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Kampf gegen Hauptfeind Iran : Saudi-Arabien geht gefährlichen Weg

Von Wolfram Neidhard

Das Verhältnis zwischen den konkurrierenden Regionalmächten Saudi-Arabien und Iran ist zerrüttet wie nie. Die sunnitischen Herrscher in Riad fahren nun einen offenen Konfrontationskurs zum schiitischen Regime in Teheran.

Für die internationale Presse ist der Besuch des iranischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad in Saudi-Arabien Anfang März 2007 eine kleine Sensation. Die Beziehungen zwischen beiden Regionalmächten sind mal wieder auf dem Tiefpunkt. So ist der Händedruck zwischen dem engen Verbündeten der USA in der Nahostregion, Saudi-Arabiens König Abdullah, und einem der ärgsten Widersacher des Westens schon ein denkwürdiges Ereignis.

Vor fast acht Jahren: Mahmud Ahmadinedschad wird in Riad von König Abdullah begrüßt.
Vor fast acht Jahren: Mahmud Ahmadinedschad wird in Riad von König Abdullah begrüßt.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Das iranische Atomprogramm und die Unterstützung der schiitischen Regierungsparteien im Irak sowie der Hisbollah im Libanon durch Teheran sind wichtige Themen des Treffens in Riad. Saudi-Arabien ist ein enger Verbündeter der sunnitischen Regierung von Ministerpräsident Fuad Siniora in Beirut und wirft dem Iran vor, die Lage im Libanon zu destabilisieren. Das sunnitische Regime in Riad beklagt zudem, dass das iranische Atomprogramm die Stabilität in der Golfregion gefährde. Ohne einen großen Durchbruch zu erreichen, reist Ahmadinedschad wieder ab. Aber beide verfeindete Regionalmächte haben wenigstens wieder offiziell miteinander gesprochen.

Gut acht Jahre später - König Abdullah ist tot und Ahmadinedschad nicht mehr im Amt - ist der sehr dünne Gesprächsfaden abgerissen. Die Hinrichtung von 47 Menschen wegen terroristischer Aktivitäten in Saudi-Arabien spitzt die ohnehin explosive Lage im Nahen Osten weiter zu. Diesmal ist es Saudi-Arabien unter König Salman ibn Abd al-Aziz Al Saud, einem Halbbruder Abdullahs, das zündelt. Vor allem der Tod des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr sorgt für wütende Reaktionen im Iran, der in der Erstürmung der saudischen Botschaft in Teheran mündet. Der eigentliche starke Mann Irans, der religiöse Führer Ajatollah Ali Chamenei, hat den Herrschenden in Riad zuvor mit der Rache Gottes gedroht und das saudische Königshaus verflucht. Auch der im Verhältnis zu Ahmadinedschad konziliantere Präsident Hassan Ruhani verurteilt Riad scharf. Die Saudis reagieren auf ihre Weise und lassen den Streit mit dem Iran eskalieren: Sie brechen die diplomatischen Beziehungen ab.

Stellvertreterkriege

Im Vergleich zu 2007 ist die heutige Lage in Nahost noch unübersichtlicher und gefährlicher. Die im Vorderen Orient fehlgeschlagene Arabellion hat tiefe Spuren hinterlassen. In Syrien tobt ein mörderischer Bürgerkrieg - angeheizt durch Saudi-Arabien, das sunnitische Milizen unterstützt, und dem Iran, der gemeinsam mit Russland den alawitischen Machthaber Baschar al-Assad politisch am Leben hält. Im Irak versucht die schiitisch dominierte Regierung mittels militärischer Gewalt und der Hilfe iranischer Freiwilliger, die Terrorhorden des Islamischen Staates (IS), die sich auf die Hilfe sunnitischer Stämme stützen, zurückzudrängen.

Schwierige Verbündete: Barack Obama mit König Salman.
Schwierige Verbündete: Barack Obama mit König Salman.(Foto: picture alliance / dpa)

Dass Saudi-Arabien unter König Salman im Konflikt mit dem Iran verstärkt auf das Militär setzt, wird auch im Jemen deutlich. Mit seinem 30-jährigen Sohn Mohammed ibn Salman Al Saud an der Spitze des Verteidigungsministeriums forciert Riad im südlichen Nachbarland als Anführer einer Militärallianz seine Luftangriffe gegen die schiitische Huthi-Miliz, die mutmaßlich vom Iran unterstützt wird. Ziel ist die Rückkehr des international anerkannten Staatschefs Abd Rabbo Mansur Hadi in den Präsidentenpalast von Sanaa. Im winzigen Inselstaat Bahrain - auch dort kam es nach den Hinrichtungen zu Protesten - stützt Saudi-Arabien den sunnitischen König Hamad bin Isa Al Khalifa gegen die aufbegehrende schiitische Bevölkerungsmehrheit. Bereits 2011 hat Salmans Vorgänger Abdullah bei Unruhen zugunsten des Monarchen militärisch eingegriffen und dessen Macht gerettet.

Atomabkommen sorgt für Verstimmung

Saudi-Arabien sieht seine Position als wichtige Macht in der Region auch durch die Einigung beim iranischen Atomprogramms im Juli des vergangenen Jahres in Gefahr. Die Tatsache, dass US-Präsident Barack Obama von einer "historischen Übereinkunft" sprach, sorgte nicht nur in Israel, sondern auch in Riad für Verstimmung. Obwohl Obama versuchte, König Salman in einem Telefongespräch zu beschwichtigen, herrschte große Enttäuschung in Saudi-Arabien wegen der Abkehr der USA und des Westens von der Konfrontationspolitik gegenüber Teheran. Das Vertrauen in Amerika habe am Golf merklich abgenommen, ließ das Herrscherhaus Al Saud über das Staatsfernsehen mitteilen. Der Iran habe "Chaos in der arabischen Welt angerichtet" und werde diese Politik "nun erst recht fortsetzen".

Feind der Saudis und Freund der Iraner: Baschar al-Assad.
Feind der Saudis und Freund der Iraner: Baschar al-Assad.(Foto: AP)

Dabei hat auch Saudi-Arabien mit seinen Ölmilliarden die Lage im Nahen Osten weiter destabilisiert. Seit rund 50 Jahren exportiert das Königreich den Wahhabismus - eine traditionelle und intolerante Auslegung des sunnitischen Islams. Obwohl Saudi-Arabien dem im Irak und in Syrien wütenden IS den Krieg erklärt hat, ist die Terrormiliz ein Ergebnis des Kampfes der Al Sauds gegen gemäßigte und säkulare Sunniten beziehungsweise Schiiten. Saudi-Arabien bekämpfte zudem den Baathismus im Irak und in Syrien, der nationalistischen Panarabismus mit sozialistischen Elementen verbindet. Während im Irak ehemalige Kader der Baath-Partei nach dem Sturz Saddam Husseins den IS unterstützen, existiert der syrische Baath-Ableger unter Assad weiter.

Ökonomische Probleme

Saudi-Arabien setzt auf Härte.
Saudi-Arabien setzt auf Härte.(Foto: picture alliance / dpa)

Derzeit ist Saudi-Arabien wirtschaftlich angeschlagen. Der Preisverfall beim Öl sorgt für ein riesiges Defizit im Staatshaushalt. Staatliche Subventionen für Wasser, Strom und Kraftstoff stehen zur Disposition. Auf die saudische Bevölkerung kommen möglicherweise massive Steuererhöhungen zu. Dagegen kann der Iran nach dem Atomabkommen - trotz neuer Missstimmungen - mit einer Lockerung der Sanktionen rechnen. Die Aggressivität des Regimes in Riad nach außen soll womöglich auch von innenpolitischen und ökonomisch-sozialen Problemen im Inneren ablenken.   

Der saudisch-iranische Machtkampf ist nicht nur brandgefährlich für die Region vom Mittelmeer bis zum Golf. Das Zerwürfnis beider Regionalmächte macht auch eine dauerhafte Friedensregelung für Syrien, den Irak und Jemen, wo die Stellvertreterkriege Hunderttausende Opfer fordern, zunichte. Derzeit scheint es unmöglich, Saudi-Arabien und den Iran zu einer Friedenslösung zu bewegen. Ein Nutznießer dieser saudisch-iranischen Konfrontation ist ohne Zweifel der IS.

Wie verhält sich der Westen? Die französische Tageszeitung "La Croix" fordert die USA und Europa auf, eine Eskalation zwischen dem Iran und Saudi-Arabien zu verhindern. Sie fordert von der Regierung in Paris, für einen Dialog zwischen Riad und Teheran zu werben. Die USA verhalten sich äußert vorsichtig: Sie rufen die Konfliktparteien dazu auf, Maßnahmen zur Beruhigung der Lage zu ergreifen und offerieren damit ihre Machtlosigkeit in dieser saudisch-iranischen Auseinandersetzung. Die deutsche Bundesregierung zeigt sich "entsetzt" über die Hinrichtungen in Saudi-Arabien. In Washington, London, Brüssel, Paris und Berlin fürchtet man allerdings nichts mehr als eine politische Destabilisierung Saudi-Arabiens, die für den Nahen Osten noch verheerender sein würde als alles bislang Geschehene. Und in Riad weiß man das.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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