Politik
Serap Güler ist Abgeordnete im Landtag von NRW und integrationspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. In Hannover wurde sie mit 74,46 Prozent der Delegiertenstimmen in den Bundesvorstand der CDU gewählt.
Serap Güler ist Abgeordnete im Landtag von NRW und integrationspolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. In Hannover wurde sie mit 74,46 Prozent der Delegiertenstimmen in den Bundesvorstand der CDU gewählt.

Als neue Deutsche in der CDU: Serap Güler fühlt sich nicht als Alibi

Bei ihrem Parteitag in Hannover verdoppelt die CDU den Anteil von Migranten in ihrem Vorstand von zwei auf vier. Eine davon ist Serap Güler. Sie ist erst seit zwei Jahren deutsche Staatsbürgerin, und sitzt seit Mai dieses Jahres im Landtag von NRW. In der CDU fühlt sich die Muslimin "mehr als richtig aufgehoben", sagt sie im Interview mit n-tv.de. Nur die Unterschriftenkampagne eines gewissen Roland Koch vor 14 Jahren hält sie heute noch für einen Fehler.

n-tv.de: Glückwunsch, Sie sind gerade in den CDU-Bundesvorstand gewählt worden. Wie attraktiv ist die CDU derzeit für Menschen mit Migrationshintergrund?

Serap Güler: Das ist keine Frage, die man so einfach beantworten kann. Menschen mit Zuwanderungsgeschichte, die sich die Parteilandschaft anschauen, müssten eigentlich rasch feststellen, dass die CDU sehr interessant für sie ist. Gerade, weil die CDU auch Menschen mit Zuwanderungsgeschichte in den vorderen Reihen der Partei sitzen hat. Emine Demirbüken-Wagener, die seit acht Jahren im Bundesvorstand saß und jetzt im Präsidium ist, ist nur eines von vielen Beispielen. Die CDU sollte gerade für Muslime, die ja sehr wertkonservativ sind, interessant sein. Die CDU hat allerdings über Jahrzehnte einen großen Fehler gemacht: Unsere Kommunikation mit diesen Menschen war, nun ja, nicht immer gelungen. Die CDU wirkt damit auf viele vielleicht unattraktiver als sie wirklich ist.

Ist das heute besser?

Ich denke, dass wir in den letzten Jahren Fortschritte gemacht haben. Aber ich gebe zu, da ist noch eine Menge Luft nach oben.

War das wirklich nur ein Kommunikationsproblem?

Überwiegend schon. Nehmen Sie den Straßenwahlkampf von Roland Koch 1998/99: An die Unterschriftensammlung gegen die doppelte Staatsbürgerschaft kann sich jeder erinnern, das ist brutal hängengeblieben. Aber dass Mehrstaatlichkeit unter Bundeskanzler Helmut Kohl 16 Jahre lang kein Problem war, das weiß kaum jemand.

Wie alt waren Sie Anfang 1999?

Ich war 19.

Was haben Sie damals gedacht? Waren Sie da schon in der CDU oder in der Jungen Union?

Nein. Ich war damals, ehrlich gesagt, politisch nicht sehr interessiert. Bei uns zuhause hat Politik keine Rolle gespielt. 1999 habe ich mein Abi gemacht, da ist man mit anderen Dingen beschäftigt, als sich für die doppelte Staatsbürgerschaft zu interessieren – zumindest bei mir war es so. Aber wenn ich mir diesen Wahlkampf heute anschaue, dann muss ich sagen: Das ist kommunikativ ziemlich in die Hose gegangen.

Naja, Roland Koch wurde hessischer Ministerpräsident. Insofern war seine Unterschriftensammlung doch erfolgreich.

Ja, der Wahlkampf war erfolgreich, aber ich würde sagen, dass es ein kurzsichtiger Erfolg war. Das ist jetzt 14 Jahre her, und trotzdem wird mir heute noch vorgeworfen, die "Roland-Koch-Partei" zu vertreten. Aus integrationspolitischer Sicht war dieser Wahlkampf kein Erfolg.

Sind Sie als deutsche Staatsbürgerin zur Welt gekommen?

Nein. Ich bin 1980 geboren. Mein Vater war "Gastarbeiter", meine Mutter ist erst 1978 nach Deutschland gekommen. Ich bin als türkische Staatsbürgerin in Deutschland zur Welt gekommen.

Wann sind Sie Deutsche geworden?

2010.

Mussten Sie die türkische Staatsbürgerschaft vorher ablegen?

Ja.

Ist Ihnen das schwer gefallen?

Ach, schwergefallen? Mir persönlich wahrscheinlich weniger als anderen, weil ich mich einfach schon immer als Deutsche identifiziert habe. Aber ich kann nachvollziehen, sehr, sehr gut sogar, dass es Menschen gibt, die ihre ursprüngliche Staatsbürgerschaft behalten wollen. Ich hätte die deutsche Staatsbürgerschaft auch eher annehmen können. Aber es ist schon ein Konflikt, wenn man die alte Staatsbürgerschaft ablegen muss. Das hat nichts damit zu tun, dass man sich nur halbherzig zu Deutschland bekennen würde! Auch viele Menschen, die sich nicht einbürgern lassen, identifizieren sich mit Deutschland. Man entwickelt nur irgendwann eine gewisse Trotzreaktion.

Sie würden die Möglichkeit einer doppelten Staatsbürgerschaft begrüßen?

In der Familienpolitik wollen wir doch auch das Sowohl-Als-Auch, nicht das Entweder-Oder. Aber bei diesem speziellen Thema heißt es immer noch: Du musst dich entscheiden. Das ist einfach nicht zeitgemäß. Das war wohl auch ein Grund, warum ich die deutsche Staatsbürgerschaft so spät angenommen habe. Mir hat damals nicht das Herz geblutet. Aber wenn ich die türkische Staatsbürgerschaft hätte behalten dürfen, hätte ich dieses Angebot nicht ausgeschlagen.

Hätte es nicht die Möglichkeit gegeben, die türkische Staatsbürgerschaft mit einem Trick zu behalten?

Es geht nicht nur um die türkische Staatsbürgerschaft. Bei 52 Prozent der Einbürgerungen wird die Mehrstaatlichkeit akzeptiert. Weil es viele Staaten gibt, die gar nicht ausbürgern – zum Beispiel Afghanistan, Eritrea, Syrien. Und wenn ein türkischer Staatsbürger nachweisen kann, dass ihm durch das Ablegen der türkischen Staatsbürgerschaft finanzielle Einbußen drohen, dann kann er beantragen, dass auch bei ihm die Mehrstaatlichkeit hingenommen wird. Das kann Rentenzahlungen betreffen, Erbfälle und dergleichen. In Niedersachsen stellen wir einen Ministerpräsidenten, der die doppelte Staatsbürgerschaft hat. Ihm wird nie ein Loyalitätskonflikt unterstellt – zu Recht! Das sollte für andere auch gelten.

Haben Ihre Eltern die deutsche Staatsbürgerschaft?

Nein, meine Eltern sind weiterhin türkische Staatsbürger. Sie fühlen sich Deutschland sehr verbunden, aber sie sind Türken. Sie würden sich auch nicht anders definieren. Auch das macht die Einbürgerung für die zweite Generation schwierig. Es wäre übertrieben, zu sagen, man stellt sich gegen seine Eltern, wenn man die alte Staatsbürgerschaft ablegt. Aber ein bisschen tut es doch weh. Vielleicht kann man das nicht nachvollempfinden, wenn man selbst nicht davon betroffen ist.

Haben Sie Schwierigkeiten damit, dass Ihre Partei sich "christlich" nennt?

Nein, überhaupt nicht. Dafür gibt es eine ganz pragmatische Erklärung und eine persönlich-politische. Die pragmatische Erklärung: Es kann nicht sein, dass wir als Menschen mit Zuwanderungsgeschichte oder als Menschen muslimischen Glaubens hier versuchen, unsere eigenen Strukturen zu schaffen. Wir müssen uns in die Strukturen, die es gibt, eingliedern. Wenn wir hier als ein Teil der Gesamtgesellschaft wahrgenommen werden wollen, dann müssen wir in der Lage sein, überall reinzugehen. Was die persönliche Ebene angeht: Ich bin ein gläubiger Mensch, ich bin Muslimin, und ich sehe viele Gemeinsamkeiten zwischen Christentum und Islam: Beides sind abrahamitische Religionen, in beiden glauben wir an einen Gott. Mir ist es wichtig, dass man überhaupt glaubt, anstatt in einer Partei zu sein, die mit Gott nichts anfangen kann. Deshalb fühle ich mich mehr als richtig bei der CDU aufgehoben.

Als Bundespräsident Christian Wulff am 3. Oktober 2010 sagte, der Islam gehöre zu Deutschland, gab es Widerspruch aus Ihrer Partei. Wie haben Sie das empfunden?

Derjenige, der diesen Satz als Bundesminister zum allerersten Mal gesagt hat, war Wolfgang Schäuble, damals in seiner Funktion als Bundesinnenminister. Ja, nach der Wulff-Rede gab es Diskussionen, aber das ist so in einer Volkspartei. Ich kann damit gut leben.

Wie fanden Sie es, als Angela Merkel sagte, Multikulti sei "absolut gescheitert"?

Dieses Zitat wird immer komplett aus dem Zusammenhang gerissen. Ich kenne den Zusammenhang, in dem Angela Merkel das gesagt hat. Mit dem Modell Multikulti meinte sie eine Integrationspolitik, die Realitäten ausblendet und schönredet. Dieses Modell ist in der Tat gescheitert. Und deshalb muss der Satz im Zusammenhang betrachtet werden und nicht anders.

Aber das weiß Frau Merkel doch vorher.

Trotzdem ist es unfair, Angela Merkel auf diesen Satz zu reduzieren. Sie mag gesagt haben, dass Multikulti gescheitert ist. Sie war aber auch die Frau, die den Integrationsgipfel initiiert hat. Die die "Ausländerbeauftragte" zur Integrationsbeauftragten gemacht hat und sie ins Kanzleramt geholt hat. Das darf man nicht vergessen.

Sie sind jung, Sie sind eine Frau, Sie haben Migrationshintergrund, Sie sind Muslimin – haben Sie keine Angst, gleich in mehrfacher Hinsicht als Feigenblatt benutzt zu werden?

Nö. Ich denke, ich habe mehrere Vorteile. Ich fühle mich nicht als Alibi.

Quelle: n-tv.de

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