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Donald Trump mit seinem Sicherheitsberater Michael Flynn (M.) und seinem Chefberater Steve Bannon im Oval Office (er telefoniert gerade mit dem australischen Premierminister).
Donald Trump mit seinem Sicherheitsberater Michael Flynn (M.) und seinem Chefberater Steve Bannon im Oval Office (er telefoniert gerade mit dem australischen Premierminister).(Foto: imago/ZUMA Press)

Was Trump will: Schlimmer kann es gar nicht werden

Von Hubertus Volmer

Viele Beobachter halten Donald Trump für einen selbstverliebten Trottel, der kein Programm hat. Das ist ein Missverständnis. Trump hat ein Programm adoptiert. Es geht davon aus, dass der Zusammenbruch kurz bevorsteht.

Auf den ersten Blick scheint es, als habe Donald Trump zwar eine provisorische politische Agenda - wirtschaftlichen Protektionismus, die Mauer an der Grenze zu Mexiko, die Vernichtung der Terrororganisation IS. Aber es sieht nicht danach aus, als habe er einen echten, durchdachten Plan. Das würde, so scheint es, zu seinem Charakter passen. Trump ist vermutlich ein Narzisst. Er liebt es, über sich selbst zu sprechen, sich zu rühmen, seine Kritiker niederzumachen.

Das passt zu der Reality-TV-Welt, aus der Trump kommt. Für ihn sind Einschaltquoten wichtiger als Fakten. Ein Beispiel: Im Wahlkampf sagte er, die Arbeitslosenquote liege sehr viel höher als von der US-Regierung behauptet. Die tatsächliche Zahl liege "wahrscheinlich" bei 28 oder 29 oder 35 Prozent. "Ich habe kürzlich sogar 42 Prozent gehört." Trump hält es demnach für möglich, dass fast jeder zweite US-Amerikaner arbeitslos ist.

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Man kann solches von Tatsachen völlig unberührtes Fantasieren für skrupelloses Lügen halten. Für Trump jedoch sind es alternative Fakten. Das ist jetzt nur zur Hälfte ironisch gemeint. Viele US-Amerikaner haben mehrere schlecht bezahlte Teilzeitjobs. Vielen US-Amerikanern fällt es schwer, die College-Gebühren für ihre Kinder aufzubringen. Auch wenn es den USA insgesamt sehr viel besser geht, als Trump es darstellt: Die Zeiten, in denen die Zukunft ein rosiges Versprechen war, sind vorbei. Viele US-Amerikaner haben das Gefühl, dass sie wirtschaftlich abgehängt sind, zumindest aber, dass es ihnen schlechter geht, als es ihnen gehen sollte.

An diese Menschen richtet sich Donald Trump. Für sie hat er ein politisches Programm entworfen, das "Amerika wieder groß" machen soll. Von der Rede, in der Trump im Juni 2015 seine Bewerbung um die republikanische Präsidentschaftskandidatur öffentlich machte, bis zu seiner Inaugurationsrede am 20. Januar durchziehen drei rote Fäden seine öffentlichen Auftritte: eine kaum steigerbare Selbstverliebtheit, ein geradezu apokalyptisches Bild der Gegenwart und eine Politik, die Trump seit knapp einem Jahr mit dem Schlagwort "America first" umreißt.

"Ich will alles zugrunde richten"

America first. Trump scheint diesen Ausdruck zum ersten Mal im März 2016 in einem Interview mit der "New York Times" benutzt zu haben. In seiner Inaugurationsrede war es das zentrale Thema. Stephen Bannon soll diese Rede geschrieben haben, zusammen mit Trumps strategischem Berater Stephen Miller.

Bannon ist der Mann, der Trump mit dem programmatischen Rahmen für seine Politik versorgt hat. Im August 2016, nach seiner offiziellen Nominierung zum Präsidentschaftskandidaten, machte Trump ihn zum Chef seiner Wahlkampforganisation, nach seinem Wahlsieg zu seinem Chefberater. Seither wird Bannon häufig als der dunkle Lord hinter Donald Trump dargestellt, als Mephisto, der den Milliardär zu seinem Werkzeug gemacht hat. Bannon selbst hat zur Verbreitung dieser Sicht beigetragen. Im Wahlkampf nannte er Trump ein "unvollkommenes Gefäß" für die von ihm erhoffte Revolution.

Doch Trump ist nicht Bannons Werkzeug. Bannon braucht jemanden, der ausführt, was er entwirft. Aber Trump braucht auch jemanden, der aus seiner Agenda ein echtes Programm macht.

Als Trumps Berater fungiert Bannon schon seit 2015, zunächst informell. Aus seiner radikal rechten Nachrichtenseite Breitbart machte er eine "Trump-Prawda", wie ein ehemaliger Mitarbeiter Bannons einmal schrieb. Er ist ein ehemaliger Goldman-Sachs-Manager, der die Massen zum Sturm auf das Establishment bewegen will. Von Wegbegleitern wird er den US-Medien zufolge als kultiviert und cholerisch beschrieben. Eine seiner drei Exfrauen sagte während des Scheidungsverfahrens, Bannon habe verhindern wollen, dass seine Zwillingstöchter zusammen mit Juden zur Schule gehen. Bannon selbst bestreitet das. Seine Schwester sagt, solche Vorwürfe seien absurd. In ihrer Familie gebe es religiös und ethnisch gemischte Ehen. "Unsere Familie ist ein Mikrokosmos der USA."

Wie Trump hatte Bannon keine Probleme damit, mit Breitbart und im Wahlkampf Rassisten anzusprechen. Wie Trump ist er selbst Rassist genannt worden, auch Faschist. Aber mit solchen Kategorien sind der 63-Jährige und sein Chef nicht zu fassen. "Ich bin kein weißer Nationalist, ich bin ein Nationalist", sagte Bannon dem "Hollywood Reporter" im vergangenen Jahr. "Ich bin ein Wirtschaftsnationalist."

Noch wichtiger als der Nationalismus ist für Bannon jedoch ein anderer Impuls. Dies illustrieren ein paar Sätze aus einer Party-Unterhaltung im Jahr 2013, die der Journalist Ronald Radosh mit Bannon führte. Er sei ein Leninist, sagte Bannon damals. Lenin habe den Staat zerstören wollen, "und das ist auch mein Ziel. Ich will alles zugrunde richten und das gesamte heutige Establishment zerstören". Die Republikaner schloss Bannon dabei ausdrücklich ein.

"Wir befinden uns in einem Krieg von ungeheuren Ausmaßen"

Als Chefberater im Weißen Haus drückt Bannon sich kaum diplomatischer aus. "Wir werden gerade Zeugen der Geburt einer neuen politischen Ordnung", schrieb er vor einer Woche in einer Mail an die "Washington Post".

Chefberater Stephen Bannon und Stabschef Reince Priebus stehen für unterschiedliche Strategien - die eine wild, die andere geordnet. Über ein inhaltliches Zerwürfnis ist bisher nichts bekannt.
Chefberater Stephen Bannon und Stabschef Reince Priebus stehen für unterschiedliche Strategien - die eine wild, die andere geordnet. Über ein inhaltliches Zerwürfnis ist bisher nichts bekannt.(Foto: REUTERS)

In einer per Skype übertragenen Ansprache an eine Konferenz konservativer Katholiken im Vatikan im Sommer 2014 hat Bannon sein Weltbild noch etwas ausführlicher skizziert. Er will den Kapitalismus zurückführen in eine gute alte Zeit, in der "fast alle Kapitalisten stark an den jüdisch-christlichen Westen glaubten". Heute gebe es keine traditionellen Werte mehr, beklagt er. "Menschen werden als Gegenstände betrachtet. Ich glaube nicht, dass unsere Vorväter diesen Glauben hatten."

Den Westen sieht Bannon in einem globalen Krieg "gegen den dschihadistischen islamischen Faschismus". Er zieht in seiner Skype-Rede Parallelen zum "großen Krieg" gegen Nazi-Deutschland und Japan, den er als Kampf des jüdisch-christlichen Westens gegen den Atheismus beschreibt. Bannon sagt es in seinem Vortrag nicht ausdrücklich, aber es klingt, als begrüße er den angeblich drohenden Krieg als heilsames Stahlgewitter für eine verweichlichte, traditionsvergessene westliche Welt.

Das entspricht einem Geschichtsbild, auf das die Zeitschrift "Time" in ihrer aktuellen Ausgabe verweist. Demnach ist Bannon Anfang der Nullerjahre auf das Buch "The Fourth Turning" von William Strauss und Neil Howe gestoßen. Sie stellen die Geschichte als eine Abfolge von Epochen dar, die jeweils von vier Generationen geprägt werden und daher immer rund 80 Jahre dauern. Jede dieser Epochen beginnt mit einem Hoch und endet mit einer Krise. Danach fängt eine neue Epoche an, wiederum mit einem Hoch.

Diesem Konzept zufolge befindet sich die Welt derzeit in einer Krisenphase. Glaubt man Strauss und Howe, dann steht ein Zusammenbruch unmittelbar bevor - wie vor rund 80 Jahren. Was damals Weltwirtschaftskrise und Zweiter Weltkrieg waren, sind für Bannon heute die Finanzkrise und der "Krieg" gegen den islamistischen Terrorismus.

Man kann Bücher wie "The Fourth Turning" (zu Deutsch etwa: die vierte Umwälzung) als analytische Anregung lesen, man kann sie aber auch als Prophezeiung verstehen. So scheint es Bannon zu machen. In einer weiteren Rede im Jahr 2011 erläuterte Bannon dieses Weltbild. Die aktuelle Krise, sagt er darin, sei die vierte große Krise der US-Geschichte. "Wir hatten die Revolution, wir hatten den Bürgerkrieg, wir hatten die Weltwirtschaftskrise und den Zweiten Weltkrieg. Dies ist die große vierte Umwälzung in der amerikanischen Geschichte." Der Krieg, der in Bannons Weltsicht mit geradezu naturgesetzlicher Notwendigkeit kommen muss, richtet sich gegen den Islamismus. "Sehen Sie sich an, was passiert, und Sie werden sehen, dass wir uns in einem Krieg von ungeheuren Ausmaßen befinden", sagte Bannon seinen Zuhörern im Vatikan. Er rief sie auf, darüber nachzudenken, "was unsere Rolle in dieser Schlacht ist, die vor uns liegt".

Weniger pathetisch, aber ebenso apokalyptisch klingt Präsident Trump. Ob er nicht befürchte, mit seinem vorläufigen Einreiseverbot Wut bei den Muslimen überall auf der Welt auszulösen, fragte NBC-Journalist David Muir den Präsidenten Ende Januar in einem Interview. "Wut?", gab Trump zurück. Schon jetzt gebe es viel Wut. "Wie könnte es mehr werden?" Dann wandte sich Trump direkt an Muir und senkte die Stimme zu einem Raunen. "David, ich weiß, Sie sind ein gebildeter Typ. Die Welt ist ein einziges Chaos. Die Welt ist so wütend, wie sie nur sein kann. Und Sie glauben ernsthaft, das sorgt für ein bisschen mehr Wut?"

Der "New York Times" zufolge hat Bannon im Machtkampf mit Trumps Stabschef Reince Priebus kürzlich zurückstecken müssen. Offenbar gefällt dem Präsidenten nicht die ungestüme Art, mit der Bannon in Sackgassen rennt - das Einreiseverbot etwa, das allem Anschein nach bereits gescheitert ist, hat Bannon entworfen. Doch hier geht es um Taktik, nicht um Inhalte. Das Programm bleibt dasselbe. The world is a mess, die Welt ist ein einziges Chaos. Alles ist so schlimm, dass es gar nicht schlimmer werden kann. Wenn die Arbeitslosenquote unter 5 Prozent liegt und seit Jahren sinkt, dann kann das einfach nicht stimmen - 4,8 Prozent sind schließlich nicht apokalyptisch genug.

Innerhalb ihres eigenen Weltbildes riskieren Trump und Bannon den Zusammenbruch nicht, sie wollen ihn beschleunigen. Für den Rest der Welt, zumindest für jenen Teil, dem etwas am Erhalt der liberalen Demokratien liegt, sollte das ein Grund zur Beunruhigung sein.

Quelle: n-tv.de

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