Politik
In Niedersachsen fühlt sich Philipp Rösler pudelwohl.
In Niedersachsen fühlt sich Philipp Rösler pudelwohl.(Foto: dpa)
Freitag, 11. Januar 2013

Auf Wahlkampf-Kur im Heimatland: Rösler wittert Morgenluft

Plötzlich sieht es gar nicht mehr so schlimm aus für FDP-Chef Rösler: In seiner Heimat können die Liberalen wieder hoffen, im Parlament dabei zu sein. Damit steigen die Chancen des zuletzt so gepeinigten Wirtschaftsminister, den 20. Januar politisch zu überleben. Unterwegs mit Rösler in Niedersachsen - dem wohl einzigen Bundesland, in dem ihn die Liberalen noch aufrichtig unterstützen.

In Bissendorf passt zwischen Rösler und Brüderle kein Blatt.
In Bissendorf passt zwischen Rösler und Brüderle kein Blatt.(Foto: dpa)

Der große weiße Bus mit den blau-gelben Aufklebern fährt durch Bückeburg. Draußen regnet es Bindfäden, drinnen sitzt Philipp Rösler tiefenentspannt hinter beschlagenen Scheiben. Gerade hat er gehört, dass es eine dritte Umfrage mit fünf Prozent für die FDP in Niedersachsen gibt.

"Hier bin ich jeden Samstagmorgen gewesen, auf dem Weg zum Segelfliegen", erzählt er, als der Bahnhof der niedersächsischen Kleinstadt auftaucht. Ein paar Straßen weiter kommt die Sparkasse. Hier eröffnete der heutige Vizekanzler einst sein erstes Konto.

In Bückeburg war Röslers Vater Bundeswehr-Ausbilder für Hubschrauberpiloten. Sein Sohn steuert nun die FDP. Wohin und wie lange noch, darüber entscheiden maßgeblich die Wähler in Niedersachsen am übernächsten Sonntag.

FDP-Chef ist zu Scherzen aufgelegt

Im Bus zwängt sich eine junge Liberale an den Kamerateams vorbei. Sie will ein Foto mit Rösler. Der springt auf, um die hübsche Blonde am kleinen Kaffeetisch in die Mitte zu setzen. Links der Parteichef, rechts Stefan Birkner, Spitzenkandidat im Land und Umweltminister.

"Nicht, dass Doris sich beschwert", scherzt Rösler. "Wer ist Doris?", meint die Frau verdutzt. "Birkners Frau", sagt Rösler und freut sich über den Gag. Dann schwelgen die Politiker in Erinnerungen. Als Julis fingen sie in Niedersachsen an. Damals lernte Rösler seine heutige Frau Wiebke kennen, die Mutter seiner Zwillingstöchter. "Mensch, Stefan, das waren Zeiten."

Ist das der Bundesvorsitzende, der fast täglich nachlesen kann, dass Parteifreunde ihn in seinem Amt für überfordert halten? Der am vergangenen Sonntag blass und angespannt beim Dreikönigstreffen heftige Attacken erdulden musste? Den maßgebliche Mitglieder der FDP-Spitze nach Niedersachsen sofort ablösen möchten, weil er unfähig sei, die Partei im Herbst wieder in den Bundestag zu bringen?

Birkner glaubt an bis zu 8 Prozent

Berlin ist weit weg. Niedersachsen ist Rösler-Land, ein Heimspiel. Hier war er Fraktionschef, Minister, Vize-Ministerpräsident. Sollte er es am 20. Januar den Niebels & Co. zeigen, wäre das ein Ding. Ein schwarz-gelber Sieg wäre ein starkes Signal für Bundestags- und Bayern-Wahl. Den eigenen Vorsitzenden dann zu stürzen, dürfte schwer werden.

Rösler und Birker sind alte Freunde.
Rösler und Birker sind alte Freunde.(Foto: dpa)

Sein Freund Birkner glaubt an die Wende: "6 bis 8 Prozent sind drin", sagt der frühere Staatsanwalt und Richter. Die Stammwähler im Mittelstand seien sensibilisiert. Kaum eine Veranstaltung bei den Handelskammern, wo nicht vehement für die Zweitstimme FDP geworben werde.

"Das Führungstheater um Rösler ist für die Niedersachsen nicht entscheidend", meint Birkner. Schwarz-Gelb in Hannover arbeite seit zehn Jahren gut zusammen. CDU und FDP müssten auf 46, 47 Prozent kommen, um Rot-Grün zu schlagen. Damit es klappt, braucht die FDP viele Leihstimmen von CDU-Anhängern. Die jetzt veröffentlichten Fünf-Prozent-Umfragen sind wichtig - denn niemand will seine Stimme an eine Partei verschenken, die gar nicht in den Landtag kommt.

Rösler bremst - den Bus

Im Bus ist Rösler auf dem Weg nach vorne, wo sein Fanclub von den Julis sitzt. Die touren bis zum Wahltag durch Niedersachsen. "Freiheit leben" steht auf ihren Sweatshirts. Rösler schnappt sich das Mikro des Busfahrers und dankt den jungen Wahlkämpfern. Viele kennt er mit Vornamen. Hätte der Vizekanzler keinen Anzug an, könnte er fast noch einer von ihnen sein.

Die liberale Schicksalsgemeinschaft ist inzwischen auf der Autobahn in Richtung Osnabrück unterwegs. Rösler will langsamer fahren, weil er gehört hat, dass die Veranstaltung bei einem Hersteller von Wintergärten ziemlich voll wird. Es fehlen Stühle. Birkner meint keck: "Genau, zu den 10 Stühlen stellen die noch mal 10 rein." Als die beiden in das schicke Atrium des Mittelständlers Solarlux im Gewerbegebiet von Bissendorf kommen, sind fast 500 Leute da.

Brüderle lässt Rösler in Frieden

In der ersten Reihe wartet einer, der Rösler an der Parteispitze beerben könnte: Rainer Brüderle. Der Fraktionschef im Bundestag war auch in der Provinz unterwegs. Der 67-Jährige darf vor Rösler ran. Wie zu Dreikönig in Stuttgart. Dieses Mal wird es kein Wettstreit. Tandem-Harmonie ist angesagt. Brüderle hält seine launige Bierzelt-Rede, verkneift sich zweideutige Sprüche in Richtung Rösler. Den Anzugträgern, Selbstständigen, Bauern und Familien im Publikum ruft er für den Wahlsonntag zu: "Stehen Sie auf, frühstücken Sie gut, gönnen Sie sich was Gutes, wählen Sie FDP!"

Rösler beackert die gleichen Themen wie Brüderle. Leiser als dieser, aber souveräner als bei Dreikönig. Zum Schluss wird er emotional. Ob es bei der Wahl auch um sein Schicksal gehe? "Ja, Niedersachsen ist meine Heimat. Meine zweite Heimat ist die FDP." Mit einem klaren Erfolg - der Regierungsbeteiligung - will Rösler alle zufriedenstellen. Seine zweifelnde Partei, seine Freunde zu Hause, die Medien. An ein Ende denkt er heute nicht. Rösler freut sich auf den 24. Februar. Dann wird er 40. Es soll einen großen Empfang geben - mit der Kanzlerin.

Quelle: n-tv.de

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