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Geboren in Bonn: Paul Schäfer wurde als Anführer der Sekte Colognia Dignidad bekannt.
Geboren in Bonn: Paul Schäfer wurde als Anführer der Sekte Colognia Dignidad bekannt.(Foto: AP)
Dienstag, 24. Mai 2016

"Die Botschaft in meinen Händen": Sektenchef Schäfer - der pädophile Despot

Von Roland Peters

Aus Deutschland flieht Paul Schäfer, weil er wegen Vergewaltigung Minderjähriger angezeigt wird. In Chile gründet er die Sektensiedlung Colonia Dignidad, wo er jahrzehntelang Gott spielt. Vor zehn Jahren wurde Schäfer verurteilt.

"Die Botschaft habe ich so in meinen Händen." Paul Schäfer ballt die Faust. Noch hält er die Fäden, fest und straff. Noch glauben die Bewohner der Colonia Dignidad ihrem Anführer. Es ist 1985, die Militärdiktatur in Chile besteht im zwölften Jahr. Doch etwas ist anders als in den Jahrzehnten seit 1961: Vier Menschen sind innerhalb kurzer Zeit aus seiner Sekte geflohen. Der derzeitige deutsche Botschafter, Hermann Holzheimer, hat ihr noch keinen Besuch abgestattet, obwohl er bereits seit 1983 im Amt ist. Es ist Schäfers Anfang vom Ende, das erst mit einem Gerichtsurteil vor genau zehn Jahren besiegelt wird.

Die deutsche Geheimakte Colonia Dignidad

n-tv.de hat die Möglichkeit bekommen, sich im Archiv des Auswärtigen Amtes in Berlin einen Ausschnitt umfangreicher Schriftstücke über die deutsch-chilenische "Kolonie Würde" anzusehen, die bis April 2016 unter Verschluss gehalten wurden. Alle Zitate mussten vom Ministerium autorisiert werden. Die Akten umfassen die Jahre 1986 bis 1996 und ergänzen auch das Bild davon, wie einflussreich Sektenchef Paul Schäfer war.

Hier lesen Sie eine weitere Veröffentlichung mit bislang geheim gehaltenen Informationen des Auswärtigen Amtes. Demnach fand in der Colonia Dignidad "systematische Entmenschlichung" statt.

Schäfer wird 1921 in Bonn geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg wird er für mehrere Kirchenorganisationen im Rheinland als Jugendbetreuer tätig. Lange bleibt er nirgendwo, zu irritierend ist sein Verhalten. Er bestellt Knaben zu Gesprächen zu sich nach Hause, um sie über sexuelle Vorlieben auszufragen. Bei einer Freizeit wird ein "sündiger" Junge mit Rutenhieben nackt durch ein Spalier getrieben, weil er genascht hatte. Ein anderer klagt über Heimweh und wird auf Schäfers Anweisung hin als Mädchen verkleidet in einen Kinderwagen gesteckt.

Im Jahr 1954 eröffnet Schäfer ein Heim in der Nähe seiner Geburtsstadt, 150 Kinder ziehen ein. Er lässt sich verehren, installiert Abhöranlagen, lässt Kinder systematisch züchtigen. Dann wird er 1961 wegen Vergewaltigung Minderjähriger angezeigt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt. Doch der Laienprediger, der die Menschen in seinen Bann zieht, hat bereits die Saat ausgeworfen für das, was er in Chile ernten wird: totale Kontrolle seiner Untergebenen, Einfluss bis in höchste politische Kreise und ein unerschöpfliches Reservoir kleiner Jungen für seine Pädophilie. Die Überideologie: Gottesdienst durch Arbeit.

Schäfer reist noch im selben Jahr mit allen Kindern nach Südamerika aus, mit einer Empfehlung des chilenischen Botschafters in Deutschland in der Tasche. Die Bundeswehr kauft ihm das Kinderheim im Rheinland für 900.000 Mark ab – ein gutes Startkapital für die Colonia Dignidad in Chile, finanziert aus deutschen Steuergeldern. Verteidigungsminister ist zu dieser Zeit Franz-Josef Strauß von der CSU. "Das war keine Nacht-und-Nebel-Aktion, das ist von längerer Hand vorbereitet worden", sagte ein ehemaliger Leiter des Jugendamtes Siegburg dem WDR: "Es wurden Genehmigungen eingeholt bei den Behörden und den Eltern."

Spritzen in die Hoden

Das Eingangstor der Colonia Dignidad im Jahr 1988.
Das Eingangstor der Colonia Dignidad im Jahr 1988.(Foto: picture-alliance / dpa)

Schäfer baut 350 Kilometer südlich von Santiago nahe der Ortschaft Parral ein nahezu perfektes System auf – die rund 300 Auswanderer erzählen ihm alles. Er teilt die Familien auf, trennt Männer und Frauen, Jungen und Mädchen. Wer ihm auf dem Landgut nicht hörig ist, wird als krank angesehen und behandelt: mit Elektroschocks und Psychopharmaka. Andere Medikamente werden permanent verabreicht, um die Menschen gefügig zu machen. Manche Opfer erzählen, sie seien jahrelang eingesperrt worden. Kinder, die mit einer Erektion erwischt werden, erhalten Spritzen in ihre Hoden.

Schäfer etabliert einen Führungszirkel um sich. Die menschlichen Marionetten sollen helfen, seine Lust nach Kindern und Macht zu befriedigen. Auch außerhalb der hermetisch abgeriegelten Anlage arrangiert sich Schäfer mit allen. So sichert er sich über verschiedene Vertraute Einfluss bei den chilenischen Behörden und der Polizei, bei den Militärs unter General Augusto Pinochet, die sich 1973 an die Macht putschen, und in Deutschland.

Die Colonia Dignidad ist als gemeinnützig anerkannt, weil sie Einheimische gratis in einem Krankenhaus behandelt, eine Schule betreibt und in den 1980er-Jahren sogar einen Vergnügungspark. Wegen ihres Status' kann Schäfer Waffen aus Deutschland für das Militärregime importieren. Botschafter Erich Strätling bekommt 1976 ein Schauspiel geboten, für das die Insassen wochenlang geübt hatten, sagt Lotti Packmor aus, eine der vier Personen, die 1985 aus der Kolonie fliehen können. Strätling berichtet an Außenminister Hans-Dietrich Genscher: alles in Ordnung. Spätestens seither ist die Auslandsvertretung der Bundesregierung ein Partner der unterjochten Kolonisten. Jeden Montag wird die Botschaft mit Produkten des deutschen Landguts versorgt.

Paul Schäfer ist ein Despot. Sein Tausende Hektar großes Reich ist mit Natodraht umzäunt, mit Bewegungsmeldern, Mikrofonen und Kameras nach innen und außen abgesichert. Das Gelände verfügt über weitreichende Tunnelanlagen, wo Pinochets Folterknechte gegen unliebsame Oppositionelle vorgehen. Als Holzheimers Nachfolger Horst Kullak-Ublick und Konsul Dieter Haller bei einem Besuch Schäfer unangenehm nahe kommen, um festzustellen, was an den Zeugenaussagen der Geflohenen dran ist, kann der seine autoritär-barsche Art nicht verbergen. "Wie im KZ", urteilt einer der deutschen Diplomaten.

Verbindungen nach Deutschland

Das Psycho-Profil des Sektenführers

Die ehemaligen Verschlusssachen des Auswärtigen Amtes (AA) enthalten auch eine psychologische Einschätzung über den pädophilen Sektenführer Paul Schäfer. Sie wurde von der Kommission des AA erstellt, die Ende 1987 nach Chile gereist war:

  • Pathologisches Persönlichkeitsprofil, vermutlich wegen mehrerer traumatischer Erlebnisse
  • Fanatisches Sendungsbewusstsein, gewalttätiger Realisationszwang, tiefgreifende Lebensängste
  • Mangelnder Realitätssinn durch Wahrnehmungsabwehr und –verleugnung, wodurch er nicht persönliche Motive und Neigungen ausleben konnte.
  • Jungen, mit denen er das Bett teilt, heißen "Sprinter", und "dieses sexuell abartige Gesamtsystem kann nur unter dem Deckmantel einer moralisch scheinbar wertvollen Überideologie wirksam erfolgen", urteilen die Psychologen.
  • Es gebe eine sehr starke sadistische Komponente, eine Mischung aus Predigt und Gewalt, Einschüchterung und Strafe.
  • Widerstand gegen Schäfer wird pathologisch gesehen und muss behandelt werden.

Der nun veröffentlichte und zu Protokoll gegebene Ausblick ist beängstigend: "Obwohl [Schäfers] Angst ihm signalisiert, dass er bereits verspielt hat, nimmt er seine Niederlage nicht an. Seine Wahnhaftigkeit führt ihn an die Schwelle zu einem Krieg, von dem er zwar sagt, er werde ihn führen, um zu siegen oder unterzugehen. Damit ist die Alternative aber bereits auch für ihn klar. Die Frage ist nur, wie viele Menschen er mitnehmen will in einen Untergang und wer das zulässt."

Schäfer verließ erst im Jahr 1997 dauerhaft die Colonia Dignidad, checkte zunächst in einem Hotel im argentinischen Bariloche unter eigenem Namen ein, konnte aber fliehen und untertauchen. Im Jahr 2005 wurde er in Argentinien verhaftet und an Chile ausgeliefert. Er starb 2010 in einem Gefängnis in Santiago.

Seine Siedler hält Schäfer in Unwissenheit. Aus Angst vor einer vermeintlich drohenden kommunistischen Invasion gingen sie mit ihm nach Chile, dort lässt er sich Ewiger Onkel ("tio permanente") oder Pius nennen. Zugang zu Medien gibt es nicht – keine Zeitung, kein Radio, kein Fernsehen. Einer aus der Führungsriege hält jeden Sonntagmittag einen politischen Vortrag. Pinochet kommt zu Besuch, sein Geheimdienstchef Manuel Contreras ist regelmäßig bei der Sekte zu Gast.

Schäfer hat auch Verbindungen in die deutsche Politik, zu mehreren Bundestagsabgeordneten und auch zu Franz Josef Strauß, der die Kolonie besucht und dort als eine Art Schirmherr verstanden wird. Ein bislang unter Verschluss gehaltener Bericht der Botschaft ans Auswärtige Amt zeigt, wie die Colonia Dignidad die Beteiligten gegeneinander ausspielt: Einem chilenischen Untersuchungsrichter erzählt die Führungsriege, die Berichte über Zwangsarbeit und Misshandlungen seien Teil einer deutschen innenpolitischen Intrige, um Strauß zu diffamieren. Schäfers "Außenminister" und Sektenarzt Hartmut Hopp sagt, der CSU-Politiker sei "ein Mann der Wahrheit und der Tapferkeit", er sei eben wie Pinochet. Der Diktator selbst schwärmt von den Deutschen vor 1945. Ihr einziger Fehler sei gewesen, dass Hitler den Krieg verloren habe, sagt er dem damaligen Arbeitsminister Norbert Blüm von der CDU im Jahr 1987 ins Gesicht.

Hinter Stahltüren verschanzt

Die Diktatur in Chile endet 1990 offiziell durch eine Wahl. Ein Umsturz findet nicht statt, die Militärs und die konservativen Kräfte bleiben einflussreich. Der neue Präsident Patricio Aylwin entzieht der Colonia Dignidad zwar durch präsidentiellen Dekret im Jahr 1991 den Status der Gemeinnützigkeit, doch Schäfer hat die Vermögenswerte längst auf eine Vielzahl von Aktiengesellschaften übertragen lassen, die alle in der Hand der Kolonie sind. Er selbst taucht nie auf; es gibt keine Papiere und keine Unterschriften, nur ergebene Gefolgsleute und Terror.

Nun fängt auch die chilenische Öffentlichkeit an, ihr Bild von den fleißigen Deutschen und Schäfer zu ändern. Ende 1995 stellt der Despot einen Antrag auf einen deutschen Pass – wegen angeblich nötiger medizinischer Spezialbehandlung in Deutschland. Er wird abgelehnt. Am 14. August 1996 ergeht in Chile Haftbefehl gegen Schäfer wegen Kindesmissbrauchs eines chilenischen 12-Jährigen. Zuvor waren schon einige Mitglieder seines Führungszirkels verhaftet worden. Die Vermögenswerte werden zum großen Teil ins Ausland transferiert, es sollen mindestens drei Millionen Euro sein.

Als die Polizei im November mit 60 Personen in das Gelände eindringt, verschanzt Schäfer sich und gibt per Mobiltelefon Anweisungen an Hopp. Eine Gruppe jugendlicher Schläger geht auf die Polizisten los und will ihnen die Waffen entreißen. Die Sicherheitskräfte brechen die Aktion ab. "Für ein Vordringen bis zum 'Allerheiligsten', einem mit Stahltüren gesicherten Bereich, hätte es des – erst als Stufe zwei geplanten – erheblich massiveren Einsatzes bedurft", schreibt die deutsche Botschaft am 1. Dezember per Depesche ans Auswärtige Amt.

Dass es überhaupt so weit kommen kann, gleicht einer kleinen Sensation: "In etwa 30 vergleichbaren Fällen von Unzucht mit Minderjährigen war es nach Angaben der chilenischen Polizei der Colonia Dignidad durch Beeinflussung der örtlichen Behörden und Druck auf Zeugen gelungen, die Ermittlungen frühzeitig zu behindern", berichten die deutschen Diplomaten nach Bonn. Diese Zeiten sind vorbei, die Jagd auf den Sektenchef ist ausgerufen.

"Er hatte ein riesiges Schutznetzwerk"

  Ein Pinochet-treuer Senator sagt zwar nach dem Einsatz abfällig, die Polizei solle sich lieber um die Sicherheit im Land kümmern. Doch selbst die Tageszeitung "El Mercurio", ein Haus-und-Hof-Blatt des Militärs, schreibt offen von der Schändung Minderjähriger bei den Deutschen. Ein Polizeisprecher stellt fest: "Die Maßnahmen werden weitergehen, bis der Anführer gefunden, festgenommen und dem Gericht überstellt worden ist."

Die chilenischen Behörden lassen die Botschaft wissen, dass chilenische Spezialeinheiten bald zugreifen. Schäfers Anwälte werfen hin. Die deutsche Vertretung in Santiago urteilt: "Es ist unbestreitbar, dass … nunmehr auch der innere Kordon an Verteidigungskräften bröckelt." Schäfers "legales Schutzschild" schrumpfe gegen null. Doch der Einsatz verzögert sich um Monate. Die deutsche Vertretung und das Bundeskriminalamt fürchten eine erfolglose Operation und versagen den südamerikanischen Sicherheitskräften angefragtes technisches Gerät, um die unterirdischen Tunnelanlagen aufspüren zu können.

Die Chilenen zaudern zu lange - Schäfer entkommt. Bis heute ist nicht bekannt, wie. Jahrelang passiert kaum etwas. Dann machen sich Opfer-Anwalt Hernán Fernandez und die chilenische Journalistin Carola Fuentes daran, den Sektenchef zu finden und das Katz-und-Maus-Spiel zu beenden. Die chilenischen Sicherheitsbehörden informieren sie während ihrer Recherche bewusst nicht. Sie fürchten verdeckte Informanten und Helfer Schäfers. "Zehn Jahre lang hatten sie zugelassen, dass er sich verstecken konnte, 40 Jahre lang hatten sie seine Verbrechen zugelassen", schreibt Fuentes danach zur Erklärung: "Er hatte ein riesiges Schutznetzwerk."

Die Journalistin und der Anwalt finden Schäfer im März 2005 samt mehrköpfiger Leibwache in Chivilcoy, etwa 150 Kilometer südwestlich von Buenos Aires. Dann melden sie sich bei der argentinischen Polizei, die Schäfer festnimmt und nach Chile ausliefert. Dort wird er am 24. Mai 2006 zu 20 Jahren Haft für Kindesmissbrauch in 25 Fällen verurteilt. Von seiner späten Strafe muss er nicht mehr viel absitzen. Vier Jahre später stirbt Paul Schäfer in einem Gefängnis in Santiago.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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