Politik
Szene aus dem Kinofilm "Der Kuaför aus der Keupstraße".
Szene aus dem Kinofilm "Der Kuaför aus der Keupstraße".(Foto: dpa)

Film zum Keupstraßen-Attentat: "Politik scheitert im Umgang mit NSU-Opfern"

Eine Dokumentation zeigt, wie die Opfer eines NSU-Anschlags bis heute im Stich gelassen werden. Im Interview mit n-tv.de spricht Regisseur Andreas Maus über die Fehler der Polizei, der Politik und des Bundespräsidenten.

n-tv.de: Sie haben einen Film über die Opfer des NSU-Nagelbombenanschlags in Köln gedreht. Dabei geht es Ihnen gar nicht so sehr um die Schäden, die der Anschlag selbst hinterlassen hat. Worum geht es dann?

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Andreas Maus: Wir haben erst einmal einfach die Akten betrachtet und die Protokolle gelesen. Daraus ergab sich, was man oft schon als Schlagwort verwendet: Die Opfer wurden zu Tätern gemacht. Das sagt sich so leicht. Aber in den Akten konnte man das spüren. Daran, wie gefragt worden ist, in welche Richtungen ermittelt und eben auch nicht ermittelt worden ist. Dabei konnte ich körperlich spüren, wie schlimm und traumatisch das für die Opfer gewesen sein muss. Wie demütigend diese Beschuldigungen waren. Die wurden nicht mal eben beschuldigt, sondern systematisch in eine Ecke gedrängt, um irgendetwas aus ihnen herauszupressen.

Warum war das so? War die Polizei auf dem rechten Auge blind?

Das war sie sicher. Ermittlungsansätze in diese Richtung waren sehr sporadisch. Zum Teil hatten die verantwortlichen Ermittler bei der Kölner Polizei auch gar keine Erfahrung mit rassistisch motivierten Straftaten. Darum hatten sie das offenbar einfach nicht im Blick. Vielleicht standen sie auch unter Druck, schnelle Ermittlungserfolge zu liefern.

In Ihrem Film sieht man, wie sich Polizisten Gerüchte ausdenken, um die Verdächtigen damit zu konfrontieren. Man kann nicht behaupten, dass sie früh lockergelassen hätten. Die Polizei hat mit viel Energie versucht, dieses Verbrechen aufzuklären.

Am Anfang war es sicher richtig, zu prüfen, ob die Tat mit der Mafia zusammenhängt, ob Schutzgeld erpresst werden sollte. Die Polizei muss ja in alle Richtungen ermitteln. Aber dann hat sie nach relativ kurzer Zeit schon und dann über Jahre hinweg die immer gleichen Ansätze verfolgt: Mafia, Drogen, Schutzgeld. Und das immer bei den gleichen Leuten – obwohl es überhaupt keine Ergebnisse gab. Das ist das eigentliche Versagen und wirft die Frage auf, inwieweit bei der Polizei ein institutioneller Rassismus herrscht.

Dennoch vermeiden Sie es, mit dem Finger auf eine konkrete Person zu zeigen.

Andreas Maus' Dokumentation kommt an diesem Donnerstag ins Kino.
Andreas Maus' Dokumentation kommt an diesem Donnerstag ins Kino.(Foto: dpa)

Das geht auch nicht. Ich glaube, es geht um ein strukturelles Problem. Man war so von seiner eigenen These überzeugt, dass man sich die Hände gebunden hat, offener an den Fall heranzugehen. Da mag Inkompetenz eine Rolle spielen, mangelnder Informationsfluss – viele Dinge, die zusammenkommen.

Ihr Film beschäftigt sich mit Vergangenheitsbewältigung, aber es geht auch um den aktuellen Umgang mit den Opfern des NSU. Das "Birlikte"-Festival von 2014 zum Gedenken an die Opfer des Nagelbombenanschlags wird eigentlich als ein tauglicher Versuch gesehen, einen Versöhnungsprozess anzustoßen. In Ihrem Film wirkt das anders.

Die Opfer sind sehr unterschiedlich mit diesem Festival umgegangen. Die einen sagen: Es ist gut, dass die deutsche Gesellschaft mal zu uns kommt. Andere hat es gestört zu sehen, wie Politiker ihre oberflächlichen Solidaritätsbekundungen abarbeiten. Ich wollte nicht sagen, dass Birlikte gut oder schlecht ist. Ich wollte abbilden, dass es unter den Betroffenen sehr unterschiedliche Haltungen dazu gibt.

Einer der Betroffenen, Abdullah Özkan, verklagt sogar die Bundesregierung, weil er findet, dass ihm eine höhere Entschädigung zusteht. Können Sie das verstehen?

Es gab immer wieder Ansätze, die Betroffenen zu betreuen. Aber sie waren dilettantisch gemacht. Man hat sich nicht wirklich gefragt: Was brauchen die Leute? Es geht nicht nur einfach um Psychologen. Man bräuchte spezielle Kräfte, die im Umgang mit solchen Traumata geschult sind. Es gab auch keine Psychologen, die in der türkischen Kultur verhaftet sind. Die Opfer wurden immer wieder aufgefordert: Sagt, was Ihr braucht! Doch dann kam nichts. Abdullah hat sich viel darum gekümmert, auch für andere. Er ist sehr intelligent und weist darauf hin, dass sich andere nicht so gut selbst helfen können. Und die Entschädigungssumme, die er bekommen hat, war kein großes Geld, wenn man bedenkt, dass er lange nicht arbeiten konnte.

Eine schlimme Feststellung, dass die Politik noch immer Fehler in der Aufarbeitung und im Umgang mit den Opfern macht.

Ja. Die Politik ergeht sich zu sehr in symbolhaften Handlungen und bietet vieles an. Doch sie scheitert an der professionellen Umsetzung von dem, was nötig ist. Ich finde, dass Abdullah Özkan völlig recht hat: Man muss die Leute nicht ständig zu Fotoshootings einladen, sondern es braucht eine Gruppe von Leuten, die vor Ort helfen.

Mit Andreas Maus sprach Christoph Herwartz

Wo der Film "Der Kuaför aus der Keupstraße" gezeigt wird, steht hier.

Quelle: n-tv.de

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