Politik
(Foto: imago/Gerhard Leber)

Pressestimmen zum Schulz-Hype: "Sie wollen endlich wieder jemanden lieben"

Mister 100 Prozent Martin Schulz geht mit einer Bürde in den Wahlkampf. Kann er zum guten Bauchgefühl auch Inhalte nachlegen? Und trägt die geradezu irreale Begeisterung der Basis bis zum Wahltag? Auch die Presse beschäftigt sich damit.

Das hat es in der Geschichte der Sozialdemokratie noch nicht gegeben: Mit 100 Prozent wählen die SPD-Delegierten auf ihrem Parteitag Martin Schulz zu ihrem neuen Vorsitzenden. "Fast peinlich" nennt das die Schwäbische Zeitung, die Neue Osnabrücker Zeitung spricht von einem "überwältigenden Vertrauensvorschuss" und gleichzeitig einer "großen Bürde".

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Der Standard nimmt aus Wien eine Außenansicht ein und wundert sich erst einmal ausführlich: "Kaum einer kann sich erklären, was diesen Schulz-Hype ausmacht. Ja, die Zeit in der großen Koalition neben und unter der deutschen Kanzlerin Angela Merkel war für die SPD nicht einfach. (...) Und dann kommt Schulz, redet von 'Gerechtigkeit', tut so, als habe er mit den Sozialreformen von Gerhard Schröder absolut nichts zu tun, hält nicht einmal eine großartige, sondern nur eine artige Antrittsrede - und die Delegierten flippen vollends aus."

Schulz als Kanzlerkandidat macht einen Wahlsieg der SPD überhaupt wieder denkbar, darin sind sich die meisten deutschen Zeitungen einig. Der Münchner Merkur erklärt es so: "Die Sozialdemokraten lieben Schulz auch deshalb, weil sie endlich wieder jemanden lieben wollen. Der Kandidat macht es ihnen leicht. Jeder darf in ihm sehen, was er sehen will."

Schulz muss nun ein Programm liefern

Doch die eigentliche Herausforderung kommt noch, kommentiert die Schwäbische Zeitung weiter. "Erfahrungsgemäß ändert sich der Zuspruch, wenn die Mühen der Ebene anfangen. Wenn der Vorsitzende für ein konkretes Programm einsteht, wenn er zwischen den Flügeln entscheiden muss. Wenn er auszuführen hat, wohin die deutsche Sozialdemokratie gehen will und vor allem mit wem."

Keine Sorge hat da das Straubinger Tagblatt/Landshuter Zeitung: Schulz ist Profi genug, um zu wissen, dass er sich auf die Begeisterung um seine Person nicht bis zum Wahltermin verlassen kann. Er muss inhaltlich nachlegen. Wenn er sein bisher diffuses Versprechen, das Leben der sogenannten kleinen Leute zu verbessern, in tragfähige politische Konzepte ummünzen kann, wird Deutschland am 24. September ein echtes Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Martin Schulz und Angela Merkel um das Kanzleramt erleben."

Befreiung aus der GroKo

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Die Begeisterung für Schulz ist ein Paradoxon, ist die SPD doch immer noch dieselbe wie unter ihrem Vorsitzenden Sigmar Gabriel. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung versucht eine Erklärung: Schulz wurde "mit hundert Prozent Zustimmung die Angriffslust gedankt (...), mit der er Angela Merkel, angeblich unschlagbar, als Kanzlerin auf Abruf hinstellt. (...) Gefangen im Merkel-Kabinett konnte die SPD mit Sigmar Gabriel (...) nicht erkennen lassen, dass sie es anders und besser als Angela Merkel machen würde. (...) Jetzt gibt es mit Schulz aber eine zweite SPD."

Und die darf es nicht vergeigen, merkt die Leipziger Volkszeitung an. "Die SPD hat die Chance, mit dem Aufsteiger-Typen aus der Provinz an altes SPD-Denken wieder anzuknüpfen und sich neu als echte Alternative für Deutschland anzubieten. Sollte sie sich auch diese Option auf eine Alternative wieder selbst demolieren wie schon so oft, dann wäre sie nicht nur selbst schuld. Sie zerstörte damit auch die Chance zur seriösen Re-Politisierung und die Hoffnung auf etwas Halt in einer von der Globalisierung erschöpften Welt."

Eine neuerliche Große Koalition wäre aus Sicht des Trierischen Volksfreund das sichere Ende der Schulz-Begeisterung. "Freilich steigt nun die Fallhöhe enorm. Was, wenn auch Schulz nur eine Große Koalition erreicht? Schon verlangt die Parteilinke von ihm, diese auszuschließen."

"Teflon Martin? Das wäre schade"

Schulz gegen Merkel oder doch Schulz mit Merkel? Im Vergleich zu Merkel kann Martin Schulz besser Gefühle ansprechen, findet der Tagesspiegel: "Ganz anders als die, die das Amt verteidigen soll. Angela Merkel, die Amtsinhaberin, erscheint neben ihm wie eine Kanzlermaschine, ein Merkelomat." Aber reicht das? Die Süddeutsche Zeitung dagegen meint, dass die Unterschiede zwischen den beiden Politikern nur oberflächlich seien und urteilt: "Schulz ist Merkel minus Raute plus Furor."

Die Mitteldeutsche Zeitung aus Halle findet sogar, dass Schulz sich bereits jetzt ähnlich verhält wie Merkel, weil er keine inhaltlichen Aussagen mache. "Kommt nach Teflon Merkel (die in der Flüchtlingskrise von der CSU schwer beschädigt wurde) nun Teflon Martin? Das wäre schade."

Zusammengestellt von Nora Schareika

Quelle: n-tv.de

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