein wird.

Wegen des Abschmelzens der Gletscher?

Nicht nur, auch durch die veränderte Schneebedeckung und die Verschiebung der Vegetationszonen. Es wird in den Alpen eine Veränderung im Niederschlagsregime geben, also im Verlauf und der Menge des Niederschlags über das Jahr. Niederschlagsmengen werden in anderer Form oder gar nicht mehr in den Alpen gespeichert, und das heißt, dass beispielsweise der Rhein eine andere Wasserführung haben könnte. Die dritte Region ist die schon angesprochene Küstenregion mit Meeresspiegelanstieg und Stürmen. Und die vierte Region, die wir im Fokus haben, ist der Südwesten Deutschlands. Da rechnen wir gegen Ende des Jahrhunderts für das Winterhalbjahr mit deutlich erhöhten Niederschlägen, aus denen dann Hochwassergefahren resultieren können, und für den Sommer mit hohen Temperaturen, die vor allem in Städten Auswirkungen auf die Gesundheit der Einwohner haben werden. Das gilt übrigens auch für größere Ballungsräume jenseits des Südwestens.

Der Klimawandel wird ärmere Regionen der Welt weitaus stärker treffen als uns. Gibt es Kooperationen mit anderen Ländern und Hilfen für ärmere Staaten bei der Anpassung?

Da muss man auf die internationale Ebene schielen. Im Dezember findet ja die große Konferenz in Kopenhagen statt (bei der das Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokoll ausgehandelt werden soll, d.Red.), und bei Klimaverhandlungen spielen mittlerweile Vermeidung und Anpassung eine annähernd gleichgewichtige Rolle. Internationale Hilfen werden dann auch über diese internationale Diskussion geregelt. Beispielsweise wurde hierzu ein "Adaptation Fund" gebildet. Natürlich ist jeder der reicheren Staaten aufgefordert, seinen Beitrag zu leisten. In Deutschland wird diese Aufgabe nicht in erster Linie über das Bundesumweltministerium wahrgenommen, sondern über das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit. Auch die Entwicklungshilfe wird auf die Anpassung ausgerichtet.

Nach einer Sturmflut: Der Hafen in Dornumersiel im November 2007.
Nach einer Sturmflut: Der Hafen in Dornumersiel im November 2007.(Foto: picture-alliance/ dpa)

In Oxford findet im September eine wissenschaftliche Tagung mit dem Titel "4 Degrees and Beyond" statt. Spätestens seit dem jüngsten G-8-Gipfel gibt es den nahezu globalen Konsens, dass die Welt eine Erwärmung um 2 Grad im Vergleich zur vorindustriellen Zeit nicht überschreiten darf, wenn der Klimawandel beherrschbar bleiben soll. Wie relevant ist diese 2-Grad-Marke für Ihre Berechnungen?

Die 2-Grad-Marke ist ein politisches Ziel und wir müssen jetzt alle Anstrengungen daran ausrichten und darf nicht leichten Herzens sagen, naja, die Wahrscheinlichkeit, dass wir 2 Grad halten können, sinkt, lasst uns daher gleich über eine 3-Grad- oder 4-Grad- oder 5-Grad-Welt reden. Es gehört sicherlich zum Spektrum dessen, was man generell betrachten muss. Aber das politische Ziel bleibt 2 Grad bis zum Ende des Jahrhunderts.

Mit Achim Daschkeit sprach Hubertus Volmer

Quelle: n-tv.de

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