Politik

"Ignorieren Sie die Trolle!"Schwarz-Gelb setzt auf Youtube

20.10.2011, 14:08 Uhr
imagevon Roland Peters
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Fünf Mitarbeiter kümmern sich bei der Bundespressestelle um den Kanal. (Foto: dapd)

Die Piraten schippern auf dem Meer der Bundespolitik bei Umfragewerten von 10 Prozent. Die Bundesregierung will die Verfolgung aufnehmen und startet einen eigenen Youtube-Kanal. Dort erklärt Regierungssprecher Seibert, wann er aufsteht - und warnt vor nordischen Fabelwesen.

"Youtube, Facebook, Twitter – das hat unseren Alltag verändert", sinniert Bundesregierungssprecher Steffen Seibert ganz ZDFesk als Einstieg in ein Begrüßungsvideo. Anlass ist der Youtube-Kanal, den die Bundesregierung gestartet hat. Warum? "Wegen der positiven Erfahrungen mit Twitter", heißt es in einer Mitteilung. Auch dort ist Seibert unterwegs, verschickt Mitteilungen und gibt Hinweise auf Inhalte. Derweil verschickt der Parlamentarische Geschäftsführer der Unionsfraktion im Bundestag, Peter Altmaier, Tweets im Stundentakt, mindestens. Sogar die Dauer seiner Nachtruhe kann so vermutet werden. Schwarz-Gelb will sich offenbar renovieren, und das online.

Seibert ist ein wenig das Gesicht des neuen Online-Auftritts: Das prominenteste Video zum Start ist eine Art "hinter den Kulissen" der Bundespressekonferenz, in dem der Sprecher von Klavierspiel unterlegt seine Aufgaben erklärt; wann er aufsteht, und dass er morgens mit seinem iPad die ersten Nachrichten liest. "Wie die Kanzlerin an die News kommt", heißt ein anderer Beitrag – erklärt vom Bundespresseamt. Die neue, etwas bemüht wirkende Transparenz der Bundesregierung ist wohl auch das Werben um einen Wählertypus. Netzaffin, auf der Suche nach Informationen und interessiert an der Arbeitsweise des Politikbetriebs.

Altmaier schreibt sich "die Finger wund"

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Die Fraktion der Piraten im Berliner Abgeordnetenhaus. (Foto: dpa)

Mit ihrem kommunikativen Ansatz, öffentlichen Sitzungen und ohne belastbare Meinungen zu harten Themen wie der Eurokrise stieg die Piratenpartei zuletzt in Umfragen auf Bundesebene auf 10 Prozent. Immer mehr ziehen auch die älteren Volksparteien nach. Per Twitter flogen während der gestrigen Debatte über den Staatstrojaner öffentlich Sticheleien zwischen Regierung und Opposition hin und her. Etwa vom Geschäftsführer der SPD-Bundestagsfraktion, Thomas Oppermann, der aus den Plenum heraus zwitscherte: "Warum ist Peter Altmaier nicht in der netzpolitisch so wichtigen Fragestunde? Kennt er schon die Antworten?" Dieser schrieb sich danach "die Finger wund", wie er selbst twitterte. Da hatte er innerhalb einer Stunde rund 50 Mitteilungen abgesetzt.

Im Fall des neuen Youtube-Kanals ist es eine "Redaktion", die die Inhalte betreut, Kommentare von Nutzern prüft, bevor sie freigeschaltet werden. "Wir distanzieren uns ausdrücklich von Meinungsäußerungen, die sich gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung richten", so der Hinweis an die momentan rund 800 Abonnenten des Videoangebots. Und: "Ignorieren Sie die Trolle!" Wesen aus nordischen Sagen gucken Werbevideos von Schwarz-Gelb? Gemeint ist wohl eher ein Online-Phänomen: Nutzer eines Angebots stiften mit ihren Beiträgen absichtlich und systematisch Unruhe. Erklärt wird das nur indirekt.

Vertreter der Bundesregierung, die sich im Zusammenhang ihrem dem Verhalten bei der Enquete-Kommission für "Internet und Digitale Gesellschaft" vorwerfen lassen mussten, in Hinterzimmern zu mauscheln, gar eine "Schmierenkomödie" zu liefern, versuchen es nun mit einer Bürgerbeteiligung neben der Transparenz. Die setzt in Echtzeit noch viele unter Beobachtungsdruck, wie die Abstimmung zur Netzneutralität vor wenigen Tagen gezeigt hat. Doch Videos werden aufgezeichnet. "Die Bundeskanzlerin steht Ihnen Rede und Antwort", und das ohne Anmeldung, heißt es im Youtube-Kanal. Anonymität, auch das ist ein Zugeständnis an netzaffine Nutzer.

Interagieren statt diktieren

Bislang sind knapp 150 Fragen an Merkel zusammengekommen und zur Abstimmung gestellt. Die populärsten 10 will sie am 18. November beantworten. Video als Medium ist der Kanzlerin nicht neu: Im Jahr 2006 fing Merkel an, öffentliche Botschaften auf diese Art zu senden. Damals wollte die Bundesregierung von der Euphorie um die Fußball-WM profitieren. "Wir alle wollen zeigen, dass Deutschland zu Spitzenleistungen fähig ist", sprach Merkel in predigendem Tonfall vor Turnierbeginn in die Kamera. Seither gab es 253 Online-Beiträge von "Die Kanzlerin direkt".

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Die Bundeswehr betreibt den mit Abstand beliebtesten Auftritt bei Youtube. (Foto: Screenshot n-tv.de)

Nun kommt verzögert die interaktive Version dazu, die Themen nicht mehr diktiert, sondern mit der Mehrheit interagiert. Auch einige Bundesministerien betreiben inzwischen eigene Youtube-Kanäle, meist mit erklärenden Videos, oder Warnungen vor Betrug im Internet. Die wenigsten Beiträge bietet das Umweltministerium an – dreizehn. Unangefochtener Spitzenreiter mit 599 Videos und rund 1,9 Millionen Besuchern ist die Bundeswehr. Die wirbt für Rekruten mit "Reservisten-Power", "Die Heide bebt", "Feuer frei" oder Beiträgen über verwundete Soldaten und deren "schwierige Rückkehr ins normale Leben".

Nutzer "Raiden6815" fragt in den Kommentaren: "Hey, wenn ich zur Bundeswehr gehe, habe ich auch Freizeit?", einer nach dem Beitrag zum "Hürtgenwaldmarsch", ein anderer zu "Panzerfahrern". Die Redaktion reagiert helfend: Der Bericht zum Marsch sei doch eine Reportage geworden, "winowski44" solle sich noch etwas gedulden, heißt es. Der Panzerfan wird auf Playlists verwiesen. Raiden6815 bekommt keine Antwort. Freizeitmöglichkeiten bei der Bundeswehr, über die gibt es offenbar auch im Netz keine Informationen.