Politik
Video

Interview mit Guido Steinberg: "Situation auch für Deutschland gefährlich"

Die belgische Hauptstadt Brüssel wird von Anschlägen mit mehreren Todesopfern erschüttert. Der Terrorismusexperte Guido Steinberg spricht im Interview über das Anschlagsziel Brüssel, die Anziehungskraft des Islamismus und Sicherheitslücken in den EU-Staaten.

n-tv: Herr Steinberg, warum ist Brüssel immer mehr anfällig für Terrorismus?

Guido Steinberg
Guido Steinberg(Foto: imago/Müller-Stauffenberg)

Guido Steinberg: Der wichtigste Grund ist, dass es in Belgien so viele junge Leute gibt, die in den letzten Jahren nach Syrien gezogen sind. Die meisten dieser belgischen Rekruten haben sich in den Jahren 2013 bis 2015 dem sogenannten Islamischen Staat angeschlossen. Und dieser IS hat sich nun entschieden, in Europa zuzuschlagen. Und da er über so viele belgische und auch französische Rekruten verfügt, ist Brüssel neben Paris einer der Schwerpunkte dieser Attentatswelle in den vergangenen Monaten.

Diese Männer und Frauen sind doch zum großen Teil in unseren westlichen Gesellschaften aufgewachsen. Warum hassen diese Menschen unsere Werte so sehr?

Wir müssen uns klarmachen, dass islamistische Ideologie das bindende Element ist zwischen allen diesen jungen Leuten. Und es sind zwei Motive, die sie dazu gebracht haben, Richtung Syrien zu gehen. Das war zunächst der Wunsch, den bedrängten sunnitischen Muslimen dort unten zu Hilfe zu kommen, ein Element der Solidarität. Und seit der IS 2013 in Syrien aufgetaucht ist, war auch dieses Leben in einem islamistischen Idealstaat, das der IS ja bis heute anbietet, ein wichtiges Motiv. Zu dieser Ideologie gehört es nun einmal dazu, alle Feinde des Islam zu hassen und zu bekämpfen. Für die jungen Leute aus Europa bedeutet das eben nicht nur, das Regime von Baschar al-Assad in Syrien zu bekämpfen, sondern auch die eigenen Regierungen in der Heimat - in Belgien, in Frankreich oder auch in anderen Ländern.

Die Anti-Terror-Maßnahmen in Belgien laufen auf Hochtouren. Ist das eigentlich genau das, was sich der IS wünscht?

Video

Nein, ich denke, dass der IS sich vor allem Gegenmaßnahmen wünscht, die er dann als Überreaktion verkaufen kann. Als Beleg dafür, dass der Westen hier tatsächlich einen Krieg gegen den Islam und die Muslime führt und nicht nur gegen eine Terrororganisation. Die belgischen Behörden haben bisher ganz gut reagiert. Sie haben keine wirklich großen Überreaktionen gezeigt. Auch die wirklich massive Einschränkung von bürgerlichen Freiheiten, die wir aus Frankreich beispielsweise kennen oder früher auch aus den USA, teilweise auch aus Großbritannien, hat es in Belgien nicht gegeben. Was eher Sorgen machen muss, ist, dass die Zahl der potenziellen Täter so hoch ist. Die Dschihadisten-Szene ist im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung größer als in jedem anderen europäischen Land. Und Sorgen machen muss uns auch, dass die Sicherheitsbehörden damit offensichtlich überfordert sind. Insgesamt aber hat die Politik in Belgien nicht falsch reagiert.

Ist Deutschland weniger anfällig für Terrorismus?

Ich denke, dass die Situation in Brüssel auch für Deutschland gefährlich ist. Brüssel ist nicht so weit weg von der deutschen Grenze. Außerdem haben die Dschihadisten, mit denen wir es da zu tun haben, grenzüberschreitende Bindungen, vor allem zu Nordafrikanern, die auch in Deutschland leben. Wir wissen das von dem gerade erst gefassten Logistiker der Pariser Zelle, Salah Abdeslam. Er hat sich mehrfach in Deutschland aufgehalten, ist mehrfach durch Deutschland gefahren, um beispielsweise Leute in Budapest abzuholen. Das zeigt, dass wir es hier doch mit einem grenzüberschreitenden Netzwerk zu tun haben. Deswegen sind unsere Sicherheitsbehörden zu Recht sehr wachsam. Allerdings ist mein Eindruck, dass zumindest unsere Polizei sehr viel besser aufgestellt ist als die belgische. Die Zahl der Dschihadisten ist in Deutschland im Verhältnis zur Gesamtbevölkerung und damit auch im Verhältnis zu den eingesetzten Sicherheitskräften nicht so hoch.

Was können europäische Politiker tun, um eine Entwicklung zu stoppen, dass junge Muslime in diese Terrorbewegungen abdriften?

Wir müssen uns damit abfinden, dass diese Ideologie stark ist. Es gibt eine große Debatte darüber, wo die Ursachen zu finden sind. Die weltgeschichtliche Entwicklung führt dazu, dass sich junge Europäer salafistischen oder dschihadistischen Gruppierungen anschließen. An der Attraktivität dieser Ideologie können wir nur wenig ändern. Wir können feststellen, dass es besonders Jugendliche in den Problemvierteln der großen Städte sind, die anfällig sind - nicht nur in Belgien, sondern auch in Frankreich und Deutschland. Darüber müssen wir uns Gedanken machen. Zunächst einmal geht es darum, die Sicherheitsbehörden so aufzustellen, dass sie mit diesem Problem klarkommen. Dazu gehört natürlich auch die Koordination unter den verschiedenen europäischen Behörden. Die ist sehr viel schlechter, als ich mir das vorgestellt habe. Vor allem in kleineren Ländern wie Belgien, Österreich und Dänemark geht es darum, die Sicherheitsbehörden effektiver aufzustellen. Da gibt es ganz große Lücken, die auch durch bessere Koordination nicht behoben werden können.

Die Fragen stellte Ulrich von der Osten.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen