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Freitag, 18. August 2017

Kanzlerkandidat im TV-Interview: Schulz patzt, punktet und behält die Fassung

Von Issio Ehrich

Kanzlerkandidat Schulz wirkt im Interview mit n-tv konzentriert. Der SPD-Politiker verkneift sich einen verbalen Ausrutscher. Ein grober Fehler unterläuft ihm trotzdem. Vermutlich aber mit Absicht - um sich aus der Affäre zu ziehen.

Hat er den Faden verloren? Martin Schulz steht im Studio von n-tv. In der Sendung "Wieso Sie?", in der bis zur Bundestagswahl die Spitzenkandidaten der Parteien Rede und Antwort stehen, geht es gerade um das Thema Sicherheit und den sogenannten Berliner U-Bahn-Treter. Schulz spricht über "Zivilcourage" und "Helden". Und darüber, dass die Gesellschaft solche Menschen unterstützen müsse. Dann plötzlich Stille – mitten im Satz. Einen irritierenden Moment später sagt der Kanzlerkandidat der SPD: "Ich hätte beinahe ein hartes Wort benutzt." Für Gewalttäter.

Schulz wirkt hochkonzentriert, ausgesprochen kontrolliert. Seine Partei hat schon üble Erfahrungen mit Vulgarität gemacht. Da war der Stinkefinger des früheren Kanzlerkandidaten Peer Steinbrück auf der Titelseite des Magazins der "Süddeutsche-Zeitung". Und da war Sigmar Gabriels Gerede vom "Pack" von Heidenau. In der knapp halbstündigen Sendung unterläuft Schulz trotzdem ein grober Fehler. Wahrscheinlich aber mit Absicht – um sich aus der Affäre zu ziehen.

Die Moderatoren Heike Boese und Christopher Wittich wollen wissen, ob noch zu viele Flüchtlinge in Deutschland leben, und warum es gerade in SPD-regierten Ländern mit den Abschiebungen so schlecht klappt. Schulz: "Es funktioniert vor allem so schlecht, weil das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge so heillos überfordert ist." Der SPD-Politiker schimpft auf den "Leitkulturminister" Thomas de Maizière, in dessen Verantwortung sich das Amt befindet.

Es stimmt zwar, das Bamf ist überfordert. Die Behörde muss noch sehr viele Asylanträge bearbeiten. Und auch sonst lief ziemlich viel schief. Fakt ist aber: Aktuell leben in Deutschland 200.000 ausreisepflichtige Ausländer. Die Prüfung der Anträge dieser Menschen ist längst durch. Was fehlt ist, dass man sie außer Landes bringt. Und Abschiebungen sind nun mal Ländersache.

Schulz greift Merkel beim Thema Altersarmut an

Geschickter im Abwehren von Angriffen geht Schulz beim Thema Mietpreise vor. Auch hier versuchen die Moderatoren ihn über Defizite in SPD-regierten Ländern zu packen. Sie spielen auf Deutschlands Großstädte an, in denen es besonders schwer ist, eine bezahlbare Wohnung zu finden. Schulz: "Großstädte werden zum Teil Opfer ihres eigenen Erfolges. Es kommen Menschen dahin, die wollen dort wohnen, die finden da Arbeit und gleichzeitig gibt es Spekulanten, die die Verknappung des Wohnraums geradezu vorantreiben, weil sie wissen, dass damit die Mieten in die Höhe steigen." Schulz fügt hinzu. "Das Problem muss auf Bundesebene angepackt werden und wird von mir angepackt. Frau Merkel will es nicht anpacken."

"Wieso sie?" Neben dem Thema Mieten versucht Schulz sich vor allem bei der Altersarmut von seiner Gegenspielerin abzusetzen. "Wir wollen Altersarmut abwenden, indem wir anständige Löhne haben, die zu anständigen Renten führen, indem wir eine Solidarrente einführen", sagt Schulz. "Wir wollen vor allem, dass in die jetzige Rentenstruktur eingegriffen wird, sonst sinken die Renten bis zum Jahr 2030 deutlich und die Beiträge werden steigen." Merkel steht dafür, dass die gesetzliche Rente bis 2030 keine Anpassung brauche. Schulz sieht von schärferen Angriffen auf die Kanzlerin ab. Er gibt sich nicht nur hochkonzentriert, sondern auch sehr sachlich.

Die Auftaktausgabe der neuen Interview-Reihe "Wieso Sie…?" steht bei TV NOW zum Abruf bereit.

Quelle: n-tv.de

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