Politik
Politiker, Wähler, Schauspieler und Tiere - die Parteien werben mit sehr unterschiedlichen Methoden.
Politiker, Wähler, Schauspieler und Tiere - die Parteien werben mit sehr unterschiedlichen Methoden.

Merkel mit Schminke, Brüderle mit Butter: Wählen Sie den besten TV-Spot!

Von Hubertus Volmer

Nur 90 Sekunden dauert ein Wahlwerbespot, anderthalb Minuten, mit denen die Parteien die Wähler überzeugen wollen. Doch wollen die Wähler die Kanzlerin aus nächster Nähe sehen, wollen sie wissen, was eine Schauspielschülerin über Callcenter denkt? Entscheiden Sie selbst: Wählen Sie den besten - oder am wenigsten schlechten - TV-Spot.

Die CDU: Keine Experimente

"Es gibt Momente, das steht viel auf dem Spiel", säuselt Bundeskanzlerin Angela Merkel im roten Blazer auf schwarzem Sessel. "In der Euro-Krise zum Beispiel." Sanfte Gitarrenmusik durchweht eine leere Altbauwohnung. "Oft betreten wir auch Neuland." Wie bitte? Neuland, mit diesem Wort hatte Merkel doch unlängst das Internet bezeichnet und war dafür nach allen Regeln der Kunst verhöhnt worden!

Ironisch ist dieser Spot jedoch nicht, das hier ist ernst gemeint, gnadenlos ernst. Irgendjemand hat die Bundeskanzlerin überredet, eine weich gespülte, übertrieben eindringlich sprechende Märchentante darzustellen. Die Kamera kommt ihr so nah, dass man die Schminke erkennen kann - ausgerechnet bei Merkel. Von der unverkrampften und zugleich hölzernen Art der Kanzlerin - jener eigentümlich Mischung, mit der sie sich öffentlich bewegt, durch die sie authentisch wirkt - ist hier nichts zu sehen. Die Macher sind bestimmt sehr stolz auf ihr Werk. Wenn sie ein bisschen Glück haben, lassen sich Merkels Wähler nicht abschrecken.

Themen: Euro-Krise. Wirtschaft. Arbeitsplätze. Merkel. Merkel. Und Merkel.
Zitat: "Das darf jetzt nicht aufs Spiel gesetzt werden."
Farben: Schwarz und Rot.
Atmosphäre: Verträumt bis verschlafen. Lieber nicht den Wähler wecken.

Die SPD: Auftritt der Laienspielschar

Die Agentur der SPD ist mit einem roten Pult durch Deutschland gezogen und hat normale Bürger gefragt, was sie sich von der Politik wünschen - eine Frage, die Kanzlerkandidat Peer Steinbrück auch gelegentlich stellt. Das Ergebnis sind 90 Sekunden, in denen unterschiedliche Typen auftreten: ein Bayer und ein Norddeutscher. Eine tätowierte Mutter mit tiefem Ausschnitt, der es trotz ihrer mutmaßlich sachsen-anhaltischen Herkunft schwerfällt, einen Kindergartenplatz zu finden. Ein Mann mit Ruhrgebiets-Akzent, der sagt: "Wir brauchen 'nen Mindestlohn, absolut!" Eine Familie auf einem Campingplatz, die sich um die Rente sorgt.

Der Kanzlerkandidat tritt erst in den letzten 12 Sekunden des Spots auf. "Darum will ich Bundeskanzler werden", sagt Peer Steinbrück. "Weil in Deutschland etwas aus dem Lot geraten ist." An dieser Stelle dürften die meisten Zuschauer schon vergessen haben, worum es in dem Spot überhaupt ging.

Zur Erinnerung: Kinderbetreuung, Bildung, Banken, Zwei-Klassen-Medizin, Mindestlohn, Rente.
Zitat: Was hat der Bayer am Anfang des Spots noch mal gesagt?
Musik: Keine - ein echter Pluspunkt.
Stimmung: Ein bisschen wütend, aber irgendwie auch nicht so richtig.

Die Grünen: Die Meta-Ebene rollt durchs Land

"Für Wahlwerbung tragen die Parteien die Verantwortung", deklamiert Jürgen Trittin. "Für 90 Sekunden ..." Dann gibt er ab an Katrin Göring-Eckardt. "Wir wollen Verantwortung für dieses Land übernehmen, und zwar für viel, viel länger." Dann schiebt sie eine grüne Scheibe an, die von da ab durch den Spot rollt. "Und du?", steht darauf, wie auf den Plakaten der Grünen.

Abwechselnd formulieren Trittin und Göring-Eckardt nun die Forderungen der Partei. Am Ende sagt Trittin: "Übrigens: Die Zeit für unseren Spot ist fast um." Und Göring-Eckardt antwortet: "Wir finden, die Zeit von Schwarz-Gelb ist es auch." Sie guckt dabei, wie man ein Kind anschaut, das zu viel Süßes gefuttert hat: streng, aber auch freundlich, ein bisschen kokett.

Themen: Kinderarmut, Kitas, Energieeffizienz, erneuerbare Energie, Arbeitsplätze, ökologische Landwirtschaft.
Zitat: "Also, mir schmeckt Massentierhaltung nicht." (Trittin)
Idee: Schon konventionell, aber mit dem roten Faden einer Meta-Ebene.
Stimmung: Gute Laune. Eine echte Leistung.

Die FDP: Brüderle schmiert sich ein Brot

Die Sonne geht auf, Kräne drehen sich. "Deutschland geht es gut", sagt der Sprecher aus dem Off mit warmer Stimme. Eine Straßenbahn fährt über den Alexanderplatz. Moment, das hat man doch schon gesehen! Und zwar tausendfach, der Spot der FDP reiht austauschbare Bilder aneinander.

Eine Szene (zu finden an Stelle 1:19) wollen die Liberalen jetzt wirklich austauschen: Dem Blogger Dennis Sulzmann war aufgefallen, dass die FDP an einer Stelle exakt dieselben Bilder für ihren Spot nutzt wie die NPD. Die von der FDP beauftragte Agentur Reinsclassen habe für das Filmchen "frei zugängliches Material" eingekauft, sagte FDP-Sprecher Peter Blechschmidt dazu. Jetzt soll die Passage - es handelt sich um weniger als zwei Sekunden - durch andere (vermutlich ebenso belanglose) Bilder ersetzt werden.

Nicht ersetzt werden die Szenen mit FDP-Spitzenkandidat Rainer Brüderle. "Menschen, die hart arbeiten, denen darf man nicht die Butter vom Brot nehmen", nuschelt der Pfälzer, während er sich in einem Bistro eine Schnitte schmiert. "Rot-Rot-Grün ist nicht das Gelbe vom Ei", fügt er hinzu und löffelt dabei ein selbiges. "Rot-Rot-Grün", vier Mal sagt Brüderle das. Am Ende schiebt er einen Pfeffer- und einen Salzstreuer zu einem "PS" zusammen und sagt: "Übrigens: Zweitstimme FDP".

Themen: Brot und Butter.
Zitat: Mit der FDP gibt es "keine Steuern auf die Steuern".
Musik: Wie im Fahrstuhl.
P.S.: Verschwörungstheoretiker behaupten, Brüderle wolle mit dem Kürzel "PS" auf den Kanzlerkandidaten der SPD hinweisen und ihm gewissermaßen durch die Blume eine Ampel-Koalition in Aussicht stellen. Doch, bei allem Respekt: So viel Tiefgang gibt der Spot nicht her.

Die Linke: Einfach dagegen

"In unserem Callcenter ist es verboten, sich gewerkschaftlich zu organisieren", sagt eine junge Frau vor weißem Hintergrund. Sie sieht allerdings gar nicht aus wie eine Callcenter-Mitarbeiterin, eher wie eine Schauspielschülerin, die jetzt mal so richtig sozial engagiertes Theater macht. Auf sie folgen weitere Menschen, die sich aufregen. Witzig ist die Idee, wie die Sprecher einer nach dem anderen zum Schweigen gebracht werden. Weniger originell ist der Schluss. "Es geht doch nur noch um Gewinne und um Profite", mault die Schauspielschülerin.

Der Spot entspricht den Plakaten, die die Linke schon benutzte, als sie noch PDS hieß und Oskar Lafontaine noch Chef der SPD war: sehr puristisch, anfangs recht ausgefallen, von Wahl zu Wahl allerdings immer langweiliger.

Themen: Einfach dagegen.
Farben: Weiß und Rot, am Ende bunt.
Atmosphäre: Keine.
Gastauftritte: Die Stimmen von Angela Merkel und Guido Westerwelle.

Die CSU: Seehofer vor Apfel und Salz

Bevor es losgeht, muss Horst Seehofer erst einmal tief durchatmen. Wie beim Merkel-Spot bestehen die 90 Sekunden der CSU ausschließlich aus dem sprechenden Parteichef. Die Inszenierung ist allerdings nicht so übertrieben: Seehofer sitzt in einem (ansonsten offenbar leeren) Gasthaus. Und anders als Merkel sieht Seehofer sich ähnlich.

Der Ministerpräsident spricht konzentriert. Vor ihm steht ein Brett mit Apfelstücken, ein Glas Wasser sowie Salz und Pfeffer. Die Tischdecke ist aus Plastik. Isst man in Bayern Äpfel mit Salz und Pfeffer? So viel Ernsthaftigkeit, so viel demonstrative Bescheidenheit ist ungewohnt bei Seehofer.

Natürlich ist die Bescheidenheit nur gespielt, tatsächlich strotzt der Spot nur so von bayerischem Selbstbewusstsein: "Das ist die Einladung an die Bundesregierung: Schaut auf Bayern. Wir reden nicht nur klug daher", sagt Seehofer und muss nun selbst ein bisschen lachen, "sondern machen die Dinge auch gut."

Seehofer zitiert Seehofer: "Die größte Gefahr für die Zukunft lauert immer im Erfolg der Gegenwart."
Musik: Zuerst keine, dann Bläser. Nett.
Atmosphäre: Spartanisch.
Und sonst: So viel Ruhe muss man erst einmal in 90 Sekunden unterbringen. Favorit!

Die AfD: Unser ganzes Geld

Es ist Wahlkampf, da greift auch eine von Professoren gegründete Partei zu einfachen Botschaften. "In unserem Wahlkampf geht es vornehmlich um Europa, es geht um die europäische Währung, um den Frieden in Europa, um den Rechtsstaat, um die freiheitliche Demokratie", sagte Joachim Starbatty im Interview mit n-tv.de. Im Wahlwerbespot der AfD geht es um den Ärger über die EU.

"Haben Sie sich schon mal gefragt, warum unser ganzes Geld nach Griechenland geht und nicht in unsere kaputten Straßen und Brücken?", fragt ein empörter Mann auf einer Autobahnbrücke. Ein eingeblendetes Plakat verrät, dass "unser Geld" auch an "unsere Rentner" gehen soll, statt in die Euro-Rettung gesteckt zu werden. Bei Starbatty klang das etwas anders, da klang Mitgefühl mit den Griechen durch: "Die ganzen Hilfsgelder sind bisher zu 90 Prozent an die Banken geflossen, Griechenland hat dadurch nur seine Schulden vergrößert", hatte er gesagt.

Stimmung: Empört, wie bei den Linken.
Was fehlt: Der Slogan "Milliarden für die Rentner!"
Wer fehlt: Bernd Lucke. Seltsamerweise taucht der Gründer der AfD in dem Spot nicht auf.
Zitat: "Haben Sie sich schon mal gefragt, warum nicht alle Einwanderer hier bei uns in Deutschland etwas leisten müssen?", fragt ein Mann mit Migrationshintergrund, der Arzt ist oder einen Arzt darstellen soll.

Die Piratenpartei: Warum da noch wählen gehen?

Das ist denn doch ein wenig überraschend: "In unserem Land braucht das Akrobatik-Ensemble Trier keine Bühne mehr", das ist der erste Satz im Neunzigsekünder der Piraten. "Denn Bankenrettungen sind uns wichtiger als Kultureinrichtungen." Es folgen die Lehrerin Gabriele S., die Kinder ohne Internet unterrichtet, der Historiker Lutz-Christian A., der vom Arbeitsamt auf eine Baustelle geschickt wird, und Anna R., die eine traurige Cannabis-Pflanze in den Händen hält.

Das ist alles ironisch gemeint, aber es zündet nicht. "Und am 22. September ist Bundestagswahl?", fragt der Sprecher schließlich. "Warum da noch wählen gehen?" Die Antwort wird später eingeblendet, aber da ist es schon zu spät.

Themen: Bedingungsloses Grundeinkommen, Adoptionsrecht für Homosexuelle, Überwachung.
Ästhetik: Weiß, wie bei den Linken.
Stimmung: Leicht deprimiert. Passt gar nicht zu den Piraten. Oder doch?
Besser: Der "Full Metal Wahlspot" des fränkischen Piraten Emanuel Kotzian.

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Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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