Politik
Raab in der in der Kulisse von "Absolute Mehrheit - Meinung muss sich wieder lohnen".
Raab in der in der Kulisse von "Absolute Mehrheit - Meinung muss sich wieder lohnen".(Foto: dapd)

Ein bisschen frech, ein bisschen albern: Raab erfindet den Polit-Talk nicht neu

Von Solveig Bach

Stefan Raab geht unter die politischen Talkmaster. 90 Minuten lang gibt er Politikern Zeit, sich zur Energiewende, der Steuergerechtigkeit und sozialen Netzwerken zu streiten und den Zuschauern die Möglichkeit, darüber abzustimmen. Doch das "soziologische Experiment" ist nicht halb so spannend wie gedacht.

Stefan Raab, bisher eher der Mann für die musikalische Unterhaltung und immer für ein bisschen Größenwahn gut, versucht sich nun an nichts Geringerem als dem Politgespräch am Sonntagabend. Raab entwickelte dafür seine Talkshow "Absolute Mehrheit", bei der Zuschauer für die verschiedenen Gäste stimmen können. Nach jeder der drei Runden wird abgerechnet, wer die wenigsten Stimmen hat, darf zwar weiter mitreden, fällt aber aus der Wertung.

Schafft der Sieger am Ende die absolute Mehrheit, darf er noch 100.000 Euro mitnehmen. In der ersten Sendung sollte eigentlich Umweltminister Peter Altmaier sitzen, der sowohl zum Thema soziale Netzwerke, als auch zur Energiewende sicher einiges zu sagen gehabt hätte. Allerdings sagte Altmaier ab, weil Raab ihm nicht Hannelore Kraft oder Andrea Nahles als SPD-Kontrahentin bieten konnte.

Stattdessen sitzen nun Wolfgang Kubicki (FDP), Thomas Oppermann (SPD), Michael Fuchs (CDU), Jan van Aken (Linke) und die Unternehmerin Verena Delius auf der braunen Couch. Raab eröffnet die Runde gut gelaunt, erklärt noch einmal die Regeln und versucht sich zunächst an einem Aufwärmprogramm, das noch nicht viel mit politischer Debatte zu tun hatte.

Drei Runden, drei Themen

In der ersten Gesprächsrunde geht es um das Thema Steuergerechtigkeit, die Meinungen sind wenig überraschend. Es geht auch nicht besonders leidenschaftlich zu. Van Aken will hohe Einkommen stärker besteuern, Kubicki nicht. Der Ton ist freundlich flapsig, man lässt einander ausreden. Delius bereichert die Diskussion immerhin durch die Idee, dass sie gern mehr abgäbe, wenn das Geld sinnvoll eingesetzt würde. Schon ist die erste Runde vorbei, bei der nachfolgenden Abstimmung fällt nicht ganz unerwartet Fuchs heraus.

Nun geht es um den Atomausstieg, Delius liefert den durchaus bedenkenswerten Gedanken, dass Energiesparsamkeit in der allgemeinen Wahrnehmung noch längst nicht so wertgeschätzt wird, wie beispielsweise die Fähigkeit zur Mülltrennung. Van Aken wirbt für seine Idee, die Menschen bei der Anschaffung energieeffizienter Geräte zu unterstützen, denen die hohen Strompreise am meisten zu schaffen machen. Sonst sind die üblichen Plattitüden über die Energiewende zu hören. Nach der nächsten Abstimmung ist Delius draußen, auf Platz eins behauptet sich Kubicki, auf zwei van Aken und auch Oppermann rettet sich in die letzte Runde.

In der ist das Internet Thema - brauchen wir mehr Regulierung für die sozialen Netzwerke? Kubicki setzt auf seine analogen Qualitäten und begründet das mit seinem frechen Mundwerk, das ihn im Twitter-Zeitalter wahrscheinlich in kürzester Zeit in Teufels Küche bringen würde. Van Aken wehrt sich gegen zu viel Überwachung, kann sich aber mit Delius auf den gemeinsamen Nenner einigen, dass Kinder und junge Leute den Umgang mit Facebook und Co. lernen müssen.

Eine letzte Abrechnung macht Kubicki endgültig zum Sieger, gefolgt von van Aken und Oppermann. Für die absolute Mehrheit reichen die 42,6 Prozent allerdings nicht, deshalb wandern die 100.000 Euro in den Jackpot und können nun beim nächsten Mal gewonnen werden. Raab reißt noch einen Witz auf Kosten des SPD-Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück, dann hat er sich in die Reihe der Polit-Talker eingereiht.

Das Abendland ist nicht untergegangen

"Bevor ich sonntagabends zu Hause sitze und Günther Jauch ansehe, mache ich das doch lieber selber", hatte Raab vor seiner Sendung dem "Tagesspiegel" gesagt. Dass es ganz so einfach nicht ist, mag ihm trotz des Lobs von Sat1-Nachrichtenchef Peter Limbourg klargeworden sein. Denn während der am Ende der Sendung verkündete, "Raab kann auch Politik", stellte sich beim Zuschauer doch eher Ernüchterung ein.

Für politische Meinungsbildung müsste man sich am Ende erinnern können, wer eigentlich welcher Meinung war. Doch in Raabs Talk scheint das Voting der Zuschauer wichtiger zu sein als der Austausch von Argumenten oder gar ein veritabler Streit. Allerdings ist Raabs Art zu fragen oder zuzuspitzen, durchaus erfrischend.

Die Befürchtungen einiger Politiker erweisen sich als übertrieben. Weder endet das Gespräch in allgemeiner Veralberung, noch werden Politiker wie Tanzbären durch die Zirkusmanege gezogen. Diese Befürchtungen hatten Verkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) und FDP-Generalsekretär Patrick Döring geäußert. Mit einem hat Raab eben doch recht: "Ich glaube, die Leute sind nicht so doof wie viele meinen, und können sehr gut entscheiden, ob sie verscheißert werden oder nicht."

Quelle: n-tv.de

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