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Zehntausende Demonstranten gingen in Ägypten auf die Straße.
Zehntausende Demonstranten gingen in Ägypten auf die Straße.(Foto: REUTERS)

Straßenkrawalle nach Haftbefehl gegen Mursi: Schon wieder Tote in Ägypten

Showdown am Nil: Militär und verfeindete Islamisten rufen Millionen Anhänger auf die Straße. Die Armee schickt den abgesetzten Präsidenten Mursi in Untersuchungshaft - und droht nach Ablauf eines 48-Stunden-Ultimatums mit einer härteren Gangart.

Einige Demonstranten trugen Masken mit dem Gesicht von Armeechef Abdel Fattah al-Sissi.
Einige Demonstranten trugen Masken mit dem Gesicht von Armeechef Abdel Fattah al-Sissi.(Foto: REUTERS)

In Ägypten hat es bei Zusammenstößen zwischen Anhängern und Gegnern des abgesetzten Präsidenten Mohammed Mursi wieder Tote und Verletzte gegeben. In der Hafenstadt Alexandria wurden vier Menschen getötet und mehr als 50 verletzt. Im ganzen Land waren Hunderttausende dem Aufruf von Armeechef Abdel Fattah al-Sissi zu Demonstrationen gegen die Islamisten gefolgt, die ihrerseits in großer Zahl auf die Straße gingen. Angeheizt wurden die Proteste von dem Haftbefehl gegen Mursi.

In Alexandria, der zweitgrößten Stadt des Landes gerieten Tausende Mursi-Getreue mit Demonstranten aneinander, die dem Aufruf al-Sissis gefolgt waren. Beobachter berichteten, wie Hunderte Menschen mit Schrotgewehren aufeinander schossen und von Hausdächern Steine in die Menge warfen. Drei Menschen seien durch Stiche, einer durch einen Kopfschuss getötet worden, hieß es in Krankenhäusern. Auch aus der Stadt Damietta im Nildelta wurden Zusammenstöße gemeldet, bei denen es sieben Verletzte gegeben haben soll. Seit dem Sturz Mursis starben bei Krawallen schon etwa 200 Menschen.

Al-Sissi in Paradeuniform

In der Hauptstadt Kairo hielten sich beide Lager bis zum Abend zurück. Die Gegner Mursis feierten das Eingreifen der Armee gegen den gewählten Präsidenten. Militärhubschrauber flogen in niedriger Höhe über eine von Islamisten errichtete Zeltstadt und zogen dann zum Tahrir-Platz, wo sich fahnenschwingende Anhänger der Armee versammelt hatten. Viele der dicht gedrängt stehenden Demonstranten trugen Bilder, die al-Sissi in Paradeuniform zeigten. Der General hatte zu den Demonstrationen aufgerufen, die er als Mandat für den Kampf gegen Islamisten versteht.

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Am Samstagabend läuft ein 48-Stunden-Ultimatum des Militärs ab: Die Islamisten sollen sich bis dahin am sogenannten Versöhnungsprozess beteiligen - sonst drohe eine härtere Gangart. Die über die Medien verbreitete Aufforderung hatte den Titel "Letzte Chance". Das Militär hatte den ersten frei gewählten Präsidenten Ägyptens am 3. Juli nach tagelangen Massenprotesten gegen ihn abgesetzt. Seither haben die Behörden rund 600 Muslimbrüder verhaftet, unter ihnen den einflussreichen Vize-Vorsitzenden Chairat al-Schater.

Mursi sitzt derweil weiter in Untersuchungshaft. Der Ex-Präsident wird beschuldigt, sich mit der palästinensischen Hamas-Bewegung zur "Ausführung feindlicher Akte" in Ägypten abgesprochen zu haben. Die radikal-islamische Hamas herrscht seit 2006 im benachbarten Gazastreifen. Mursi wird unter anderen ein Gefängnisausbruch während der Revolution von 2011 vorgeworfen, den er mit Hilfe der Hamas organisiert haben soll. Die Vorwürfe bilden die rechtliche Grundlage für die anhaltende Festsetzung Mursis, gegen den bislang keine Anklage erhoben worden war.

US-Militärhilfe kann weiter fließen

Die Untersuchungshaft wird in der Regel für 15 Tage verhängt und dann stets um jeweils weitere 15 Tage verlängert. Die Muslimbrüder bezeichneten die Anschuldigungen als lächerlich. "Wir alle wissen, dass die Vorwürfe nur aus der Fantasie einiger weniger Generäle und einer Militärdiktatur entspringen", sagte ein Sprecher der Muslimbrüder. Er kündigte an, die Proteste würden fortgesetzt.

Zwar hat das Militär versichert, mit der Entmachtung Mursis eine Rückkehr zur Demokratie anzustreben. In Ägypten und dem Ausland wächst jedoch die Sorge, dass dies den Streitkräften nur als Vorwand dient, um sich selbst wieder dauerhaft die Macht zu sichern. So löst der Machtkampf international Sorgen aus. Die USA, die das ägyptische Militär jährlich mit 1,3 Milliarden Dollar unterstützen, hatten ihren Unmut über das jüngste Vorgehen der Streitkräfte damit zum Ausdruck gebracht, dass sie die Lieferung von Kampfflugzeugen vom Typ F-16 zunächst aussetzten.

Allerdings gingen sie nicht soweit, die Entmachtung Mursis als Putsch zu bezeichnen. In diesem Fall müssten Hilfszahlungen eingestellt werden. Aus US-Regierungskreisen verlautete, die Gesetze schrieben nicht vor, dass sich die USA formell äußern müssten, ob in Ägypten ein Putsch stattgefunden habe oder nicht. Zudem sei es nicht im Interesse der USA, sich festzulegen.

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Quelle: n-tv.de

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