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Mehr Anzeigen wegen Belästigung: Sexismus-Debatte ermutigt Frauen

Mit anzüglichen Anspielungen belästigt der FDP-Fraktionschef Brüderle eine junge Journalistin. Der Fall löst eine Debatte über den alltäglichen Sexismus aus. Während sich Brüderle ausschweigt, ergreifen Frauen das Wort.

Angesichts der Sexismus-Debatte um FDP-Fraktionschef Rainer Brüderle verzeichnet die Antidiskriminierungsstelle des Bundes nach eigenen Angaben ein deutliches Plus bei den Meldungen derartiger Vorfälle. Die Zahl betroffener Frauen, die sich an die Stelle wenden, sei seit der Veröffentlichung des Presseberichts über Brüderle spürbar gestiegen, sagte der Sprecher der Einrichtung, Sebastian Bickerich.

Rainer Brüderle traf immer wieder auf die Journalistin Heidenreich.
Rainer Brüderle traf immer wieder auf die Journalistin Heidenreich.(Foto: dpa)

Seinen Angaben zufolge hatte sich bislang insgesamt nur eine "niedrig dreistellige Zahl" von Frauen an die Antidiskriminierungsstelle gewandt, die 2006 gebildet worden war.

"Offensichtlich fühlen sich mehr Frauen ermutigt, über Erfahrungen mit sexueller Belästigung zu sprechen", sagte die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle, Christine Lüders, der Berliner Tageszeitung "Welt" mit Blick auf die aktuelle Entwicklung. "Das zeigt, dass es sehr wichtig ist, Themen wie Diskriminierungen am Arbeitsplatz breit zu diskutieren."

Lüders sprach von einer sehr hohen "Dunkelziffer". Im Job trauten sich viele Frauen nicht, gegen ihre eigenen Kollegen oder Kunden vorzugehen. "Dafür spricht auch, dass kaum Fälle vor Gericht landen." Lüders empfahl Betroffenen, Gedächtnisprotokoll zu führen und sich mit Kolleginnen zusammenzuschließen. Außerdem sollten sie sich Hilfe holen. Die Frauen könnten sich an den Arbeitgeber wenden, "der die Pflicht hat, die betroffenen Beschäftigten vor sexueller Belästigung zu schützen". Wenn das nicht helfe, könnten sich die Frauen an eine Einrichtung wie die Antidiskriminierungsstelle des Bundes wenden.

"Sie könnten ein Dirndl auch ausfüllen"

Laura Himmelreich, eine Journalistin des Magazins "Stern", hatte in der vergangenen Woche in einem Artikel berichtet, dass der FDP-Politiker Brüderle ihr am Rande des Dreikönigstreffens vor einem Jahr mit anzüglichen Bemerkungen zu nahe gekommen sei. So soll er ihr in der Hotelbar neben dem Ballsaal zu später Stunde und nach einigen Gläsern Wein auf den Busen geschaut und gesagt haben: "Sie könnten ein Dirndl auch ausfüllen." Er habe zudem versucht, sie zu küssen.

Trotz großen öffentlichen Drucks will sich der Fraktionsvorsitzende und Spitzenkandidat der FDP zu den Vorwürfen nicht äußern. "Rainer Brüderle hat beschlossen, dass er die Sache nicht kommentiert, und wir unterstützen ihn darin", sagte der Generalsekretär der Liberalen, Patrick Döring. Wie etliche andere Parteimitglieder stellte Döring sich demonstrativ hinter Brüderle. Er kritisierte, der Bericht habe wohl das Ziel gehabt, eine einzelne Person zu beschädigen. Es sei unfair, von einem honorigen Menschen wie Brüderle, der seit Jahrzehnten in der Politik diene, ein "Zerrbild in der Öffentlichkeit" zu zeichnen, das ihm und seinem Umgang mit anderen Menschen nicht gerecht werde.

"Man darf nicht verkrampfen"

Die Fraktionschefin der Hamburger FDP, Katja Suding, sagte der Zeitung "Die Welt", sie könne in den Schilderungen Himmelreichs keine Grenzüberschreitung erkennen. Brüderle werde kein Übergriff vorgeworfen. Professionalität sei immer wichtig, aber man dürfe auch nicht verkrampfen. "Nach Mitternacht an der Bar kann der Umgang auch mal lockerer sein - und zwar von beiden Seiten."

"Stern"-Chefredakteur Thomas Osterkorn sagte dagegen in der ARD, Himmelreich habe Brüderle im Laufe eines Jahres immer wieder begleitet, beobachtet und mit ihm gesprochen. Dabei habe er bei jeder Begegnung ähnliche Bemerkungen gemacht und sich gegenüber Frauen mit Anzüglichkeiten hervorgetan. Dies habe bei ihr zu einem Bild geführt, "dass dieser Mann wirklich ein Problem in der Art des Umgangs mit Frauen hat".

Quelle: n-tv.de

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