Politik
Video

Der IS verdient den Namen nicht: So denkt der "Islam der Mitte"

Von Dominik Schneider

Sie tragen keine langen Bärte, ihre Frauen sind nicht voll verschleiert: Die deutschen Muslime wehren sich gegen das Image ihrer Religion. Sie wollen nur eines: Ein vollwertiger Teil einer friedlichen Gesellschaft sein.

"Ich bin Jude, wenn Synagogen brennen. Ich bin Christ, wenn Christen verfolgt werden. Und ich bin Moslem, wenn eine Moschee beschädigt wird." Aiman Mazyek, Vorsitzender des Zentralrats der Muslime, gilt als liberal. Er vertritt einen "Islam der Mitte", wie er sagt, und setzt sich für Frieden und die Verbesserung der Außenwahrnehmung seiner Religion ein. Gemeinsam mit Vertretern anderer muslimischer Organisationen hat er für Freitag zum gemeinsamen Gebet für den Frieden in alle deutschen Moscheen geladen. Er wünscht sich, dass auch Andersgläubige diesem Ruf folgen.

Die Aktion steht unter dem Motto "Muslime stehen auf gegen Hass und Unrecht". Organisiert wird sie vom Koaltionsrat der Muslime, einem Zusammenschluss religiöser Vereinigungen. Gemeinsam stehen sie mit etwa 2000 Moscheen für den Großteil des islamischen Lebens in Deutschland.

Als ein moderner, toleranter Muslim kann Mazyek nicht alle Strömungen des Islam akzeptieren: "Im Moment sehen wir, wie der Islam von Verbrechern gekidnappt wird. Der so genannte Islamische Staat verdient den Namen nicht", sagt er. Der Organisation, die im Nahen Osten ein Terrorregime aufbaut, spricht er jedes islamische Fundament ab. Nach Mazyeks Ansicht hat die überwältigende Mehrheit der Muslime, die die Gewalt im Namen des Glaubens ablehnt, die Deutungshoheit. Wer im Namen der Religion Unschuldige tötet, habe "keinen Platz in der Gesellschaft". Auch den Begriff "radikal-islamisch" will er nicht in Verbindung mit dem IS bringen. "Was diese Menschen tun, ist nicht islamisch."

Die Verantwortung liegt bei der ganzen Gesellschaft

Das freundliche Gesicht des Islam: (v.l.) Seyfi Ögütlü, Aiman Mazyek, Ali Kizilkaya und Zekeriye Altug.
Das freundliche Gesicht des Islam: (v.l.) Seyfi Ögütlü, Aiman Mazyek, Ali Kizilkaya und Zekeriye Altug.(Foto: picture alliance / dpa)

Aiman Mazyeks sorgt sich um den Ruf seines Glaubens: Laut einer Studie des Instituts für Menschenrechte hält die Mehrheit der Deutschen den Islam für rückwärtsgewandt, fanatisch und undemokratisch.

"Man darf zu Unrecht nicht schweigen", sagt Mazyek. Aber nicht nur den Opfern des IS widerfahre Unrecht, sondern auch den friedlichen Muslimen in Deutschland, die oft in einen Topf mit den Fundamentalisten geworfen werden. Durch die häufige Berichterstattung über Radikale werde durch die Medien das negative Islambild gefestigt. Gleichzeitig entsteht bei vielen Muslimen ein negatives Medienbild. Gerade daher seien Aktionen wie das geplante gemeinsame Gebet wichtig für die Verständigung zwischen Muslimen und Andersgläubigen, die in einer Gesellschaft zusammenleben.

Mazyeks Ansichten werden von anderen offiziellen Vertretern des Islam geteilt. Ali Kizilkaya, Vorsitzender des Islamrats, sagt: "Der Islam hat in Deutschland zu lange neben der Gesellschaft hergelebt". Man müsse sich gegenseitig kennenlernen, nichts könne die direkte Begegnung ersetzen. Auch Seyfi Ögütlü vom Verband Islamischer Kulturzentren betont die Wichtigkeit eines gegenseitigen Verständnisses. Die dunkle Seite des Islam, die der westlichen Gesellschaft Angst macht, sei weniger ein religiöses als ein soziales Phänomen. Daher müsse auch die ganze Gesellschaft eine Lösung finden, nicht die Muslime allein.

"Nicht eintönig, sondern bunt"

Dass die Fundamentalisten eine Randerscheinung des Islam sind, betont der Außenbeauftragte der Türkisch-Islamischen Union, Zekeriye Altug. Nach seiner Auffassung radikalisieren sich vor allem unerfahrene Muslime, die das Pech haben, an die falschen Lehrer zu geraten. Für viele Jugendliche habe der Kampf für den angeblich richtigen Islam eine "Videospiel-Romantik". Sie auf diesem Weg der Fehlleitung zu erreichen, sei schwierig: Erstens verkehren die Radikalen nicht in den gemäßigten Gemeinden, zweitens scheuen viele Muslime den Kontakt zu Fanatikern, um nicht mit ihnen in Verbindung gebracht zu werden. "Der Ruf der Gemeinde ist vielen Muslimen im Zweifel wichtiger als die Zukunft des Einzelnen". Einzige Chance sei es, die Attraktivität der Islam zu erhöhen.

Der Islam sei "nicht eintönig, sondern bunt", sagt Altug. Wenn man diese Bootschaft in die Welt tragen könne, so würde man den "Islam der Mitte" für Jugendliche, die drohen, sich zu radikalisieren, attraktiver machen. Außerdem würde er dann auch von Außen besser wahrgenommen werden. Damit den Muslimen in Deutschland das gelingt, könne man "nur beten, denn das ist das stärkste Werkzeug des Gläubigen. Alles andere ist Politik."

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen