Politik
Von Selbstzweifel keine Spur: Silvio Berlusconi nach der Wahl
Von Selbstzweifel keine Spur: Silvio Berlusconi nach der Wahl(Foto: REUTERS)

Warum bekommt er 29 Prozent?: Sechs Gründe für Berlusconi

Von Christoph Herwartz

Nun sind Wohl und Wehe Italiens wieder von ihm abhängig: Silvio Berlusconi, das ewige Gespenst der italienischen Politik. Warum haben schon wieder so viele den Skandalpolitiker gewählt? Die Antwort liegt in Fernsehstudios, auf Fußballplätzen und in den hoffnungsvollen Herzen der Italiener.

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Er ruft in einer Live-Talkshow an und beschimpft den Moderator, er hat Sex mit einer Minderjährigen und will von nichts gewusst haben, er hinterzieht Steuern und entgeht mehrfach durch Verzögerungstaktik einer Haftstrafe. Und als langjähriger Ministerpräsident ist er entscheidend mit schuld daran, dass die Krise Italien so hart getroffen hat. Dennoch gaben ihm am Sonntag und Montag fast 30 Prozent der Wähler ihre Stimme. Wie hat Silvio Berlusconi das geschafft?

Die Krise: Es klingt paradox, dass viele Italiener nun den Mann in der Regierung sehen wollen, unter dem das Land so weit über seine Verhältnisse lebte, dass es tief in die Schuldenkrise rutschte, und der das Problem dann auch noch konsequent ignorierte. Doch viele Italiener wollen lieber von Steuern und Abgaben entlastet werden, als unter der Haushaltsdisziplin Mario Montis zu leiden. Sie trauen es auch dem ehemaligen EU-Kommissar Monti nicht zu, der grassierenden Korruption Herr zu werden. Und wenn der Staat ohnehin nicht für Gerechtigkeit sorgen kann, dann will niemand der erste sein, dem etwas weggenommen wird. Berlusconi hat das verstanden und versprach im Wahlkampf Amnestien für Steuerhinterzieher und Rückzahlungen in Milliardenhöhe.

Die Europäische Union: Die Zumutungen, die durch die Krise entstehen, wurden nicht so sehr in Rom, sondern mehr in Brüssel formuliert. Wie auch in Griechenland und Spanien löst das Trotzreaktionen aus. Unabhängig davon, wie sinnvoll die Einschnitte erscheinen – wenn sie von außen vorgegeben werden, tun sie besonders weh. Berlusconi machte Wahlkampf mit seiner Unabhängigkeit von den EU-Institutionen und der mächtigen deutschen Bundeskanzlerin. Monti warf er dagegen vor, Befehle aus Berlin auszuführen.

Der linke Politiker Perluigi Bersani könnte neuer Regierungschef werden.
Der linke Politiker Perluigi Bersani könnte neuer Regierungschef werden.(Foto: REUTERS)

Die Kommunisten: Als weiterer Kandidat zog der linke Politiker Luigi Bersani in den Wahlkampf, er hat nun auch die größten Chancen, neuer Ministerpräsident zu werden. Er entstammt der Partei, die nach dem Krieg Italien zu einem kommunistischen Land machen wollte und damit auch viele Stimmen sammeln konnte. Gerade weil die Kommunisten während des Kalten Krieges extrem stark waren, bildete sich eine noch stärkere Front gegen sie. Der Hass auf Kommunisten hat Tradition. Während man Berlusconi den Flirt mit Faschisten verzeiht, war die kommunistische Vergangenheit Bersanis eine Last im Wahlkampf.

Die Sparpolitik von Mario Monti wurde abgewählt.
Die Sparpolitik von Mario Monti wurde abgewählt.(Foto: dpa)

Der Technokrat: Der noch regierende Ministerpräsident Monti ist in Europa hoch angesehen. Als Wettbewerbskommissar verdiente er sich den Respekt der Kollegen, doch nicht ohne Grund war er als Beamter nach Brüssel gegangen, statt in Rom politische Karriere zu machen. Erst in der Krise ließ er sich zu dem politischen Amt überreden. Der hoch intelligente Ökonom fühlt sich in der Wissenschaft wohl und ist vom Typ her eher Beamter als Politiker. Eine flammende Rede, mit der er seine Anhänger für einen leidenschaftlichen Wahlkampf motiviert, kann man von ihm nicht erwarten. Viele Italiener sehnten sich aber nach einem, der das Land mit einer starken Stimme führt und auf der europäischen Bühne Selbstbewusstsein zeigt. Zwar gilt Monti als hart in Verhandlungen, doch der politische Kompromiss, der im zerfaserten italienischen Parteiensystem überlebensnotwenig ist, gehört nicht zu seinem Repertoire.

Die Medien: Es ist nicht so, als würde in Italien nicht auch differenziert über Berlusconi berichtet. Aber man kann Zeitung lesen, ins Kino gehen und durch Fernsehprogramme zappen, ohne das Medienimperium des Moguls zu verlassen. Das sichert ihm wohlwollende Berichterstattung und Zeiten für Werbespots. Seine Sender berichten nicht mit Zurückhaltung und unabhängigen Redaktionen über ihren Chef. Stattdessen lassen sie sich voll in den Wahlkampf einspannen. Berlusconis Präsenz wird außerdem durch den Fußballverein AC Mailand unterstützt, der im Besitz des Politikers ist. Die Fanclubs sind im ganzen Land verteilt und trugen den Wahlkampf in den entlegensten Winkel Italiens. Seine Milliarden in den Wahlkampf zu investieren, war für Berlusconi gar nicht nötig.

Die Hoffnung: Die Politik Montis brachte in der kurzen Zeit keine spürbaren Verbesserungen für Italien. Erst einmal mussten Einschnitte gemacht werden. Um diese durchzusetzen erklärte Monti seinen Landsleuten, wie ernst die Lage ist und dass sie nur mit großen Anstrengungen überwunden werden kann. Berlusconi schaffte es dagegen, im Angesicht der Krise Optimismus zu verbreiten. Sein übersprudelndes Selbstbewusstsein spiegelt wieder, wie sich Italien aus Sicht der Wähler darstellen sollte. Die Italiener wollen gerne glauben, dass sie es schon irgendwie schaffen werden. Berlusconi hat sie darin bestärkt.

Quelle: n-tv.de

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