Politik

Falsche Märtyrer-GeschichteRechte marschieren auf

17.04.2008, 08:25 Uhr

Ein Streit unter Jugendlichen in Stolberg, der für einen tödlich endet - als wenn das nicht schon schlimm genug ist. Aber die rechte Szene beklagt einen "feigen Überfall" auf ihren Kameraden und macht mobil.

Es war ein Streit zwischen Jugendlichen, wie er irgendwo in Deutschland passieren kann. Zwei Cliquen liefen sich zufällig in Stolberg bei Aachen über den Weg. Es kam zum Streit. Ein 18-Jähriger zog das Messer und erstach den 19-jährigen Kevin. Für die Staatsanwaltschaft war das eine Straftat ohne politischen Hintergrund. Doch schon Stunden später beklagte die rechte Szene auf Internet-Seiten den Tod "ihres Kameraden" durch einen "feigen und hinterhältigen Überfall" und rief zu "Trauermärschen und Demonstrationen" auf. Seit dem letzten Aufmarsch von mehreren hundert Rechten aus dem ganzen Bundesgebiet am vorigen Wochenende hat sich die Stimmung in der nordrhein-westfälischen Kleinstadt verändert.

"Wir sind sehr besorgt und wachsam", sagt Bürgermeister Ferdi Gatzweiler (SPD). Seine Stadt ist unter vielen Rechten noch ein Begriff. Früher war sie Bundesstützpunkt der rechtsextremistischen, mittlerweile verbotenen Jugendorganisation Wiking-Jugend. Gatzweiler sitzt der NPD-Fraktion im Stadtrat gegenüber. Das werde er nutzen, um den Rechten die Meinung zu sagen. "Ich werde sagen, dass wir die hier nicht wollen." Die NPD hat für den 26. April zu einer weiteren und damit dritten Demonstration in Stolberg aufgerufen.

Pilgerst ätte befürchtet

Der Bürgermeister hofft, dass danach wieder Ruhe einkehrt. Seine schlimmste Befürchtung spricht er nur zögerlich aus: Wenn seine Stadt zu einer Pilgerstätte für Märtyrer werden würde - das wäre für ihn die größte Katastrophe. Seit gut zwei Jahren gibt es ein breites Bündnis gegen Radikalismus, das nach den aktuellen Ereignissen über Maßnahmen beraten will. Auch von Sachverständigen werde sich die Stadt Rat holen. Nächste Woche Freitag, einen Tag vor der nächsten Demo der Rechten, setzt die Stadt mit einer eigenen Kundgebung ein Zeichen.

Es waren die besonderen Umstände von Kevins Tod, die die Vorlage für eine falsche Märtyrer-Geschichte lieferten. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft Aachen befand sich in Kevins Clique ein Junge, der am Abend an einer NPD-Versammlung in Stolberg teilgenommen hatte. Anders als auf Internet-Seiten dargestellt, war Kevin nicht bei dieser Versammlung. "Beide Jungen trafen sich zufällig in der Stadt", sagte Oberstaatsanwalt Robert Deller.

Der mutmaßliche Täter war Mitglied einer anderen Clique. Der Junge ist zwar in Deutschland geboren, seine Eltern sind aber nicht deutschstämmig.

Doppeltes Leid der Eltern

Kevins Eltern haben doppeltes Leid. Sie haben ganz plötzlich ihren Sohn verloren. Und sie wehren sich mit bescheidenen Mitteln gegen die Vereinnahmung Kevins durch die rechte Szene. Ihren Sohn beerdigten sie fast schon heimlich. Kaum jemand wusste von dem Termin. "Wir haben das mit den Eltern so vereinbart, damit es keinen Auflauf von Rechtsextremisten gibt", sagt Rudi Bertram (CDU), der Bürgermeister von Eschweiler, der Heimatstadt der Eltern.

Am Tatort haben offensichtlich die Eltern ein Plakat aufgehängt. Es erscheint fast wie ein hilfloser Protest gegen die Internet-Maschinerie der Rechten: "Hört auf, so über unseren Sohn zu lügen", heißt es darauf. "Sieht so ein Rassist aus? Nein. Das sind einige seiner Freunde", steht darauf. Darunter eine Bilderleiste, die einen sympathisch wirkenden jungen Mann fröhlich mit Freunden zeigt: Es könnten junge Leute aus Immigrantenfamilien sein.

Von Elke Silberer, dpa