Politik
Das hohe Alter sieht man der Mütze kaum an.
Das hohe Alter sieht man der Mütze kaum an.(Foto: dapd)

Niebels Mütze im Museum: Schluss mit "Landser-Look"

Von Hubertus Volmer

"Je linker die Journalisten, desto schneller ist die Mütze auf dem Kopf", sagt Entwicklungsminister Niebel über seine Kopfbedeckung. Künftig gilt das nicht mehr, die Gebirgsjägermütze Marke Eigenbau geht ans Haus der Geschichte. Das freut sich über ein Kleidungsstück, in dem sich das "besondere Selbstverständnis" eines Politikers niederschlage.

Bei der ersten Auslandsreise des neuen Entwicklungsministers im Januar 2010 rieben sich viele in der Delegation die Augen: Mit größtem Selbstbewusstsein führte Dirk Niebel in Ruanda eine Gebirgsjägermütze auf seinem Kopf spazieren. Ob er es nicht ein wenig mit dem Militärischen übertreibe, wurde Niebel nach seiner Rückkehr gefragt. "Meine Mütze trage ich seit 25 Jahren, und die werde ich auch weiter tragen, wenn ich mich in unwirtlichen Gebieten außerhalb von Gebäuden aufhalte."

Sierra Leones Vize-Außenministerin Emu Jusu, stolze Besitzerin einer Niebel-Kappe.
Sierra Leones Vize-Außenministerin Emu Jusu, stolze Besitzerin einer Niebel-Kappe.(Foto: picture alliance / dpa)

Niebel hat sein Versprechen gehalten, mehr noch: Er ist zum Missionar in Sachen Mütze geworden. Seine Reise nach Sierra Leone im Sommer 2012 dürfte ein Höhepunkt für den FDP-Politiker gewesen sein. Für alle Mitglieder seiner Delegation hatte Niebel ein ähnliches Modell parat, selbst die Vize-Außenministerin des Landes, Emu Jusu, bekam ein Exemplar. Stolz posierten beide für ein Erinnerungsfoto: Niebel mit dem abgewetzten Original, Jusu mit der Kopie.

Erst Skandal, dann Running Gag

Aus dem Skandal war ein Running Gag geworden. Die Kappen, die Niebel - Spitzname: "die Mütze" - in Afrika verteilte, gehörten zu einer Lieferung der Initiative "Cotton made in Africa" des Hamburger Unternehmers Michael Otto. Tausend Mützen hatte die Initiative dem Minister geschenkt, "aus fair gehandelter Baumwolle, versteht sich", wie Niebel kürzlich in einem Interview sagte. Seither verschenkt Niebel diese Mützen bei Reisen ins Ausland - bis heute, denn vollständig verteilt sind die Kopfbedeckungen noch nicht, wie eine Sprecherin des Entwicklungsministeriums n-tv.de sagte.

Bereits in Sierra Leone kündigte Niebel an: "Das Original wird irgendwann im Haus der Geschichte hängen." Dass die Mütze dem Bonner Museum aufgedrängt worden sei, bestreitet Dietmar Preißler, Sammlungsdirektor im Haus der Geschichte, so energisch wie glaubwürdig. Man habe aus der Presse von Niebels Ansinnen erfahren, sagt er n-tv.de, später sei die Mütze aus dem Umfeld des Ministers an das Museum herangetragen worden. Dennoch habe das potenzielle Exponat einen "ganz normalen Prüfungsprozess" durchlaufen. Die zentrale Frage sei dabei immer, welche "Story" sich mit einem Objekt verbinde.

"Selbstverständnis schlägt sich in Textilien nieder"

Dietmar Preißler nimmt die Mütze aus den Händen des Ministers entgegen.
Dietmar Preißler nimmt die Mütze aus den Händen des Ministers entgegen.(Foto: dapd)

"Bei Politikern schlägt sich in Textilien ihr besonderes Selbstverständnis nieder", erläutert Preißler. Und er verweist darauf, dass das Haus der Geschichte auch andere abgelegte Politiker-Kleidungsstücke beherbergt. Die Lotsenmütze von Helmut Schmidt etwa, eine Lederjacke von Joschka Fischer, Wanderschuhe des früheren Bundespräsidenten Karl Carstens oder ein Fußballtrikot von Gerhard Schröder. Und natürlich die legendäre Strickjacke, in der Helmut Kohl den sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow davon überzeugte, dass das vereinigte Deutschland der Nato angehören darf.

Ganz so geschichtsträchtig wie Kohls Strickjacke ist Niebels Mütze zwar nicht. Doch für Streit hat sie immerhin gesorgt. Dies ist denn auch die "Story", die aus der Kopfbedeckung ein Exponat macht. Die Mütze wurde zum Symbol - sowohl für Niebel als auch für seine Kritiker. Erst vor wenigen Tagen freute sich der Minister, wenn er seine Mütze aufsetze, "kriegen viele Berufsbetroffene die Schnappatmung". Beim ersten Mal, Anfang 2010, seien die Reaktionen "völlig panisch" gewesen - was ihn dazu bewogen habe, "das Ganze zu zelebrieren". "Und je linker die Journalisten, desto schneller ist die Mütze auf dem Kopf."

"Einfach mal die Stirn bieten"

Niebel wäre nicht Niebel, wenn er nicht auch die Übergabe der Mütze mit einem Rundumschlag verbinden würde. "Ich freue mich sehr, dass meine Mütze heute den Weg in die Geschichtsbücher findet", sagt er in einer Pressemitteilung seines Ministeriums. "Das zeigt, dass man manchmal der typisch deutschen Empörungswelle auch einfach mal die Stirn bieten muss, um sich selbst treu zu bleiben."

Niebel mit Mütze in Afghanistan.
Niebel mit Mütze in Afghanistan.(Foto: picture alliance / dpa)

Tatsächlich waren die Reaktionen auf die Mütze weitgehend kritisch - von einer Militarisierung der Entwicklungspolitik war die Rede, von unsensiblen Auftritten, vom "Landser-Look" in Flüchtlingslagern. An Niebel perlte das ab. Auf die Frage, wie er es fände, wenn ein US-Minister mit einer US-Armee-Kappe Deutschland besuchte, sagte er vor drei Jahren: "Damit hätte ich überhaupt kein Problem."

"Gut, dass die Mütze im Depot landet"

Doch die Kritik kam nicht nur von "Linken" - auch Entwicklungsorganisationen wandten sich vehement dagegen, dass Niebels Ministerium in Afghanistan nur noch Projekte fördert, die in Gebieten stattfinden, in denen die Bundewehr präsent ist. Und so erntet Niebels Gabe an das Haus der Geschichte Lob von ungewohnter Seite: "Ich finde es sehr gut, dass Niebels Mütze im Depot landet und dort auch bleibt", sagt Ulrich Post, der Vorsitzende des Verbands Entwicklungspolitik deutscher Nichtregierungsorganisationen (VENRO).

Die Mütze ist übrigens Marke Eigenbau und mittlerweile fast dreißig Jahre alt. Damals, im November 1984, war Niebel Fallschirmjäger bei der Bundeswehr. Für diese habe es seinerzeit "Schiffchen" als Kopfbedeckung gegeben, erzählte Niebel im Februar 2010. "Weil das niemand gerne trägt, bin ich damals in einen Nato-Shop gegangen, habe das Edelweiß von der Gebirgsjägermütze abgetrennt, unser Barettabzeichen aufgenäht und meine 50 Strafliegestütze gepumpt. Damals konnte ich das noch. Danach war dann die Mütze akzeptiert. Seitdem begleitet sie mich."

Welche Mütze Niebel künftig "in unwirtlichen Gebieten außerhalb von Gebäuden" tragen wird, konnte n-tv.de bislang leider nicht in Erfahrung bringen. Sicher ist jedoch, dass die Militärmütze vorerst nur im Archiv landet. "Sie steht aber für Ausstellungen zur Verfügung und ist jederzeit abrufbar", versichert Preißler.

Quelle: n-tv.de

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