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Flüchtlinge campieren im Hafen von Piräus.
Flüchtlinge campieren im Hafen von Piräus.(Foto: imago/ZUMA Press)

Die Krise in der Krise: Sogar die Hilfe der Griechen ist endlich

Von Vasso Gildizi, Athen

Seit Mazedonien Flüchtlinge nur noch in geringer Zahl ins Land lässt, stecken Zehntausende in Griechenland fest. Bislang konnte sich die Regierung auf die Hilfsbereitschaft der kleinen Leute verlassen. Damit könnte bald Schluss sein.

"Diese Kinder! Diese Kinder! Ich kann diese Kinder nicht mehr leiden sehen!", sagt meine Nachbarin Argyro und fragt, ob ich ihr helfen könne, ein paar Tüten mit Lebensmitteln und Hygieneartikeln, "was man so braucht", zu "den Menschen da draußen" zu bringen.

Von morgens bis abends werden die Griechen mit Bildern von Männern und Frauen bombardiert, von geknickten Menschen, die auf dem nackten Boden schlafen, auf dem Viktoria-Platz in Athen, in den Passagierhallen im Hafen von Piräus oder im Schlamm von Idomeni. Alte Leute, die nur mit einer Decke kalte Winternächte im Freien verbringen müssen, Kinder mit zerschlissenen Schuhen, fiebernde Babys in den Armen ihrer besorgten Mütter.

Ob es sich um politisch verfolgte Asylbewerber handelt, um Kriegsflüchtlinge oder Wirtschaftsmigranten, scheint den meisten Griechen egal zu sein. Zu Hunderten strömen sie zu den Sammelstellen und bringen Einkaufstaschen für die Flüchtlinge. Oft sind selbstgemachte Butterbrote und selbstgebackener Kuchen in den Tüten, warmes Essen, Wasserflaschen, Medikamente, Schuhe. Selbst viele ältere Griechen nehmen einen langen Weg mit öffentlichen Verkehrsmitteln auf sich, um den Gestrandeten zu helfen. Viele der Helfer beziehen nur kleine Renten. Was sie heute geben, wir morgen in ihrer Haushaltskasse fehlen.

"Wir waren doch auch mal Flüchtlinge!"

Der 80-jährigen Argyro und ihrem bettlägerigen Mann steht eine Rente von weniger als 1000 Euro zur Verfügung. In den letzten Jahren wurden die Renten wegen der Sparmaßnahmen mehrmals gekürzt, das Gesundheitswesen ist teuer geworden, einen Sozialstaat gibt es praktisch nicht. Für das Paar haben sich die monatlichen Ausgaben erheblich erhöht – nicht nur wegen der Krankheit des Mannes, sondern auch, weil nach den Mehrwehrsteuererhöhungen im letzten Sommer die Preise für Lebensmittel explodierten. "Ich kann diese Menschen nicht im Stich lassen, wir waren doch auch mal Flüchtlinge", sagt Argyro mit zittriger Stimme.

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"Wir waren auch mal Flüchtlinge!" Das hört man in Griechenland immer wieder, und man wird an die zwei Millionen Griechen erinnert, die 1922 im Kleinasien-Krieg fliehen mussten, an die Hunderttausende, die ihr Leben in der Türkei ließen. Jeder kennt die Familiengeschichten, wie die Menschen damals auf engen Booten nach Griechenland fuhren.

Nach einer Untersuchung der gemeinnützigen Organisation Dianeosis haben seit dem Frühling 2015, als der Flüchtlingsstrom einsetzte, mehr als die Hälfte der Griechen in irgendeiner Form geholfen. Wenn das stimmt, dann ist dies "eine der größten Demonstrationen von Solidarität in der modernen Geschichte des griechischen Staates", kommentierte die Organisation in einem Bericht.

"Es ist sehr interessant, dass es meist Arbeitslose oder die schlecht bezahlten Leute sind, die täglich nach Piräus gehen, um zu helfen", sagt die Journalistin Ioanna Iliadi. Die 50-Jährige war selbst für mehrere Monate arbeitslos, kämpfte ums finanzielle Überleben. Sie packte kräftig bei der Pan-Piraiki-Solidaritätsbewegung an, ging mitten in der Nacht zum Hafen, wenn die Schiffe von den Inseln ankamen, lud schwere Spendenkartons aus, verteilte hunderte Essportionen. "Es war für mich selbstverständlich zu helfen, ich war ja ohne Arbeit und hatte Zeit", sagt sie, auch wenn es für sie oft hieß: entweder 1,20 Euro für einen Fahrschein nach Piräus zu bezahlen oder ein Brot zu kaufen.

"Irgendwann ist mal Schluss"

Doch seit ein paar Tagen ändert sich die Stimmung im Land. "Wie lange noch können und werden die Menschen Spenden geben?", fragt sich Giorgos, ein Rentner. "Wir sind noch voll in der Wirtschaftskrise. Irgendwann ist mal Schluss. Was wird dann mit den Flüchtlingen passieren?" Seine Schwägerin Eleni meint, sie habe gerne geholfen, aber sie habe geglaubt, "dass die Flüchtlinge nur vorübergehend hier sind und weiterziehen werden".

Die Szenarien der letzten Tage, die Perspektive, dass die Flüchtlinge zwei bis drei Jahre hier bleiben werden, wie Migrationsminister Yannis Mouzalas sagte, machen den Griechen Sorge. "Ich habe so ein ungutes Gefühl. Werden diese Menschen in Zeltlagern zusammengepfercht und nichts zu tun haben den ganzen Tag?", fragt Eleni.

Im Gegensatz zu Deutschland hat Griechenland kaum die Infrastruktur, um Asylsuchende, Flüchtlinge oder Wirtschaftsmigranten zu beherbergen, zu versorgen, zu beschäftigen, ihnen Bildung oder gar Arbeit anzubieten. Es heißt, dass die Flüchtlingskinder sich an Schulen werden anmelden können. Aber auch dafür bräuchte man spezielle Strukturen. Wenn die fehlen, wird es Probleme geben. "Ich fürchte, etwas Böses könnte sich hier zusammenbrauen", sagt Giorgos. "Diese Menschen werden irgendwann Arbeit haben wollen, und es gibt nicht mal Arbeit für unsere Leute", fügt Eleni hinzu.

Im sechsten Jahr der Wirtschaftskrise ist immer noch einer von vier Griechen ohne Arbeit, viele sind langzeitarbeitslos. Die Arbeitslosenhilfe von 360 Euro brutto gibt es nur für ein Jahr. Dann ist jeder seinem Schicksal überlassen. Inoffiziell dürfte die Arbeitslosenzahl viel höher sein. Als "arbeitslos" wird nur registriert, wer schon mal Arbeitnehmer war.

Die rassistische Partei "Goldene Morgenröte" hat sich bereits kräftig in die Proteste gegen Hot-Spots und Flüchtlingslager auf der Insel Kos, in der Gemeinde Diavata im Bezirk Thessaloniki und in Schisto in Athen eingemischt. In den Militärkasernen von Diavata und Schisto, die zu Aufnahmelagern für Flüchtlinge umgewandelt wurden, haben Unbekannte Schweineköpfe an die Zäune gehängt und das Blut auf den Boden geschmiert. Das griechische Internet wird mit Bildern und rassistische Slogans überflutet. Handfeste Beweise, dass die rechtsextreme Partei hinter dieser Aktion steckt, gibt es nicht. Doch manch einer fragt sich, ob es Zufall war, dass Mitglieder und Abgeordnete der Goldenen Morgenröte die Proteste anführten.

Diese deutlich rassistischen Symbole gegen Muslime sind vergleichsweise neu in der politischen Kultur Griechenlands. Trotz der extremen Krise des Landes hat die Goldene Morgenröte bei der Wahl im vergangenen September weniger als 7 Prozent der Stimmen erzielt. Angesichts der jüngsten Entwicklungen befürchten viele Griechen, dass das Land mit dem Virus des Rechtsextremismus infiziert werden könnte.

Quelle: n-tv.de

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